L'Aquila-UrteilAn Naturkatastrophen kann kein Mensch schuld sein

Sie sahen das Unberechenbare nicht kommen und wurden verurteilt: Der Richterspruch gegen Erdbebenforscher ist empörend und gefährlich. Ein Kommentar von 

Keine Woche nach dem Beben vom 6. April 2009 läuft ein Feuerwehrmann durch die Trümmer eines Hauses in L'Aquila.

Keine Woche nach dem Beben vom 6. April 2009 läuft ein Feuerwehrmann durch die Trümmer eines Hauses in L'Aquila.  |  © Giuseppe Cacace/AFP/Getty Images

Sechs Jahre Gefängnis, weil sie das Erdbeben nicht kommen sahen. Nach einem verzweifelten Prozess haben italienische Richter Wissenschaftler und Zivilschützer verurteilt. Sie hätten nicht ausreichend vor den Erdstößen gewarnt, die am 6. April vor drei Jahren 309 Menschen in L'Aquila töteten und Teile der Stadt in Schutt und Asche legten.

Sie trifft die Schuld, dass die Menschen nicht flohen, sagt das Gericht. Verharmlost hätten die Forscher die Anzeichen. Täglich hatte es vor der Katastrophe Beben in der Region Abruzzen gegeben, die schließlich Ende März 2009 auch für die Bewohner spürbar wurden. Waren dies denn keine untrüglichen Vorboten?

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Die Antwort lautet Nein. Ob Wetter oder Erdgrollen: Naturgewalten sind unberechenbar und unvorhersehbar – zumindest in ihrem exakten Ausmaß und in ihrer Kurzfristigkeit. Darin sind sich Wissenschaftler weltweit einig.

Entsprechend absurd ist der Richterspruch. Nach dieser Logik könnte man tagtäglich Meteorologen verurteilen, wenn sie Sonnenschein, Hagel oder Schnee nicht richtig vorhersagen. Und dabei lässt sich das Wetter im Vergleich zu Erdbeben sogar noch recht genau prognostizieren.

Haarsträubend ist es, die unkontrollierbaren Kräfte im Untergrund der Erde zur Basis eines Prozesses wegen fahrlässiger Tötung zu erklären. Aus Nachlässigkeit und Unfähigkeit hätten die Verurteilten oberflächliche und irreführende Information zur drohenden Gefahr gegeben. "Es wurde nicht erwartet, dass sie das Erdbeben vorhersagen, doch sie sollten die Menschen vor der Gefahr warnen", sagte die Anwältin Wania dell Vigna, die einige Hinterbliebene von Erdbebenopfern vertreten hat.

Wie soll aber vor etwas gewarnt werden, auf dessen Eintritt zu wetten weit riskanter ist als beim Münzwurf auf Zahl zu setzen?

Das Urteil von L'Aquila hilft nicht, die Tragödie ungeschehen zu machen, die neben Leben auch die Wohnungen von rund 50.000 Menschen zerstörten. Das Leid der Hinterbliebenen und Betroffenen ist groß, die Suche nach einem Schuldigen nur allzu menschlich. Doch die Wissenschaftler für ihr Unwissen zu bestrafen, ist der falsche Weg.

Der Richterspruch zeigt, dass Justiz und Wissenschaft inkompatible Systeme sind. Wer sich als Forscher künftig zur Erdbebengefahr äußert und das Dilemma vorträgt, "Man wisse nur, dass man nichts weiß", der muss mit einem Strafprozess rechnen, wenn der Boden torkelt und Städte verwüstet. Seismologen werden sich künftig hüten, Einschätzungen zu geben. Und das in einem Land, in dessen Untergrund sich drei Platten verhaken. Da schiebt sich die afrikanische gegen die europäische und unter der Po-Ebene keilt die adriatische Scholle hinein. Ganz zu schweigen von der Gefahr, die vor den Toren der Millionenstadt Neapel rund 1.300 Meter gen Himmel ragt: ein aktiver Vulkan, der Vesuv .

Sven Stockrahm
Sven Stockrahm

Sven Stockrahm ist Redakteur im Ressort Wissen bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Forscher können helfen, diese Naturgewalten zu verstehen. Aber sie können nicht die Verantwortung dafür übernehmen, wenn höhere Gewalten wirken.

