Sturm Sandy erreicht die US-Ostküste: Polizeistreife in Brooklyn, New York © Keith Bedford/Reuters

Menschenleere Straßen und Bahnhöfe, Sandsäcke im kniehohen Wasser: Bereits vor seiner Ankunft auf dem US-Festland hat Wirbelsturm Sandy in Teilen der Ostküste mit Überflutungen und massiven Stromausfällen katastrophale Zustände ausgelöst. Schulen blieben geschlossen, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen gingen in den Sparmodus . Züge und Busse blieben im Depot, Flüge wurden gestrichen. Zum ersten Mal seit 27 Jahren schloss in New York die Börse, auch am Dienstag bleibt der Handel ausgesetzt.

Dem Sender CNN zufolge sind bereits rund 1,5 Millionen Menschen in mehreren Bundesstaaten von der Stromversorgung abgeschnitten.

In den Küstenstädten brachten sich Hunderttausende Anwohner aus den ufernahen Regionen in Sicherheit. Die örtlichen Behörden wiesen Evakuierungszonen aus und richteten Notlager ein. Auch in New York brachte der Sturm das öffentliche Leben schon vor seiner Ankunft fast zum Stillstand. Die U-Bahn wurde ebenso wie viele Straßentunnel aus Angst vor Überflutung gesperrt . Erste Sturmschäden wurden bereits gemeldet: Unter anderem stürzte auf der New Yorker West Side ein Baukran um.

"Es wird Leute geben, die durch diesen Sturm getötet werden."

Der Gouverneur von Maryland , Martin O'Malley, warnte die Menschen in seinem Bundesstaat, dass es Tote geben werde. Sandy werde 24 bis 36 Stunden über Maryland hängen, sagte O'Malley. "Die nächsten Tage werden schwer werden. Es wird Leute geben, die durch diesen Sturm getötet werden."

Das Nationale Hurrikanzentrum der USA hat Sandy mittlerweile vom Hurrikan zum Post-Tropensturm herabgestuft. Sandy verliere an Kraft, seine Windgeschwindigkeiten erreichten aber immer noch bis zu 135 Kilometer pro Stunde. Am Dienstagmorgen hatte der Sturm in der Nähe der US-Staaten New Jersey und Delaware fast das Festland erreicht. Bei Kings Point im Staat New York erreichten die Wellen nach Angaben des Hurrikanzentrums eine Höhe von 3,8 Metern.

Präsident Barack Obama sagte Wahlkampf-Termine in Florida und Wisconsin ab, um sich dem Krisenmanagement zu widmen . In einer Ansprache stellte er die Bewohner des Katastrophengebietes auf tagelangen Stromausfall ein. Zwar stünden Lebensmittel, Wasser und Notstromaggregate bereit, sagte er. Doch er warnte: "Das wird ein schwieriger Sturm werden." Obamas Herausforderer Mitt Romney sagte ebenfalls Auftritte ab. Es sei nun Zeit, "für die Nation und ihre Anführer zusammenzurücken", sagte er.

Auf seinem Weg an die US-Küste kamen wegen Sandy wahrscheinlich zwei weitere Menschen um, nachdem der Hurrikan in der Karibik mindestens 67 Menschen den Tod brachte. Die US-Küstenwache rettete 14 Menschen aus Seenot, die vor der Küste auf dem Großsegler HMS Bounty unterwegs waren. Ein weiteres Crew-Mitglied konnte später ohnmächtig aus dem Wasser gezogen und in ein Krankenhaus gebracht werden. Der 63 Jahre alte Kapitän des Schiffes werde als letztes Mitglied der Besatzung aber weiterhin vermisst.

In Seenot geraten

Der Großsegler ist eine Nachbildung eines historischen Segelboots aus dem 18. Jahrhundert, das durch eine Meuterei 1789 bekannt wurde. Die tragische Geschichte wurde literarisch und filmisch unter dem Titel Meuterei auf der Bounty bekannt.

Die HMS Bounty war vergangene Woche von Connecticut in Richtung Florida aufgebrochen. Rund 200 Kilometer vor der Küste von North Carolina war das Schiff laut Angaben der Reederei in Seenot geraten. Die Besatzung hatte den Großsegler etwa 150 Kilometer südöstlich von North Carolina aufgegeben, war in Rettungsboote gestiegen und hatte Hilfsrufe gefunkt.

Mehr als 1.100 Kilometer lang ist der Küstenstreifen von Maine bis nach South Carolina , der die Auswirkungen zu spüren bekommen könnte . Die Sturmschäden könnten sich nach Ansicht von Fachleuten auf etwa drei Milliarden Dollar (2,3 Milliarden Euro) belaufen. Wegen des Sturms sollten allein in New York fast 400.000 Bewohner ihre Häuser verlassen. Insgesamt könnten rund 60 Millionen Menschen betroffen sein, schätzte der Energieversorger National Grid.

Meteorologen erläuterten, Sandy sei ein seltener Super-Sturm, bei dem arktische Luftströme sich um den aus den Tropen kommenden Wirbelsturm wickeln. Sie halten bis zu 30 Zentimeter Niederschlag für möglich. In den Höhenzügen kann bis knapp einen Meter Schnee fallen. Vom Auge des Sturms bis zu seinen entferntesten Ausläufern liegen mehr als 800 Kilometer – ein enormes Ausmaß, für das Sandy als einmalig eingestuft wird.

Sandy könnte Präsidentschaftswahl beeinflussen

Die vorhergesagten tagelangen Stromausfälle würden nicht nur den Wahlkampf in den elektronischen Medien beeinträchtigen. Wahlhelfer beider Lager befürchten auch, dass Sandy Frühwähler an der Wahl hindert. Wenn der Sturm das gesamte öffentliche Leben lahmlegt, können sie weder selbst wählen gehen noch – wie in mehreren Bundesstaaten an der Ostküste üblich – per Briefwahl abstimmen.

Vom Sturm betroffen ist auch der Swing State Virginia. Wegen einer hohen Zahl von Wechselwählern ist der Bundesstaat heiß umkämpft. Gouverneur Bob McDonnell könnte nach Informationen des Center for Democracy and Election Management die Abstimmung per Wahlgesetz bis zu 14 Tage verschieben lassen.

Die New York Times und das Wall Street Journal stellen Nachrichten über den herannahenden Hurrikan kostenfrei online zur Verfügung . Normalerweise sind beide Webseiten mit einer Bezahlschranke versehen.

In Deutschland strich die Lufthansa zwölf Flüge aus Frankfurt in die USA , darunter vier nach New York, je drei weitere nach Washington und Newark sowie je einer nach Boston und Philadelphia.