Kranke BäumeEin Pilz tötet Europas Eschen

In fünf Jahren könnte ein Drittel der deutschen Eschen verschwunden sein. Schuld ist ein Pilz aus Japan. Jetzt wollen Forscher die wenigen resistenten Bäume klonen. von Daniel Lingenhöhl

Eine von Pilzen befallene Esche im Waldgebiet Ehrenhain in Kaltenkirchen.

Eine von Pilzen befallene Esche im Waldgebiet Ehrenhain in Kaltenkirchen.  |  © Sönke Möhl / dpa

Der Tod kommt schleichend – aber unerbittlich. "In den ersten Jahren sieht man den Eschen kaum etwas an. Es sterben nur einzelne Zweige oder junge Bäume ab, das fällt bei einer so häufigen Art nicht weiter auf", beschreibt Ottmar Holdenrieder von der ETH Zürich den Beginn eines Prozesses, der sich inzwischen als großflächiges Eschensterben durch das gesamte mitteleuropäische Verbreitungsgebiet des Baumes bis hinauf ins Baltikum frisst.

Auch die britischen Inseln hat die Plage – eine Pilzinfektion – bereits erreicht. Dort greifen die Behörden zu drastischen Maßnahmen, um von den rund 80 Millionen Eschen Großbritanniens zumindest die zu retten, die der Erreger noch nicht befallen hat. "Es gibt keinen anderen Weg, als betroffene Bäume einzuschlagen und zu verbrennen. Erst kürzlich haben wir mehr als 100.000 Bäume zerstören lassen", sagte der britische Umweltminister Owen Paterson in einer Parlamentsanhörung.

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Ob dieser radikale Ansatz den Niedergang des mythischen Weltenbaums der Germanen aufhalten kann, ist fraglich. Denn der Feind der Eschen ist ein Pilz, der sich massenhaft über den Wind ausbreiten kann und so größere Distanzen überwindet. "Erst wenn sich der Pilz in einem Gebiet soweit vermehrt hat, dass es zu einem massenhaften Sporenflug kommt – und zufällig eine geeignete Witterung herrscht –, werden viele Blätter und Zweige befallen. Dann wird die Krankheit auffällig", sagt Holdenrieder, der sich als Waldpathologe seit Jahren mit dem Erreger auseinandersetzt.

Schon seit dem Sommer sind die Bäume kahl

Dann geht es mit den örtlichen Eschen dahin: Die Blätter welken vorzeitig und fallen ab – schon im Sommer werden diese Bäume kahl. Eigentlich soll das früher Abwerfen der Blätter verhindern, dass der Schädling die Triebe und damit die nächste Laubgeneration befällt. Doch dem Falschen Weißen Stängelbecherchen ( Hymenoscyphus pseudoalbidus ) gelingt es, diese Wächterfunktion auszuhebeln. Der Pilz greift schon frühzeitig vom Blatt auf den Trieb über. Zu schnell für die Abwehrkräfte der Esche.

Dann geht es erst richtig mit der Infektion los, wie der Freiburger Forstbiologe Berthold Metzler schildert: "Es entstehen Nekrosen, die sich über die kurzen Triebe auf dickere Äste oder den Stamm verbreiten, wo sie schließlich umfangreichere Schäden im Holz verursachen können. Besonders gefährlich sind Infektionen am Stammfuß, die häufig mit dem Hallimasch (ein parasitärer, holzzersetzender Pilz, Anm. d. Red. ) vergesellschaftet sind. Dann stirbt der Baum meist schnell ab."

Erschienen auf spektrum.de

Erschienen auf spektrum.de  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

Dänemark hat durch den aggressiven Eindringling bereits 90 Prozent seiner Eschen verloren – eine Dimension, die zu Recht auch andere Länder fürchten. "Ich gehe davon aus, dass sich die Anzahl der Eschen vielerorts um mindestens 90 Prozent reduzieren wird", bestätigt Holdenrieder. Und sein Kollege Metzler geht davon aus, dass in Deutschland allein in den nächsten fünf Jahren ein Drittel der Eschen absterben wird.

Woher kommt der aggressive Pilz?

Lange standen die Biologen vor einem Rätsel, woher der gefährliche Pilz stammte. Denn es existiert eine einheimische Schwesternart namens Hymenoscyphus albidus – das echte Weiße Stängelbecherchen –, die sich äußerlich und auch unter dem Mikroskop nicht von ihrem aggressiven Verwandten unterscheidet. Sie macht die Eschen nicht krank. " Hymenoscyphus albidus ist ein harmloser Blattbesiedler im Herbst und zersetzt das Falllaub", sagt Metzler. Diesen Schlauchpilz kannte die Wissenschaft seit 1851, ohne dass er jemals als schädlicher Parasit in Erscheinung getreten wäre.

Die Forscher waren ratlos, warum der Pilz plötzlich zur tödlichen Plage wurde. Schwächten Klimaveränderungen oder Umweltverschmutzung die Bäume und machten sie anfälliger für Krankheiten? Oder war Hymenoscyphus albidus mutiert und hatte eine aggressivere Variante hervorgebracht?

