Verhaltensforschung : Bonobos tauschen Futter gegen Kuscheln

Anders als andere Primaten teilen Bonobos auch mit fremden Artgenossen ihre Nahrung, um gestreichelt zu werden. Schimpansen würden Mitglieder anderer Sippen eher töten.
Bonobos in einem Wildreservat nahe Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo (Archivbild) © Finbarr O'Reilly/Reuters

Bonobos gelten als die großen Pazifisten unter den Primaten: Im Gegensatz zu Schimpansen – oder auch uns – bevorzugen sie stets friedliche Konfliktlösungen mit bekannten wie fremden Artgenossen: etwa durch soziale Handlungen wie Fellpflege bis hin zum Geschlechtsverkehr. Eine neue Studie von Jingzhi Tan und Brian Hare von der Duke University in Durham bestätigt nun ein weiteres Mal, wie weit die im Kongo-Regenwald lebende Affenart geht, um sich ein behagliches Umfeld zu schaffen: Sie teilen sogar mit ihnen unbekannten Bonobos Futter, um im Gegenzug Streicheleinheiten zu erhalten – ein Verhalten, das die wesentlich aggressiveren Schimpansen bislang noch nicht vor Forschern gezeigt haben. Im Gegenteil: Wenn Schimpansen die Gelegenheit haben, töten sie Mitglieder benachbarter Sippen, um deren Konkurrenz zu verringern.

Getestet haben Tan und Hare dieses prosoziale Verhalten mit einer Reihe von Experimenten mit verwaisten Bonobos, die im Primatenschutzzentrum Lola ya Bonobo in der Nähe der kongolesischen Stadt Kinshasa leben: So durfte ein Bonobo (Pan paniscus) in ein Gehege, das an zwei weitere Käfige grenzte und in dem bereits größere Futtermengen ausgelegt waren – wobei der Menschenaffe wusste, wie man die Türen zu den Nachbarbehausungen öffnen konnte, in denen auf der einen Seite ein fremder und auf der anderen ein bekannter Artgenosse saß. Doch statt sich allein an den angebotenen Früchten und anderen Leckereien zu delektieren, öffnete der Affe im zentralen Käfig zur Überraschung der Forscher mehrheitlich das Tor zum ihnen neuen Bonobo; nur eine Minderheit suchte zuerst die Gesellschaft des vertrauten Gruppenmitglieds.

Dieses musste jedoch ebenfalls nur selten darben, da sie anschließend oft selbst noch am Fressen teilnehmen durften. Vielfach ließ das fremde Tier nun den noch eingesperrten Primaten frei, obwohl es dadurch zahlenmäßig gegenüber den einander vertrauten Bonobos in Unterzahl geriet – ein Verhalten, das Schimpansen nie an den Tag legen würden, so Tan. Doch in keinem Fall kam es zu gegenseitigen Aggressionen, stattdessen notierten die Biologen regelmäßig, dass die Tiere ihre Genitalien aneinanderrieben: ein typisches Sozialverhalten von Bonobos.

In gewissem Rahmen wird diese Hilfsbereitschaft der Bonobos aber nicht nur aus Eigennutz betrieben – zum Empfang von Zärtlichkeiten oder zum Ausbau des sozialen Netzwerks –, die Affen verschaffen fremden wie bekannten Tieren ebenfalls Zugang zu Nahrung, wenn sie diese nicht selbst erreichen können, und sogar, wenn sie dafür im Gegenzug keine sozialen Interaktionen pflegen können. Auch in diesem Versuch der Forscher öffneten die Tiere mit Hilfe einer Leine den gegenüber befindlichen Käfig, ohne dass sie ihren eigenen verlassen konnten. Ihr altruistisches Verhalten endete erst dann, wenn sie nicht nur keine direkten Streicheleinheiten mehr empfangen können, sondern zudem gleichzeitig auch etwas von ihrem Futter abgeben müssen.

Erschienen auf spektrum.de © Screenshot ZEIT ONLINE

In diesem Versuch hätte der Freigelassene nun Zugriff auf das gemeinsame Futter gehabt, der Aufbau des Experiments ließ jedoch keinen direkten Kontakt mehr zu. "Sehen sie keinen sozialen Gewinn mehr für sich, teilen sie auch nicht mehr", betont Hare. "Sie interessieren sich füreinander, selbst dann, wenn sie davon nicht profitieren – nicht aber, wenn sie davon nur einen Verlust haben." Das unterscheide sie dann doch von Menschen, die auch anonym spenden würden, ohne dafür direkte Gegenleistungen zu erhalten, so der Forscher. Allerdings zeigten Tests bei Menschen ebenfalls, dass diese großzügiger geben, wenn der Empfänger bekannt ist.

Insgesamt sind die beiden Biologen jedenfalls begeistert von ihrer Entdeckung. "Das ist eine der verrückteren Beobachtungen, die wir in den letzten zehn Jahren bei unserer Arbeit mit den Bonobos gemacht haben. Mit Schimpansen hätten wir diese Studie nicht durchführen können: Sie wären übereinander hergefallen", meint Hare abschließend.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

kein Kontakt

"In diesem Versuch hätte der Freigelassene nun Zugriff auf das gemeinsame Futter gehabt, der Aufbau des Experiments ließ jedoch keinen direkten Kontakt mehr zu."

Interessant ist doch, dass diese Anordnung von Menschen künstlich in Käfigen geschaffen wurde.

Was mir fehlt, ist eine Übertragung dieser Situation auf frei lebende Bonobos. Wann käme eine solche Situation vor, ohne dass menschliche Ideen/Experimente das soziale Verhalten zerstörende Grundsituationen erschaffen?

Der Bonobo teilt gerne, hat Empathie und keine Angst vor dem Fremden. Gemeinsames Kuscheln ist wichtiger als Egoismus und ein Profit auf Kosten anderer.

Diese Situation, in welcher sie nicht mit "Nächstenliebe" reagierten, konnten sich wohl nur Menschen ausdenken.
Wahrscheinlich hat ein Bonobo damit gar keine Erfahrung.

@ # 1 und 3 Insofern spekuliere ich mal, dass der Mensch intellektuell dem Schimpansen näher verwandt ist als dem Bonobo.

Nächstenliebe

"Insofern spekuliere ich mal, dass der Mensch intellektuell dem Schimpansen näher verwandt ist als dem Bonobo." Aber gerade in dem Moment in dem der Intellekt entscheidend ins Spiel kommt haben sich die großen Weltreligionen entwickelt. Mit der Idee, dass es Wichtigeres und Elementareres gibt als persönlichen evolutionären Vorteil. Das was Sie Nächstenliebe nennen. Das scheint doch eher eine Bonobo Muster zu sein. Oder? Vielleicht ist die Fragestellung ja auch unsinnig. Weil sich die Linien zwischen Menschen und Menschenaffen schon vorher getrennt haben als Bonobos und Schimpansen noch nicht ausdifferenziert waren. Und wir haben die Anlagen beider Spezies in unserem Erbgut.