Erdbeben : Italienische Seismologen wegen fehlender Warnung verurteilt

Ein Gericht hat sieben Forscher zu Haftstrafen verurteilt. Sie sollen das Erdbebenrisiko in Norditalien verharmlost haben. Beim Beben 2009 waren 300 Menschen umgekommen.
Der damalige Vize-Direktor der Katastrophenschutzbehörde, Bernardo De Barnardinis, im Gerichtssaal © Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Drei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben in der Region L'Aquila sind sieben italienische Experten wegen fahrlässiger Tötung zu jeweils sechs Jahren Haft verurteilt worden. Richter Marco Billi befand die Mitglieder einer staatlichen Kommission zur Risikoeinschätzung schuldig, durch ihre falsche Einschätzung der Gefahr Mitschuld am Tod der 309 Opfer des Erdbeben vom 6. April 2009 zu tragen .

"Es wurde nicht erwartet, dass sie das Erdbeben vorhersagen, doch sie sollten die Menschen vor der Gefahr warnen ", sagte Anwältin Wania dell Vigna, die elf Erdbebenopfer vertrat. Aldo Scimia, dessen Mutter bei dem Beben starb, sagte, die Angeklagten hätten bei ihrer Aufgabe versagt, Sicherheit zu gewährleisten. Eine Frau sagte, ihre Schwester sei durch die Experten beruhigt worden und habe daher in der Nacht des Bebens zu Hause geschlafen.

Forscher riet Bevölkerung, sich zu entspannen

Die sieben Mitglieder der Kommission für große Risiken waren am 31. März 2009 bei einem Treffen in L'Aquila zu dem Schluss gekommen, dass trotz einer Reihe von Erdstößen in der Region kein erhöhtes Risiko bestehe. Der damalige Vize-Direktor der Katastrophenschutzbehörde, Bernardo De Bernardinis, hatte in den Medien erklärt, es bestehe "keine Gefahr". In einer besonders umstrittenen Äußerung riet er der Bevölkerung, sich bei einem Glas Wein zu entspannen.

Entsprechend waren keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen angeordnet worden. Neben Bernardinis gehörten der Kommission sechs Wissenschaftler an, darunter der Erdbebenexperte Enzo Boschi. Während Bernardinis sich darauf berief, dass die Wissenschaftler ihm versichert hätten, dass die kleinen Erdstöße zur Entladung der Spannung in der Erdkruste beigetragen hätten, bestritten die Wissenschaftler, solche Äußerungen gemacht zu haben.

Erdbeben könnten nicht vorausgesagt werden

Die Staatsanwaltschaft hatte Ende September jeweils vier Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung gefordert. Die Analyse der angeklagten Experten kurz vor dem Beben sei "unzureichend und untauglich" gewesen, sagte Staatsanwalt Fabio Picuti zur Begründung. Am Montag verwies Picuti darauf, dass der Leiter der US-Behörde für Katastrophenschutz (FEMA) zurückgetreten sei, nachdem seine Behörde 2005 den verheerenden Hurrikan "Katrina" in New Orleans nicht vorausgesagt hatte.

Der Verteidiger Alfredo Biondi, der den Experten Claudio Eva vertrat, wies den Vergleich jedoch zurück. "Fluten und Hurrikane können vorausgesagt werden, Erdbeben nicht." Die Verteidigung forderte den Freispruch aller Angeklagten. Zum Prozessauftakt hatten bereits mehr als 5.000 Wissenschaftler in einem offenen Brief beklagt, dass den Angeklagten ein Strafprozess gemacht werde, obwohl die Vorhersage von Erdbeben bislang technisch unmöglich sei. Alle Verurteilten bleiben zunächst auf freiem Fuß und können gegen das Urteil Berufung einlegen.

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Kommentare

60 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

In der Regel kein Urteil ohne fachliches Gutachten.

ich bin davon überzeugt, dass es ein Gutachten zum Thema Wahrscheinlichkeit eines fatalen Erdbebens gab, dem das Gericht gefolgt ist.

Wenn Erdbebensachverständige >>> "zu dem Schluss kommen, dass trotz einer Reihe von Erdstößen in der Region kein erhöhtes Risiko bestehe." und diese Einschätzung sich als nachweislich falsch erweist, ist das grob fahrlässig. Jedem Ingenieur, der ein Hochhaus oder eine Brücke falsch auslegt für den Fall eines Ereignisses mit einer nicht allzu geringen Wahrscheinlichkeit, drohen ähnliche Konsequenzen. Jeder Arzt muss sich seine Diagnose im Fall eines Fehlers vorhalten lassen. Sich mit der Unvorsagbarkeit eines einzelnen Erdbebens herauszureden und dabei offensichtlich die statistischen Grundlagen der eigenen Wissenschaft zu ignorieren, ist dreist.

Wie erklärt man

das am Besten. Kein erhöhtes Risiko bedeutet, dass die Wahrscheilichkeit eines Bebens gleich bleibt. Also das die Menschen das gleiche Risiko haben wie an anderen Tagen auch. Es kann trotzdem Beben.

Es gibt Menschen die haben einen 6er im Lotto was für jeden einzelnen Spieler eine Wahrscheinlichkeit von ca 7*10^(-11) bedeutet passiert aber. Ua dadurch, dass genügend Menschen Lotto spielen. Die Wissenschaftler sollen nun für einen bestimmten Zeitraum sagen, ob ein höheres Risiko besteht. (Kein Wissenschaftler wird sagen es wird nicht beben).
Nun ist das Risiko gleich wie in jedem andern gleich langem Zeitraum auch. Was sollen die Wissenschaftler sagen?