Erst 2010 kam durch molekulargenetische Untersuchungen heraus, dass es sich bei der Plage um eine in Europa bislang unbekannte Art handelt: das Falsche Weiße Stängelbecherchen. "Nach neuesten, noch unbestätigten Ergebnissen soll der Pilz aus Japan stammen. Er muss wohl vor etwa 20 Jahren in Nordosteuropa eingetroffen sein", meint Metzler und deutet damit an, warum die europäischen Eschen ihm so wenig entgegensetzen können: Evolutionär haben sie sich mit dem Zwilling der invasiven Art entwickelt und an diesen angepasst. Gegen den Neuankömmling fehlen die Abwehrmechanismen, weshalb sie in Massen dahinsiechen, ähnlich wie die europäischen Ulmen oder die amerikanischen Kastanien, die durch eingeschleppte Pilzkrankheiten ökologisch so gut wie ausgestorben sind.

Mehr noch: Der exotische Schlauchpilz ist auf dem Vormarsch, wie dänische Forscher um Iben Thomsen von der Universität Kopenhagen bemerkt haben: Sie hatten alte Herbarbelege von Pilz und Esche in den Museen unter die Lupe genommen und die Standorte, von denen sie stammten, aufgesucht. Während die historischen Nachweise stets das echte Weiße Stängelbecherchen zeigten, fanden Thomsen und sein Team 2010 nur noch den gefährlichen Import an diesen Orten: Hymenoscyphus pseudoalbidus hatte seinen Verwandten komplett verdrängt – und das fast europaweit. "Sammlungen neueren Datums weisen den einheimischen Pilz nur noch in Schottland , im südwestlichen England und südlichen Wales nach – Gegenden, die damals vom Eschensterben noch verschont geblieben waren", schreiben die Wissenschaftler in einer Stellungnahme.

Leserkommentare
    • niebla
    • 27. November 2012 16:25 Uhr
    1. Fehler

    Das Foto zeigt keine Eschen sondern eindeutig Roteichen. Die sehen zwar in diesem Falle auch nicht sehr vital aus, vom Eschentriebsterben sind sie aber mit Sicherheit nicht betroffen.

    • rezz
    • 27. November 2012 16:25 Uhr
    2. Esche?

    Das Titelbild zeigt Eichenlaub, nicht Eschenlaub. Einfach mal die Googlebildersuche bemühen, dann gelingt auch einem verstädterten Onlineredakteur das korrekte Titelbild. Gibt's bestimmt auch lizenzfrei. ;)

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    • niebla
    • 27. November 2012 17:58 Uhr

    Die Kollegen vom Stern und der Bild haben es ebenfalls nciht geschafft die abgebildeten Eichen von Eschen zu unterscheiden. Bei n-tv war man dazu in der Lage.

    Ist ja interesessant, wo die Zeit so recherchiert :-D

  1. Man sollte dabei auch auf die einheimischen Flusskrebse schauen, deren Zahlen massiv zurück gegangen sind, da diese einen Pilz aus Nordamerika nicht vertragen können.

    Das ironische dabei ist, dass die ganzen gebauten Wehre, die nun wieder abgebaut werden sollen, die letzten Flusskrebs-Populationen vor den Pilz schützen.

    • Azenion
    • 27. November 2012 16:38 Uhr

    Wenn man alle Eschen im Umfeld erkrankter Exemplare auf Verdacht hin umsägt, wird man kaum resistente Bäume entdecken.

    Zu diesem Zwecke sollte man gar nichts tun und abwarten. Was dann nach einigen Jahren noch lebt, das sind die gewünschten Resistenten.

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    • iblis
    • 14. Dezember 2012 9:58 Uhr

    ... das erinnert fatal an den Fehler, der in den USA beim Versuch gemacht wurde, den Kastanienrindenkrebs an Castanea dentata auf ebendiese Weise einzudämmen.

    • H.v.T.
    • 27. November 2012 17:16 Uhr

    der von ihm wissentlich oder unwissentlich beförderte weltweite Transfer von Organismen.

    • niebla
    • 27. November 2012 17:55 Uhr

    Interessant ist das Eschentriebsterben auch im Zusammenhang mit weiteren forstpolitischen Entwicklungen. Sollten die Resistenzversuche scheitern bleibt nur noch der Einsatz gentechnsich-veränderter Baumarten, welcher aber zur Zeit höchst ungern gesehen wird und auf Grund des bestehenden Moratoriums auch noch nicht stattfinden darf. Treten diese beiden Fälle ein, so kann man die Esche getrost abschreiben. Sollten sich dann auch noch die Grünen immer weiter durchsetzen können und den Einsatz fremdländischer Baumarten aus N-Amerika oder Asien verhindern, so gehen einem ganz schnell die Alternativen für entsprechende Standorte aus.

    • niebla
    • 27. November 2012 17:58 Uhr
    7. Sosos

    Die Kollegen vom Stern und der Bild haben es ebenfalls nciht geschafft die abgebildeten Eichen von Eschen zu unterscheiden. Bei n-tv war man dazu in der Lage.

    Ist ja interesessant, wo die Zeit so recherchiert :-D

    Antwort auf "Esche?"
  2. Redaktion

    Liebe Leser.

    Da einige von Ihnen die merkwürdig eichenartigen Blätter auf dem Foto ansprachen, haben wir es zur Sicherheit ausgetauscht.

    Die dpa hatte das Bild zwar mir folgendem Text geliefert:
    "Eschen stehen am Montag (10.08.2009) im Waldgebiet Ehrenhain in Kaltenkirchen. Die Bäume sind von Pilzen befallen und zeigen zunehmend kahle Äste." Aber ein Irrtum ist nicht auszuschließen.

    Herzliche Grüße.

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    • ohno
    • 28. November 2012 21:14 Uhr

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke die Redaktion/mo.

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  • Schlagworte Forstwirtschaft | Krankheit | Pilz | Schädling | Dänemark | England
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