Das Urteil von L'Aquila ist nicht nur absurd. Es lässt vergessen, nach denen zu fahnden, die tatsächlich einen Teil der Schuld tragen. Schließlich weiß jeder, dass Italien Erdbebengebiet ist . Seit Jahren leuchten Regionen auf Erdbebenkarten bis hinein ins Rötliche, in denen verheerende Beben seit Jahrhunderten immer wieder auftreten.

Längst ist möglich, was seit Jahrzehnten in Städten wie L'Aquila versäumt wird: Häuser und Gebäude zu errichten, die selbst starken Erdstößen standhalten. Doch das ist teuer.

Der Tonfall einiger Mitglieder der Kommission in den Tagen vor dem verheerenden Beben war sicher auch unangebracht. So riet der damalige Vizedirektor des Zivilschutzes dazu, Ruhe zu bewahren. Die Leute sollten ein schönes Glas Rotwein trinken, sagte Bernardo De Bernardinis auf einer Pressekonferenz kurz vor der Katastrophe.

Zu keinem Zeitpunkt aber wurde behauptet, dass ein starkes Beben auszuschließen wäre. Ob das Urteil in der nächsten Instanz noch aufgehoben wird, ist ungewiss. Sicher ist aber: Das nächste große Beben wird kommen. Und dann braucht Italien starke Wissenschaftler, die nicht mit einem Bein im Gefängnis stehen.

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Leserkommentare
  1. "An Naturkatastrophen kann kein Mensch schuld sein" – lassen Sie das bloß nicht die Fundamentalisten der Church of Global Warning lesen. Da jeev et Klöpp, wie man im Rheinland sagt ;-)

    11 Leserempfehlungen
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    • Salagne
    • 23. Oktober 2012 14:30 Uhr

    Schreiben sie sich an einer Universität für Umweltmanagement oder Umweltwissenschaften ein und ihnen werden die Augen eventuell ein Stück geöffnet.

    • edgar
    • 23. Oktober 2012 17:17 Uhr

    ist bei der Verlinkung etwas schief gelaufen.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Die Redaktion/mak

    2 Leserempfehlungen
  3. ... beweist Italien, dass es eine "Bananen-Republik" ist.

    Solche Show-Prozesse dienen nur um einen Schuldigen zu finden. Koste es was es wolle.
    Bleibt zu hoffen, dass das Urteil in zweiter Instanz aufgehoben wird. Sonst sollte sich die EU mal erstnahft gedanken über Italiens Mitgliedschaft machen.
    Mein Mitleid ist bei den Wissenschaftlern!

    21 Leserempfehlungen
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    • tinnef
    • 23. Oktober 2012 13:54 Uhr

    dort passiert etwas, das schon lange fällig ist.

    Denn wenn sich ein s.g. Experte hinstellt und sagt es passiert nichts trinkt ein Glas Wein, dann weiß man welchen Geistes Kind er ist.

    Auch sollten sie sich einfach mal kundig machen wer in ihrem Land, für solche Fragen verantwortlich ist, welche Qualifikation die Person hat und wie akurat seine bisherigen Leistungen auf dem Gebiet der Vorhersage sind.

    Denn mir persönlich würde Angst und Bange werden, wenn ich weiß, dass in D Facharbeiter für Wasserbau Hochwassermanagmentpläne entwickeln, weil die billiger als Hydrologen mit Uniabschluss sind, oder das in Ämtern Personen sitzen die vlt. formal einen adäquaten Abschluss haben, aber in ihrem gesamten Leben noch nie modelliert haben oder in der Praxis tätig waren, und ihre Anstellung nur aufgrund von Gender oder Vitamin erhalten haben.

    Wenn sich solche Rechtssprechungen durchsetzen würden, müssten auch in D die Ämter und verantwortlichen Stellen umdenken und es gäbe nicht soviele Fehlplanungen.

    Was passiert eigentlich mit den Richtern der ersten Instanz, sollte das Urteil in der zweiten Instanz aufgehoben werden? Wandern die dann wegen fahrlässigen Falschurteilens für ein paar Jahre ins Gefängnis?

    helfen wenig, wenn man nicht genau weiß worüber man schreibt..

    Die Banane ist in diesem Fall ein gelber Bumerang.

