Klimawandel : Die Antarktis wächst doch nicht

Lange Zeit dachten Forscher, dass das Eis am Südpol trotz Erderwärmung zunimmt. Doch laut einer neuen Studie ist das ein Irrtum: Offenbar schmelzen beide Polkappen.
Der Sheldon-Gletscher auf der Adelaide-Insel in der Antarktis © Nasa/Reuters

Der Meeresspiegel steigt und gefährdet viele Siedlungen an den Küsten. Einen wesentlichen Anteil am anschwellenden Wasser haben große Eismassen, die infolge steigender Temperaturen schmelzen. Wie die Schmelze aber im Detail verläuft, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Während der Eisverlust in Grönland weitgehend unstrittig ist, wurde für die Antarktis immer wieder eine Zunahme des Eises konstatiert.

Das ist offenbar falsch. Beide Polkappen schmelzen. Zu diesem Schluss kommen mehr als 50 Forscher aus aller Welt, die die großen Eiskomplexe in Grönland und der Antarktis so genau untersucht haben wie niemand zuvor. Demnach hat allein die Schmelze in diesen Gebieten zwischen 1992 und 2011 den Meeresspiegel um elf Millimeter steigen lassen. Zwei Drittel stammen von Grönland, ein Drittel von der Antarktis, berichten Andrew Shepherd von der Universität Leeds und Kollegen im Fachblatt Science .

Diese elf Millimeter machen rund ein Fünftel des gesamten Pegelanstiegs in dieser Zeit aus. Noch wird dieser dominiert vom Schmelzwasser tauender Inlandsgletscher, etwa in den Alpen , sowie der Ausdehnung des Meerwassers: Wird es wärmer, nimmt sein Volumen zu, es schiebt sich weiter aufs Land. Der sommerliche Eisverlust um den Nordpol , der dieses Jahr besonders groß war, hat mit dem Meeresspiegel übrigens nichts zu tun. Die Schollen bilden sich von Anfang an auf dem Ozean. Tauen sie, ändert das an der Wasserhöhe nichts.

Der Einfluss der Antarktis auf den Meeresspiegel ist umstritten

Um herauszufinden, wie viel Schmelzwasser aus Grönland und der Antarktis kommt, untersuchen Forscher den Masseverlust der weißen Giganten. Dazu nutzen sie Satelliten, die Höhenänderungen feststellen – vorrangig herbeigeführt durch Gletscherneubildung beziehungsweise -schmelze. Andere Satelliten erfassen die Fließbewegungen des Eises. Ein dritte Art von Erdbeobachtern misst, wie stark sich in bestimmten Gebieten die Erdanziehungskraft ändert, was wiederum Rückschlüsse auf die vorhandene Masse erlaubt. Auch damit können Volumenänderungen des Eises bestimmt werden.

All das tun Forscher seit Jahrzehnten. Allein von 1989 an seien mehr als 30 verschiedene Abschätzungen darüber erschienen, wie stark Grönland und die Antarktis den Meeresspiegel beeinflusst haben, berichtet das Team um Shepherd. Die Ergebnisse seien sehr verschieden; der Beitrag reiche, je nach Autoren, von minus 0,4 bis plus 2,0 Millimeter pro Jahr.

Mit der jetzt erschienenen Studie haben die Wissenschaftler versucht, endlich Klarheit über die Eisschilde zu gewinnen. Sie haben zahlreiche Satellitendaten erneut herangezogen, systematisch miteinander verglichen und zu einem großen Bild zusammengefügt. Damit hätten sie die Genauigkeit mehr als verdoppelt.

Schmelzende Inlandsgletscher lassen die Ozeane ansteigen

Zwischen 1992 und 2011 haben Grönland und die Antarktis demnach rund 4.000 Milliarden Tonnen Eis verloren und den Meeresspiegel um 11,1 Millimeter erhöht. Das entspricht einem Plus von 0,6 Millimetern im Jahr. Die Forscher rechnen damit, dass der Verlust an den großen Eiskomplexen künftig noch stärker zum Pegelanstieg beitragen wird.

