Als eine der wesentlichen Ursachen für den Feinstaub in der Volksrepublik gilt der hohe Kohleverbrauch im Land. "Obwohl Chinas Führung seit Jahren massiv in regenerative Energieträger investiert, wird der größte Teil der Energie nach wie vor aus Kohle gewonnen", sagt die Klima- und Energieexpertin Zhou Rong von Greenpeace. Was in diesem Winter zusätzlich hinzukommt: Derzeit ist es im Nordosten mit Tiefsttemperaturen bis zu Minus 30 Grad so kalt wie seit Langem nicht. Der zusätzliche Heizbedarf hat den Kohleverbrauch in die Höhe getrieben. Der Autoverkehr trägt Greenpeace zufolge in Städten wie Peking etwa 20 Prozent zur Luftverschmutzung bei.

Irgendwann verlieren die Menschen auch in China die Geduld
Zhou Shengxian, Greenpeace

Zu Beginn der Rekordwerte vor zwei Wochen hatten die Menschen in Peking noch gelassen reagiert. Selbst Kinder spielten auf den Straßen. Inzwischen ist aber auch in den staatlichen Medien eine so heftige Debatte über Chinas Luftverschmutzung entbrannt, dass selbst der ab März amtierende Premierminister Li Keqiang dem Problem nicht länger ausweichen kann. Es werde zwar einige Zeit dauern, bis es gelöst sei, sagte er, aber: "Wir müssen etwas tun."

Das ist ein wichtiges Signal der chinesischen Führung. Denn es ist noch nicht lange her, dass die Behörden das Problem der Luftverschmutzung bestritten und lediglich von "dichtem Nebel" sprachen. Nun sollen in einem ersten Schritt in diesem Jahr die Feinstaubmessungen auf 113 Städte ausgeweitet werden. Bislang geschieht dies erst in 27 Provinzhauptstädten sowie den drei großen Wirtschaftsregionen Jangtse-Delta, Perlflussdelta und der Metropolregion Peking/Tianjin. Chinas Umweltminister Zhou Shengxian kündigte zudem an, der Feinstaubwert solle in diesen Regionen ab 2015 dann um jährlich sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr verringert werden.

Die Urbanisierung verschärft das Problem

Für die Hauptstadt versprach Pekings neuer Bürgermeister Wang Anshan, 180.000 Fahrzeuge mit veralteten Verbrennungsmotoren bis Ende des Jahres aus dem Stadtgebiet zu verbannen. Zudem würden Fabrikanlagen überprüft. Peking soll ab 2030 saubere Luftwerte von unter 50 Mikrogramm pro Kubikmeter erreichen.

Dieses Ziel bezeichnet Zhou Rong von Greenpeace als "wenig ambitioniert". Sie könne zwar nachvollziehen, warum die Regierung nicht von heute auf morgen sämtliche Kohlekraftwerke abstellen könne. Dazu sei China noch immer zu sehr Entwicklungsland. Hinzu komme die anhaltende Urbanisierung in der Volksrepublik: Solange in den kommenden 20 Jahren weiter Millionen Menschen in die Städte strömen, um dort Arbeit zu suchen, bleibe die Nachfrage nach Stahl, Beton und Petrochemie, also luftverschmutzender Schwerindustrie, hoch. Diesen Prozess habe jedoch jede Industrienation durchmachen müssen. Aber dass die Pekinger erst ab 2030 wieder bedenkenlos durchatmen können, dauere zu lange, findet Zhou. "Irgendwann verlieren die Menschen auch in China die Geduld."