Immer wieder zeigen die Fernsehbilder minutenlang diesen Kran. Wie er dort hängt und droht hinabzustürzen in die Straßenschluchten der Stadt. Der Baukran an der 57. Straße ist zum symbolträchtigen Windmesser für die Stadt und ihre Bewohner geworden. Schon durch die Vorboten des Hurrikans, der gegen Mitternacht das Festland erreichte, war die Spitze des Krans vom starken Wind abgebrochen worden. Nur noch an wenigen Kabeln scheint der riesige Stahlkörper seitdem rund 300 Meter über New York zu baumeln.

Den ganzen Tag über berichtet der Lokalsender CBS in Sondersendungen über den nahenden Wirbelsturm. Für viele New Yorker ist das Fernsehen der einzige Kontakt zur Außenwelt. Die meisten Brücken der Stadt sind seit Stunden geschlossen, viele Tunnel, die die Insel Manhattan mit den Außenbezirken der Stadt verbinden, sind geflutet, die Wassermassen bahnen sich ihren Weg. Die Bilder, die die Kameras vom Brooklyn-Battery-Tunnel zeigen, erinnern bald an einen Wasserfall.

Auch in Park Slope, einem Stadtteil von Brooklyn , bleibt am Abend zu Hause, wer kann. Die Straßen sind leer gefegt, die meisten Ladenbesitzer haben ihre Geschäfte am frühen Nachmittag schon geschlossen. Auf der 5th Avenue, der geschäftigen Haupteinkaufsstraße des Bezirkes, auf der sich sonst die Menschen in Cafés und Bistros tummeln, herrscht schon Stunden bevor Sandy eintrifft gespenstische Stille. Als eines der letzten Restaurants hat gegen 18 Uhr Pork Slope seine Türen geöffnet, nur ein paar Plätze an der Bar sind besetzt. Essen findet man auch hier nicht mehr. "No Food" kündigt ein Schild in der Tür an.

Einem Hochhaus reißt es die Fassade weg

Währenddessen wütet Sandy über der Stadt. In Manhattans Stadtteil Chelsea hat der Sturm die Fassade eines vierstöckigen Wohnhauses weggerissen, das, was übrig ist, wirkt wie ein riesiges Puppenhaus. Der tief gelegene Battery Park an der Südspitze Manhattans ist überflutet, der angrenzende Finanzdistrikt wurde evakuiert. Auf weit über vier Meter ist die Brandung angestiegen. Vor der New York Stock Exchange stand schon am frühen Morgen nicht mal mehr das Sicherheitspersonal. Ähnliche Bilder gibt es aus vielen Küstenstreifen Brooklyns. Auf Twitter findet sich das Bild einer Zugstation in Hoboken im Nachbarstaat New Jersey, in der das Wasser durch den Aufzugschacht in die Halle schießt. Die Bilder der Webcams, die den Sturm über New York von den höchsten Gebäuden der Stadt einfangen, wackeln bis zur Unkenntlichkeit.

Als Hurrikan der Kategorie 1 trifft Sandy in der Nähe von Atlantic City, etwa zwei Autostunden südlich von New York, gegen 20 Uhr auf das Festland.

In New York hat Con Edison, der Hauptstromversorger der Stadt, Teile Lower Manhattans vorsorglich vom Netz genommen. 6.500 Anwohner sind über Stunden ohne Strom, im Laufe der Nacht steigt die Zahl auf 300.000, wenig später sind über 400.000 New Yorker betroffen. 10.000 Notanrufe gehen bei den Behörden jede halbe Stunde ein. Eine Joggerin im Brooklyner Prospect Park wurde von einem herabfallenden Ast schwer verletzt, in Queens im Nordwesten der Stadt stirbt ein 29-jähriger Mann.

Zehntausende Menschen mussten ihre Gebäude verlassen und wurden in den mehr als 70 Notunterkünften der Stadt untergebracht. Auch die YMCA-Sporthalle in Park Slope wurde kurzerhand in ein Nachtlager umgewandelt. Dort harren die Menschen aus. Schon am Abend steht fest: Sandy wird weit mehr Schaden anrichten als Irene im August 2011.

Viele haben noch Taschenlampen und Klebeband gekauft

Die Bewohner der zahllosen Wolkenkratzer spüren, wie ihre Gebäude wackeln, die Türen knarren von der Bewegung. Überall haben die Menschen ihre Badewannen vorsorglich mit Wasser gefüllt, die Supermärkte waren schon am Tag zuvor zu großen Teilen leer gekauft. "Ich habe noch nie so viel verkauft wie an diesem Sonntag", erzählt Peter Leopoldi, Inhaber von Leopoldi Hardware in Brooklyn. Taschenlampen, Batterien, Klebeband – bei ihm haben sich die Anwohner mit dem Nötigsten ausgestattet. Jetzt versuchen sie, das Beste aus dem erzwungenen Stillstand zu machen. Sie treffen sich zum Kartenspiel bei den Nachbarn oder kochen das erste Mal seit Langem, weil der übliche Lieferdienst heute ausfällt.

Ein Großteil der seit Jahrzehnten nicht renovierten Gebäude ist auf solche Verhältnisse nicht vorbereitet. In vielen Apartments läuft das Wasser durch Fenster und Decken. Wo die Stromversorgung nicht unterbrochen ist, flackern immer wieder die Lampen, der Radioempfang ist gestört. Wie lange hält der Strom, das ist die wichtigste Frage, die die Menschen in den Häusern umtreibt, denn die Leitungen verlaufen vielerorts oberirdisch und sind anfällig für die Böen.