    • TDU
    • 23. Oktober 2012 13:13 Uhr

    Das i-Türfelchen wäre natürlich allen denen, die sich in gefährdeten Gebieten niederlassen, also in fruchtbaren Vulkangebieten, in der Nähe von wasserreichen Erdspalten oder in Gebieten mit Hochwassergefahr, ein Mitverschulen zu zuweisen und eine Selbstbeteiligung an der Schadensregulierung zu fordern.

    Präventiv dann eine Art Gefahrengebietsteuer einzuführen.

    5 Leserempfehlungen
  4. ... die Seizmologen von der nächsten Instanz freigesprochen. Und ebenso hoffe ich, dass viele viele Klimajünger diesen Urteil lesen werden und nachdenken.

    2 Leserempfehlungen
    • postit
    • 23. Oktober 2012 13:14 Uhr

    und er kann's auch nicht.

    Schönen Tag noch
    postit

  5. ...das ist keine wissenschaftliche Frage, sondern eine juristische, ob man hier bestraft.

    Fest steht, dass sich die Leute in Sicherheit wiegten, wegen einer Aussage, man brauche sich keine Sorge machen.

    Das könnte schon nach deutschem Strafrecht Probleme machen,
    so meinen die Vertreter der Lehre von der individuellen Vermeidbarkeit z.B. folgendes:

    Der Täter haftet, wenn er auch individuell in Ansehung seiner Kenntnisse und Fähigkeiten einen Sorgfaltspflichtverstoß begangen hat. Für die Strafbarkeit ist daher irrelevant, ob dieser
    individuelle Sorgfaltspflichtverstoß auch obj. Sorgfaltspflichtmaßstäbe verletzt.

    Also, wenn man hingeht, und sagt statt "Leute, es kann jederzeit ein größeres Erdbeben geben" "die Leute sollten ein Gals Rotwein trinken", dann ist das fahrlässig, wobei zählt, was positiv gesagt wurde, nicht, was nicht gesagt wurde, denn die Leute sind noch weniger Hellseher, wie die Wissenschaftler.

    6 Leserempfehlungen
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    • farn
    • 23. Oktober 2012 13:28 Uhr

    "...das ist keine wissenschaftliche Frage, sondern eine juristische, ob man hier bestraft.[...]"

    Folgendes: Über Katastrophen kann die beste Wissenschaft bisher nur Wahrscheinlichkeiten liefern - kleine Erdbeben können Vorankündigung sein, oder eben einfaches "Bauchgrummeln" ohne Hintergrund. Zwar können Wissenschaftler logischerweise Daten meist (!) besser interpretieren als der Laie, ist aber wie dieser nicht vor Irrtümern gefeit, vA bei schlecht vorhersagbaren Ereignissen, zu denen auch die Erdbeben zählen. Jemanden deswegen einzulochen, weil er es nicht hat besser wissen können (und das ist schlicht der Punkt - es wurde ja kein Stuss in wissenschaftlicher Hinsicht verzapft, es hätte ja tatsächlich so sein können!), hat eine gefährliche Signalwirkung:
    Ein Wissenschaftler wird unter diesen Umständen einen Teufel tun und Empfehlungen abgeben, wenn er für deren Falschheit trotz wissenschaftlicher Nachvollziehbarkeit bis Richtigkeit eingebuchtet werden kann. Damit schaltet man auch die Warnlampen aus, die Leben retten können, weshalb die Fahrlässigkeit eigentlich von den Richtern ausgeht!

    Das ist falsch, denn offenbar haben die Forscher angegeben, dass keine erhöhte Wahrscheinlichkeit besteht, Wahrscheinlichkeit und Gefahr aber wie immer hoch sind. Die Leute haben verstanden, dass keine Gefahr besteht. Der Fehler liegt also bei den Menschen, obwohl die ja auch eigentlich keine Wahl haben, ausser dass sie umsiedeln könnten. Das wäre eh anzuraten, oder sich zumindest angemessen vorzubereiten.
    In Chile gab es bei dem verheerenden Beben vor zwei Jahren, einem der stärksten Beben der Menschheitsgeschichte, nur wenige Tote, die meisten aufgrund des anschliessenden Tsunamis. Jede Backsteinwand wird alle 3 Meter mit Stahlbetonpfeilern verstärkt, und selbst die traditionelle Adobebauweise ist einigermassen erdbebensicher.
    Übrigens sind in Chile gerade Erdbebenvorhersager gross im Kurs. Leider werden sie alle paar Wochen Lügen gestraft, weil sie ausser Schamanismus nichts auf Lager haben.

