Der Tod kommt schleichend – aber unerbittlich. "In den ersten Jahren sieht man den Eschen kaum etwas an. Es sterben nur einzelne Zweige oder junge Bäume ab, das fällt bei einer so häufigen Art nicht weiter auf", beschreibt Ottmar Holdenrieder von der ETH Zürich den Beginn eines Prozesses, der sich inzwischen als großflächiges Eschensterben durch das gesamte mitteleuropäische Verbreitungsgebiet des Baumes bis hinauf ins Baltikum frisst.

Auch die britischen Inseln hat die Plage – eine Pilzinfektion – bereits erreicht. Dort greifen die Behörden zu drastischen Maßnahmen, um von den rund 80 Millionen Eschen Großbritanniens zumindest die zu retten, die der Erreger noch nicht befallen hat. "Es gibt keinen anderen Weg, als betroffene Bäume einzuschlagen und zu verbrennen. Erst kürzlich haben wir mehr als 100.000 Bäume zerstören lassen", sagte der britische Umweltminister Owen Paterson in einer Parlamentsanhörung.

Ob dieser radikale Ansatz den Niedergang des mythischen Weltenbaums der Germanen aufhalten kann, ist fraglich. Denn der Feind der Eschen ist ein Pilz, der sich massenhaft über den Wind ausbreiten kann und so größere Distanzen überwindet. "Erst wenn sich der Pilz in einem Gebiet soweit vermehrt hat, dass es zu einem massenhaften Sporenflug kommt – und zufällig eine geeignete Witterung herrscht –, werden viele Blätter und Zweige befallen. Dann wird die Krankheit auffällig", sagt Holdenrieder, der sich als Waldpathologe seit Jahren mit dem Erreger auseinandersetzt.

Schon seit dem Sommer sind die Bäume kahl

Dann geht es mit den örtlichen Eschen dahin: Die Blätter welken vorzeitig und fallen ab – schon im Sommer werden diese Bäume kahl. Eigentlich soll das früher Abwerfen der Blätter verhindern, dass der Schädling die Triebe und damit die nächste Laubgeneration befällt. Doch dem Falschen Weißen Stängelbecherchen ( Hymenoscyphus pseudoalbidus ) gelingt es, diese Wächterfunktion auszuhebeln. Der Pilz greift schon frühzeitig vom Blatt auf den Trieb über. Zu schnell für die Abwehrkräfte der Esche.

Dann geht es erst richtig mit der Infektion los, wie der Freiburger Forstbiologe Berthold Metzler schildert: "Es entstehen Nekrosen, die sich über die kurzen Triebe auf dickere Äste oder den Stamm verbreiten, wo sie schließlich umfangreichere Schäden im Holz verursachen können. Besonders gefährlich sind Infektionen am Stammfuß, die häufig mit dem Hallimasch (ein parasitärer, holzzersetzender Pilz, Anm. d. Red. ) vergesellschaftet sind. Dann stirbt der Baum meist schnell ab."

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Dänemark hat durch den aggressiven Eindringling bereits 90 Prozent seiner Eschen verloren – eine Dimension, die zu Recht auch andere Länder fürchten. "Ich gehe davon aus, dass sich die Anzahl der Eschen vielerorts um mindestens 90 Prozent reduzieren wird", bestätigt Holdenrieder. Und sein Kollege Metzler geht davon aus, dass in Deutschland allein in den nächsten fünf Jahren ein Drittel der Eschen absterben wird.

Woher kommt der aggressive Pilz?

Lange standen die Biologen vor einem Rätsel, woher der gefährliche Pilz stammte. Denn es existiert eine einheimische Schwesternart namens Hymenoscyphus albidus – das echte Weiße Stängelbecherchen –, die sich äußerlich und auch unter dem Mikroskop nicht von ihrem aggressiven Verwandten unterscheidet. Sie macht die Eschen nicht krank. " Hymenoscyphus albidus ist ein harmloser Blattbesiedler im Herbst und zersetzt das Falllaub", sagt Metzler. Diesen Schlauchpilz kannte die Wissenschaft seit 1851, ohne dass er jemals als schädlicher Parasit in Erscheinung getreten wäre.

Die Forscher waren ratlos, warum der Pilz plötzlich zur tödlichen Plage wurde. Schwächten Klimaveränderungen oder Umweltverschmutzung die Bäume und machten sie anfälliger für Krankheiten? Oder war Hymenoscyphus albidus mutiert und hatte eine aggressivere Variante hervorgebracht?

Erst 2010 kam durch molekulargenetische Untersuchungen heraus, dass es sich bei der Plage um eine in Europa bislang unbekannte Art handelt: das Falsche Weiße Stängelbecherchen. "Nach neuesten, noch unbestätigten Ergebnissen soll der Pilz aus Japan stammen. Er muss wohl vor etwa 20 Jahren in Nordosteuropa eingetroffen sein", meint Metzler und deutet damit an, warum die europäischen Eschen ihm so wenig entgegensetzen können: Evolutionär haben sie sich mit dem Zwilling der invasiven Art entwickelt und an diesen angepasst. Gegen den Neuankömmling fehlen die Abwehrmechanismen, weshalb sie in Massen dahinsiechen, ähnlich wie die europäischen Ulmen oder die amerikanischen Kastanien, die durch eingeschleppte Pilzkrankheiten ökologisch so gut wie ausgestorben sind.

Mehr noch: Der exotische Schlauchpilz ist auf dem Vormarsch, wie dänische Forscher um Iben Thomsen von der Universität Kopenhagen bemerkt haben: Sie hatten alte Herbarbelege von Pilz und Esche in den Museen unter die Lupe genommen und die Standorte, von denen sie stammten, aufgesucht. Während die historischen Nachweise stets das echte Weiße Stängelbecherchen zeigten, fanden Thomsen und sein Team 2010 nur noch den gefährlichen Import an diesen Orten: Hymenoscyphus pseudoalbidus hatte seinen Verwandten komplett verdrängt – und das fast europaweit. "Sammlungen neueren Datums weisen den einheimischen Pilz nur noch in Schottland , im südwestlichen England und südlichen Wales nach – Gegenden, die damals vom Eschensterben noch verschont geblieben waren", schreiben die Wissenschaftler in einer Stellungnahme.