Bislang "führen" dabei die Inlandsgletscher. Das zeigte erst vor kurzem wieder eine Studie von Ben Marzeion von der Universität Innsbruck und Kollegen in The Cryosphere . Sie hatten für die letzten hundert Jahre die Veränderungen aller rund 300.000 Gletscher auf der Erde simuliert und die Ergebnisse mit mehreren tausend Einzelmessungen vor Ort abgeglichen. Demnach ließen die schwindenden Gletscher von den Alpen bis zu den Anden zwischen 1902 und 2009 die Meere um rund elf Zentimeter steigen – das ist mehr als die Hälfte des insgesamt verzeichneten Plus von 20 Zentimetern.

Modellrechnungen bergen Unsicherheiten

"In diesem Jahrhundert werden Grönland und Antarktis den ersten Platz übernehmen", sagt Marzeion. Die Inlandsgletscher, die schon heute weniger als ein Prozent der gesamten Eismenge der Erde enthalten, werden in den nächsten Jahren weiter schrumpfen. "Wenn kein Gletscher mehr da ist, kann er auch kein Schmelzwasser liefern", sagt der Geoforscher. Seinen Modellen zufolge könnten die Alpen bis 2040 etwa die Hälfte ihres Eises verlieren und bis 2.100 auf 10 bis 30 Prozent ihrer heutigen Größe schrumpfen. "Man muss sich aber auch bewusst sein, dass alle Modellierungen mit Unsicherheiten behaftet sind", sagt er.

Das zeigt etwa eine Studie eines Teams um Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in den Environmental Research Letters . Sie verglichen Daten des Meeresspiegelanstiegs mit den Erwartungen des Weltklimarates . Demnach steigt das Wasser schneller , als das Gremium in seinen mittleren Prognosen angab. "Im Unterschied zur Physik der globalen Erwärmung selbst ist der Meeresspiegelanstieg deutlich komplexer", sagt Rahmstorf laut Mitteilung des PIK. "Es ist wichtig immer wieder zu prüfen, wie gut frühere Prognosen mit dem seither beobachteten tatsächlichen Verlauf übereinstimmen, um künftige Projektionen zu verbessern." Bis zum Ende des Jahrhunderts rechnet der Weltklimarat mit einem Meeresspiegelanstieg von etwa einem halben Meter.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

65 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Komisch, ich hab bei Sheperd etwas anderes gelesen,

mal davon abgesehen, dass es nur am geographischen Südpol eine Kappe i.e.S. gibt, schmelzen Eismassen immer unter ihrem Eigengewicht.
S. versucht das mit einem Methodenvergleich etwas genauer zu quantifizieren und bleibt dabei sehr zurückhaltend, denn diese Vergleichsuntersuchung hat primär die Schwierigkeiten aus wechselhaften Einflüssen, wie der Veränderung der Mantelviskosität auf GRACE, aufgezeigt.

Auch die Differenzbildung aus Eismassenverlust zu gesamtem Oberflächenabfluss ist laut Autor mit Vorsicht zu genießen, feheln hier doch z.B. der anthropogene Anteil durch Gewinnung und das gesamte Sedimentvolumen.

Auch die Erwähnung von Herrn R. mit einer selektiven Auswahl von dessen Prognosedaten ist hier verfehlt:

"Im IPCC Report aus den Jahr 2007 schrieb er:
Gemessener Anstieg Meeresspiegel 1993-2003 3,1 mm/a, er setzte noch eins drauf, bis 2006 3,3 mm/a.
Komisch nun sind es 3,2 mm/a und seiner Aussage nach 60% mehr als 2007 angenommen? "

Kommt kein Gedanke an eine Modellkritik auf?

Und die Größenordnung der thermischen Expansion würde ich angesichts der bisher in-situ gemessenen Temperaturverteilungen nochmal gründlich überdenken.

Auch sollte die Verwendung von "der Meeresspiegel" endlich der genauen Angeb weichen, welche der möglichen Bezugshöhen er denn tatsächlich meint. Ohne solchen Bezug ist die Aussage ziemlicher Blödsinn!

