VerhaltensforschungBonobos tauschen Futter gegen Kuscheln

Anders als andere Primaten teilen Bonobos auch mit fremden Artgenossen ihre Nahrung, um gestreichelt zu werden. Schimpansen würden Mitglieder anderer Sippen eher töten. von Daniel Lingenhöhl

Bonobos in einem Wildreservat nahe Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo (Archivbild)

Bonobos in einem Wildreservat nahe Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo (Archivbild)  |  © Finbarr O'Reilly/Reuters

Bonobos gelten als die großen Pazifisten unter den Primaten: Im Gegensatz zu Schimpansen – oder auch uns – bevorzugen sie stets friedliche Konfliktlösungen mit bekannten wie fremden Artgenossen: etwa durch soziale Handlungen wie Fellpflege bis hin zum Geschlechtsverkehr. Eine neue Studie von Jingzhi Tan und Brian Hare von der Duke University in Durham bestätigt nun ein weiteres Mal, wie weit die im Kongo-Regenwald lebende Affenart geht, um sich ein behagliches Umfeld zu schaffen: Sie teilen sogar mit ihnen unbekannten Bonobos Futter, um im Gegenzug Streicheleinheiten zu erhalten – ein Verhalten, das die wesentlich aggressiveren Schimpansen bislang noch nicht vor Forschern gezeigt haben. Im Gegenteil: Wenn Schimpansen die Gelegenheit haben, töten sie Mitglieder benachbarter Sippen, um deren Konkurrenz zu verringern.

Getestet haben Tan und Hare dieses prosoziale Verhalten mit einer Reihe von Experimenten mit verwaisten Bonobos, die im Primatenschutzzentrum Lola ya Bonobo in der Nähe der kongolesischen Stadt Kinshasa leben: So durfte ein Bonobo (Pan paniscus) in ein Gehege, das an zwei weitere Käfige grenzte und in dem bereits größere Futtermengen ausgelegt waren – wobei der Menschenaffe wusste, wie man die Türen zu den Nachbarbehausungen öffnen konnte, in denen auf der einen Seite ein fremder und auf der anderen ein bekannter Artgenosse saß. Doch statt sich allein an den angebotenen Früchten und anderen Leckereien zu delektieren, öffnete der Affe im zentralen Käfig zur Überraschung der Forscher mehrheitlich das Tor zum ihnen neuen Bonobo; nur eine Minderheit suchte zuerst die Gesellschaft des vertrauten Gruppenmitglieds.

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Dieses musste jedoch ebenfalls nur selten darben, da sie anschließend oft selbst noch am Fressen teilnehmen durften. Vielfach ließ das fremde Tier nun den noch eingesperrten Primaten frei, obwohl es dadurch zahlenmäßig gegenüber den einander vertrauten Bonobos in Unterzahl geriet – ein Verhalten, das Schimpansen nie an den Tag legen würden, so Tan. Doch in keinem Fall kam es zu gegenseitigen Aggressionen, stattdessen notierten die Biologen regelmäßig, dass die Tiere ihre Genitalien aneinanderrieben: ein typisches Sozialverhalten von Bonobos.

Falsche Bestimmung eines Bonobo-Schädels

In der Sammlung des in der Kolonialzeit entstandenen Kongo-Museums in Belgien – heute das Königliche Museum für Zentralafrika – fiel dem deutschen Zoologen Ernst Schwarz in den zwanziger Jahren ein besonders kleiner Affenschädel auf. Einsortiert war der als Überrest eines Jungschimpansen.

Schwarz untersuchte den Schädel genauer: Dieser unterschied sich so stark vom Gemeinen Schimpansen (Pan troglodytes), dass der Forscher ihn 1929 zu einer Unterart erklärte: dem Zwergschimpansen. Bis heute werden Bonobos fälschlicherweise so genannt. Auch ihr lateinischer Artname Pan paniscus zeugt bis heute von diesem Irrtum: Denn der Schimpanse trägt den Gattungsnamen Pan nach dem gleichnamigen Hirtengott. Pan paniscus bedeutet demnach so viel wie "kleiner Schimpanse".

Entdeckerstreit

Erst Harold Coolidge erkannte im Bonobo eine eigene Art. Als der amerikanische Anthropologe, der den Kopf ebenfalls aus dem belgischen Museum kannte, 1982 diese Entdeckung für sich beanspruchte, war Schwarz schon 20 Jahre tot. Bis heute ist der Forscherstreit nicht ganz aufgeklärt. Offiziell gilt Schwarz weiter als Entdecker.

Die genetischen Analysen belegen nun eindeutig, dass sich Schimpanse und Bonobo schon seit rund einer Millionen Jahren nicht mehr gekreuzt haben.