    • RPT
    • 23. Oktober 2012 14:22 Uhr

    Auch wenn sie Indikatoren messen, die nach derzeitigem Kenntnisstand der Wissenschaft die Wahrscheinlichkeit eines Erbebens in der nächsten Zeit höher erscheinen lassen nicht. Denn wenn es eine Flucht gibt, vielleicht ein Panik und dabei Leute zu schaden kommen - es aber kein Erdbeben gibt, dann wären sie ja wieder Schuld. Also sagen sie nicht, fahren höchstens selber weg. Am besten sie bitten jemand am Telefon ihnen eine Mail zu schicken und sie irgendwohin einzuladen. Damit ihnen im Falle dass es ein Erdbeben gibt nicht unterstellt wird, sie wären weggefahren weil sie von der Gefahr wussten, aber nicht gewarnt haben und wieder Schuld sind wenn Menschen zu schaden gekommen sind.

    Juristen urteilen nach Regeln ihrer Welt über eine Welt von der sie offenbar rein nicht verstehen.

    weil es in ihr offenes Cabrio geregnet hat, obwohl gar kein Regen angesagt war. Da kann man echt nur noch mit dem Kopf schütteln ...

    Als Wissenschaftler würde ich (in solchen belangen bin ich gerne gehässig) nach diesem Urteil sämtliche Beratungstätigkeiten vollständig einstellen.
    Auf das beim nächsten Beben noch mehr ihr Häusle verlieren, beim nächsten Vulkanausbruch ganze Industrienationen lahmgelegt werden.
    [...]
    Hätten es diese Wissenschaftler besser gewusst, hätten Sie Anhaltpunkte für einen Evakuierungsaufruf gefunden, so hätten Sie alles in die Wege geleitet, was nötig gewesen wäre.
    Eine Wissenschaft, welche Wissen schaft, gibt es nicht.
    ALLE Erkenntnisse sind VERMUTUNGEN, die auf ERFAHRUNGEN/INTERPRETATIONEN beruhen. Kein Wissenschaftler wird jemals in der Lage sein zu sagen, am 30.12.2012 um 15:10 Uhr und 12 Sekunden wird es ein starkes Erdbeben der Stärke 8.0/einen Vulkanausbruch geben.
    [..]
    Dieser Fall hätte wenn überhaupt, nur vor einem Untersuchungsausschuss verhandelt werden dürfen, bei dem Leute vom Fach in Gremium sitzen würden. Denn nur die sind in der Lage, die von Seiten der Wissenschaftler getroffen Entscheidungen zu falsifizieren oder zu bestätigen.
    Showprozess mit Opferlämmern. Und sowas ist in der EU.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik und Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/jp

    Ihre Meinung ist schwer zu verstehen, wenn es keine berechenbare Wahrscheinlichkeit für oder gegen ein Naturereignis gibt. Da ist nichts leichtfertig, denn es kann keine vernünftige Aussage geben. Nach den Quellen im Netz über Details des Desasters (aquila earthquake wiki) gab es davor jemanden, der einen Monat davor im Fernsehen (!) gewarnt hatte , aber beim Ort Sulmona daneben lag (50km entfernt) und der wegen Alarmismus mundtot gemacht wurde, und zwar von den Behörden. Ironie dabei: Er hatte sich offenbar auf untaugliche Mittel berufen (Radon), die die Wissenschaft längst abgelehnt hat. Der Director des Geophysikalischen Instituts Italiens sagte dazu:
    "Every time there is an earthquake there are people who claim to have predicted it. As far as I know nobody predicted this earthquake with precision. It is not possible to predict earthquakes." Noch Fragen, lieber Jurist? es gibt ja gottseidank noch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (und gegen Vodoo Justiz).

    • paul12
    • 23. Oktober 2012 13:19 Uhr

    "Er war Jurist und auch sonst nur von mäßigem Verstand"

    Mehr kann einem dazu nicht einfallen.

    MFG

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Asche | Erdstoß | Gefängnis | Katastrophe | Prozess | Region
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