MfG KM

dann mal Butter bei die Fische

Wie viel Eis gewinnt den der Mensch am Südpol? Und wie groß ist denn der Einfluss der Bezugshöhe des Meeresspiegels auf die Angabe der jährlichen Rate? Im übrigen habe ich verstanden, dass es um den ANTEIL der Eisschmelze an der Erhöhung des Meeresspiegels geht, nicht um den absoluten Wert. Insofern ist die Plattentektonik und Sedimentbildung nur ein Ablenkmanöver. Tendenziell müsste der Spiegel sogar noch höner steigen, weil ein Verlust des Eispanzers eine Entlastung der Platte bewirkt, wodurch sie aufsteigt. Das ist aber nur ein lokaler Prozess. Ich vermute aber, dass hier einfach eine Mengenbilanz des Eisverlustes aufgestellt wurde und diese auf die Wasseroberfläche verteilt wurde. Das man dabei davon ausgeht, das nicht wesentliche Landmassen auf einmal von der Landkarte verschwinden, halte ich für plausibel, insbesondere bei der Verteilung von Wasserfläche zu Landmasse, die mehr als 1m über dem lokalen Meeresspiegel liegt.

Sehr geehrter umzu,

dei Wassergewinnung wirkt sich direkt auf das Volumen des oberirdischen Abfluses aus, da in den meisten Ländern eher das gewinnbare Dargebot denn das nutzbare Dargebot gewonnen werden.

Der Autor verweist sowohl auf die Problematik der relativen Anteilsbestimmung wie auf quantitative Aspekte, zu letzteren Betrachtungen spielen Abfluss und Erosion sehr wohl eine Rolle.
Isostasie ist auch so eine Sache, am skandinavischen Schild sehre wir die Folgen de flächigen Eisverlustes sehr gut, nur warum wird bisher das Aufsteigen des Festlandssockels nicht volumenmäßig in die Betrachtungen einbezogen, ein "lokaler Prozess" ist das allerdings nicht, wenn man die Auswirkungen betrachtet?

Im Allgemeinen nehmen übrigens die Erosionsraten mit steigender Reliefenergie, also dem Aufsteigen einer Landmasse, zu.

Was ist eine "nicht wesentliche Landmasse" und in welchem Kontext steht diese zum Artikel?

MfG KM

relevante Landmasse

Sehr geehrter Müller Karl,

Ich frage mich eher, warum Sie von Wärmeeinträgen in konstruktiven Zonen und Süßwassergewinnung schreiben. Der Artikel handelt davon, dass die Eismassenbilanz des antarktischen Festlandeises genauer bestimmt wurde als bisher und dass man sich mittlerweile sicher ist, dass das Festlandeis in Sume abnimmt, auch wenn es an einigen Stellen zunimmt. Meines Erachtens hat Süßwassergewinnung und Plattentektonik mit diesem Thema gar nichts zu tun. Der Anteil an der Meeresspiegelerhöhung kann allein aus der verlorengegangenen Eismenge berechnet werden. Andere Anteile können positiv oder negativ sein. Ob sich drr Meeresspiegel hebt und wie schnell steht dedhalb auf einem anderen Blatt, aber der Anteil des schmelzenden Eises ist eben dieser. Der Fehler in der Berechnung des Anteils kann nur in der sich mit steigendem Spiegel ändernden Küstenlinie liegen. Und der Einfluss ist meines Erachtens gering, da die betroffenen Landmassen gering sind im Vergleich zur Größe der Weltmeere.

Sehr geehrter umzu,

warum Tektonik?

Für eine Küstenlinie ohne Relativbewegugn zum Meeresspiegel ist ihre Vermutung sich ganz zutreffend.

Bei einer austeigenden Bewegung sieht es, abhängig vom Relieff schon anders aus, zumal wenn große Teile des Festlandsockels mitwachsen, wie es um Norwegen der Fll ist.

Umgekehrt ist der Volumenverlust einer großflächigen Absenkung auch entsprechend.

Der Zusammenhang zu den Sedimenten kommt daher, dass mit solchen Vertikalbewegungnen die Sedimentationsraten veränderlich sind.

Somit können die betroffenne Landmassen recht gering sein, müssen dies aber nicht.