Wissenschaftler erarbeiten die Fakten und halten sich daran.
Es wird meist sogar (zu Recht) ein Trimtramborium darum veranstalltet, dass die Erwartungen/Ansichten/Vorurteile der beteiligten Wissenschaftler keinen Einfluss auf das Ergebnis hat.

Nochmal Wenn ein Ereignis auftritt, bedeutet das nicht, dass in der Vergangenheit als Wahrscheinlich vorausgesagt sein muss.

Derjenige der Vorwarnte

lag anscheinend davor öfter mal falsch...

Das ist wie mit den Schafen und dem Wolf. Wird halt zu oft nach dem Wolf gebrüllt, dieser sei da... und er war der Erfahrung nach nicht da... die Glaubwürdigkeit sinkt.

Modelle sind schön und gut aber deren vorhergesagten Ergeignisse treten nicht immer ein. -Sagt schon das Wort Wahrscheinlichkeiten!- Ansonsten hätten wir eine vorhersagbare Welt und keine Naturkatastrophe auf der Welt dürfte menschliche Opfer haben... da ja vorhersagbar...

Wie war das mit "Ihr Argument ist nicht gültig?!!"

E.

Das Urteil ist ein Skandal aber typisch für Italien

Zunächst:: In der Stellungnahme der jetzt verurteilten Wissenschaftler stand aber auch unmissverständllich, "das ein Beben nicht ausgeschlosssen werden kann"....

Und genauer geht es eben zur Zeit bei Erdbeben nicht, trotz seismischer Aktivitätrn ist keine genaue Prognose, wann ein starkes Bebnen und wo genau eventuell folgen wird, möglich !

Was hätte man also tun sollen ? Ein ganze Region "bis auf weiteres" vorsorglich räumen lassen sollen ?!

Den Aufschrei und die Empörung einer solchen Maßnahme/Vorschlages hätte ich auch von politischer Seite hören wollen ...

Da stellen sich mir doch ganz andere, drängende Fragen. Wie sieht es aus mit verbindlichen Baugesetzten, die in dieser ausgewiesen erdbebengefährdeten Region erdbebensichere Gebäude speziell, Schulen, Kindergärten etc. VORSCHREIBT und auch effektiv kontrolliert ?

Soll mit dem Urteil vielleicht von Korruption in Behörden und Mafiaverbindungungen abgelenkt werden ? Soll ein vordergründiger Sündenbock präsentiert werden ?

Das gefällte Urteil ist absurd ! Ist es überhaupt endgültig rechtskräftig ?

Ich widerspreche Ihrer Argumentation

"ich bin davon überzeugt, dass es ein Gutachten zum Thema Wahrscheinlichkeit eines fatalen Erdbebens gab, dem das Gericht gefolgt ist." Das mag sein. Aber wie das mit Gutachten und Gegengutacht vor Gericht ist, sehen wir z.B. an den Fällen Kachelmann und Schavan.
Nächster Punkt:
Der von Ihnen angesprochene Ingenieur mit dem Hochhaus hat Vorschriften einzuhalten, die er kennt. Sollte also ein Hochhaus zusammenbrechen, wird ein Gericht fragen, wer hat konkret gegen welche Vorschrift verstoßen. Das dürfte aber im hiesigen Fall nicht möglich sein. Was man machen müsste, ist, zu fragen: Welche Indizien lagen vor, aus denen Experten zumindest eine erhöhte Gefahr hätten ableiten können. Aus den Vorbeben? Aus Messungen seismischer Aktivitäten, die wir als Öffentlichkeit nicht kennen? Einen Experte im Nachhinein nur deshalb abzustrafen, weil ein Ereignis, dass er als unwahrscheinlich eingestuft hat, eingetreten ist, geht nicht. Weil eben auch unwahrscheinliche Ereignisse eintreten können. Das ist wie mit den Wertpapieren, die die Banken ihren Kunden verkaufen und die dann wertlos werden. Da muss der Kunde auch der Bank nachweisen, dass ihr vorher Fakten bekannt waren, durch die das Verlust-Risiko von einem Experten anders hätte eingeschätzt werden müssen, als es dem Kunden gegenüber getan wurde.

Wissenschaftler sind keine Wahrsager!

... und sie sollten sich auch nicht dazu machen lassen. Insofern haben die Seismologen alles richtig gemacht, und werden noch dafür bestraft.
Wie ein König, der seinen Astrologen einen Kopf kürzer machen lässt, weil er den Ausgang seines Feldzugs nicht richtig vorhergesagt hat... Das ist wirklich mittelalterlich.

Ein Wunder das man sie nicht gleich auf dem Scheiterhaufen...

...geschickt hat.
Statt sich mit der Tatsache auseinander zu setzen, dass die Wissenschaft eben auch nicht so allmächtig ist wie man (teilweise auch sie selbst) uns glauben machen will, greift man auf Methoden des 15. und 16 Jahrhunderts zurück.
Schlechtes Wetter wird von der Waldhexe verursacht und der Blitz schlug ins Haus weil der Nachbar mti dem Teufel im Bunde ist.

Kein Mensch wäre gerettet worden, wenn die Wissenschaftler eine Wahrnung ausgesprochen hätten, kein einziger.