In gewissem Rahmen wird diese Hilfsbereitschaft der Bonobos aber nicht nur aus Eigennutz betrieben – zum Empfang von Zärtlichkeiten oder zum Ausbau des sozialen Netzwerks –, die Affen verschaffen fremden wie bekannten Tieren ebenfalls Zugang zu Nahrung, wenn sie diese nicht selbst erreichen können, und sogar, wenn sie dafür im Gegenzug keine sozialen Interaktionen pflegen können. Auch in diesem Versuch der Forscher öffneten die Tiere mit Hilfe einer Leine den gegenüber befindlichen Käfig, ohne dass sie ihren eigenen verlassen konnten. Ihr altruistisches Verhalten endete erst dann, wenn sie nicht nur keine direkten Streicheleinheiten mehr empfangen können, sondern zudem gleichzeitig auch etwas von ihrem Futter abgeben müssen.

Erschienen auf spektrum.de

Erschienen auf spektrum.de  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

In diesem Versuch hätte der Freigelassene nun Zugriff auf das gemeinsame Futter gehabt, der Aufbau des Experiments ließ jedoch keinen direkten Kontakt mehr zu. "Sehen sie keinen sozialen Gewinn mehr für sich, teilen sie auch nicht mehr", betont Hare. "Sie interessieren sich füreinander, selbst dann, wenn sie davon nicht profitieren – nicht aber, wenn sie davon nur einen Verlust haben." Das unterscheide sie dann doch von Menschen, die auch anonym spenden würden, ohne dafür direkte Gegenleistungen zu erhalten, so der Forscher. Allerdings zeigten Tests bei Menschen ebenfalls, dass diese großzügiger geben, wenn der Empfänger bekannt ist.

Insgesamt sind die beiden Biologen jedenfalls begeistert von ihrer Entdeckung. "Das ist eine der verrückteren Beobachtungen, die wir in den letzten zehn Jahren bei unserer Arbeit mit den Bonobos gemacht haben. Mit Schimpansen hätten wir diese Studie nicht durchführen können: Sie wären übereinander hergefallen", meint Hare abschließend.

Erschienen auf spektrum.de

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Leserkommentare
    • Boono
    • 07. Januar 2013 14:41 Uhr

    @1
    Der Primatenforscher Frans De Waal ist dieser Frage nachgegangen und hat ein Buch darüber geschrieben. Titel der deutschen Ausgabe: "Der Affe in uns" (Original: Our Inner Ape). Ein interessantes und amüsantes Buch.
    Grüße, Boono

    4 Leserempfehlungen
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    vielen Dank für den Tipp.

    Es gibt auch Informationen auf ZEIT online: "In 1,6 Prozent der untersuchten Stellen ähnelt sich die Erbinformation von Mensch und Bonobo mehr als die von Schimpanse und Bonobo", sagt Prüfer. "In weiteren 1,7 Prozent ist das menschliche Genom näher am Schimpansen dran als das des Bonobos."

    http://www.zeit.de/wissen...

  1. Interessanter Artikel! Was mich dabei spontan interessiert ist die Genealogie. Also die Frage inwieweit der Mensch genetisch von welchem Erbgut beeinflusst ist und abstammt. Gibt es darüber Erkenntnisse?

    2 Leserempfehlungen
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    • Boono
    • 07. Januar 2013 14:38 Uhr
    • Boono
    • 07. Januar 2013 14:41 Uhr

    @1
    Der Primatenforscher Frans De Waal ist dieser Frage nachgegangen und hat ein Buch darüber geschrieben. Titel der deutschen Ausgabe: "Der Affe in uns" (Original: Our Inner Ape). Ein interessantes und amüsantes Buch.
    Grüße, Boono

    • Boono
    • 07. Januar 2013 14:38 Uhr
    Eine Leserempfehlung
  2. Es gibt auch Informationen auf ZEIT online: "In 1,6 Prozent der untersuchten Stellen ähnelt sich die Erbinformation von Mensch und Bonobo mehr als die von Schimpanse und Bonobo", sagt Prüfer. "In weiteren 1,7 Prozent ist das menschliche Genom näher am Schimpansen dran als das des Bonobos."

    http://www.zeit.de/wissen...

    Eine Leserempfehlung
    • tonder
    • 07. Januar 2013 19:46 Uhr

    Die Forschung entdeckt, dass uns die Großen Menschenaffen viel ähnlicher sind als wir das angenommen haben – und vielleicht auch wahrhaben wollen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir gerade dabei sind, ihren Lebensraum zu zerstören und sie endgültig auszurotten. Schade, dass wir das als Erbe für unsere Nachkommen hinterlassen, s.
    http://www.3sat.de/page/?...
    http://www.zdf.de/aspekte...
    http://www.planet-wissen....

    Eine Leserempfehlung

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