MFG KM

und was folgt daraus

Ihrer Meinung nach im Hinblick auf die Kernaussage dieses Artikels? Die besagrt meines Erachtens nur, dass auch in der Eismassenbilanz der Antarktis in erheblichem Umfang Eis verloren geht, selbst wenn es sich lokal an einigen Stellen aufbaut. Was hat das mit Ihren Anmerkungen zu Temperaturen im Tiefenwasser und Plattentektonik mit in Summe weitestgehend neutralen Massenbilanzen.

Steigt der Meeresspiegel Ihrer Meinhng nach noch viel mehr oder eher weniger? Lassen Sie uns teilhaben an Ihren Schlüssen, nicht nur an Ihren methodischen Vorbehalten.

Kein Verlass auf Wissenschaftler

ärgerlich: Wir glaubten immer an die Wissenschaft und konnten uns beruhigen damit, dass die sicher alles immer zu dramatisch sehen. Aber auch auf die Wissenschaft(ler) ist kein Verlass. Das schmelzen geht noch schneller voran als prognostiziert. Ärgerlich. Was soll denn die Politik nun daraus folgern? Die werden doch ganz verwirrt. Und die Klimaleugner? ärgerlich...

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@Redaktion: Wie passt die Überschrift zum Artickel?
In der Überschrift steht "Die Antarktis wächst doch nicht" und "Offenbar schmelzen beide Polkappen."

Im Artickel steht dann dazu aber gar nichts sondern es werden immer Arktis und Antarktis zusammen betrachtet. Es kann also sehr wohl einen Zuwachs in der Antarktis geben, der vom Schmelzen der Arktis überkompensiert wird.

zu Rahmstorf: Wenn die Entwicklung des Meeresspiegels für ihn komplexer ist als die Entwicklung des Weltklimas, dann ist ihm wirklich nicht mehr zu helfen.

Komisch ist auch das sie kaum Jahreswerte des Meeresspiegelanstiegs angeben. Aus den 20 cm im Artikel werden dann nämlich 1,87 mm per anno. Die gleiche Zahl, aber sie klingt ganz anders.

Vielleicht einfach mal genauer lesen

und auf den Link im Artikel zum Paper klicken, es erscheint der abstract des Papers:

We combined an ensemble of satellite altimetry, interferometry, and gravimetry data sets using common geographical regions, time intervals, and models of surface mass balance and glacial isostatic adjustment to estimate the mass balance of Earth’s polar ice sheets. We find that there is good agreement between different satellite methods—especially in Greenland and West Antarctica—and that combining satellite data sets leads to greater certainty. Between 1992 and 2011, the ice sheets of Greenland, East Antarctica, West Antarctica, and the Antarctic Peninsula changed in mass by –142 ± 49, +14 ± 43, –65 ± 26, and –20 ± 14 gigatonnes year−1, respectively. Since 1992, the polar ice sheets have contributed, on average, 0.59 ± 0.20 millimeter year−1 to the rate of global sea-level rise.

Und was ist nun falsch an der Überschrift?

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"Und was ist nun falsch an der Überschrift?"

Die Überschirft ist dahingehend falsch, dass zu deren Aussage nichts im Artickel steht. Es ist nicht das paper was ich kritisiere, sondern der Artickel. Wenn im paper was steht zum Nettoeisverlust des antarktischen Festlandeises dann kann man das doch auch in den Artickel schreiben. Ansonsten macht die Überschrift keinen Sinn und stiftet nur Verwirrung.
Die Zahlen aus dem paper abzuschreiben kann bei einem Artickel im Ressort "Wissen" doch nicht so schwer sein.

@ ZEIT-Redaktion

Im Artikel steht:
Während der Eisverlust in Grönland weitgehend unstrittig ist, wurde für die Antarktis immer wieder eine Zunahme des Eises konstatiert.

Im letzten Teil bei "Zunahme des Eises" wurde auf einen jüngeren ZEIT-Artikel verlinkt. Dieser beschreibt allerdings die Zunahme des antarktischen Seeeises, während die hier vorgestellte Arbeit das antarktische Festlandeis thematisiert.

Ich bitte um Korrektur.