Geotektonik : Der Klimawandel heizt explosiven Vulkanen ein
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Weltweit verstecken sich zahlreiche Feuerberge unter Eis

Was war passiert? Während der Vergletscherung – die bis zu zwei Kilometer mächtig sein konnte – lagerte einen immenses Gewicht auf Island, das wiederum starken Druck auf den Untergrund ausübte. Dieser wiederum presste die Gesteinsschmelze in den Magmakammern der Vulkane zusammen und unterdrückte so Eruptionen. Als das Eis taute, verschwand dieses Widerlager: Island hob sich dadurch teilweise um mehrere hundert Meter, das Magma konnte sich ausdehnen und weiteres Gestein aufschmelzen. Gleichzeitig öffneten sich neue Risse und Brüche in der Erdkruste, durch die das Magma aufsteigen konnte – angetrieben auch durch Gasblasen, die vorher ebenfalls vom hohen Druck im Zaum gehalten worden waren und nun ausperlten wie das Kohlendioxid aus einer Sektflasche: Die Feuerberge "sprudelten" quasi über. Erst als sich ein neues Druckgleichgewicht aufgebaut hatte, beruhigte sich die Situation wieder. Der Klimawandel wirkte sich hier im Nordatlantik rasch auf die Geotektonik aus.

In den Anden, wo neben dem Nevado del Ruiz noch viele weitere Vulkane Gletscherkappen tragen, stelle sich die Situation dagegen ein wenig anders dar, schließt Sebastian Watt von der University of Southampton aus seinen eigenen Arbeiten in Chile: Auch hier regten sich die Vulkane in der Vergangenheit in Warmphasen verstärkt, nachdem sich ihre eisige Mütze verkleinert hatte oder ganz verschwunden war. Da die Magmenkammern hier aber vielfach fünf Kilometer und mehr unter der Oberfläche liegen – und damit tiefer als auf Island – könne es hier etwas länger gedauert haben.

Vorsicht sei dennoch geboten, warnt sein Kollege Hugh Tuffen von der Lancaster University gegenüber Nature: "Wenn dickes Eis dünner wird, nimmt die Explosivität der Ausbrüche zu." Das gelte zum Beispiel für viele Vulkane auf Island, die vor allem basaltische Lava fördern, welche nur unter dem Einfluss von Wasserzufuhr explosive werde, wie der Edinburgher Vulkanologe John Stevenson in seinem Blog ausführt: "Der Siedepunkt von Wasser liegt deutlich unter dem des Magmas von 800 bis 1.000 Grad Celsius, und wenn Wasser bei normalem Luftdruck verdampft, nimmt sein Volumen ungefähr um das Tausendfache zu. Dadurch kann es zu einer schlagartigen Expansion kommen, die das Magma zu Bims und Asche zerreißt und heraus schleudert." Aus eigentlich harmlosen Vulkanen können so rasch hoch gefährliche werden – unabhängig von der Gefahr durch Lahare.

Was bringt die nähere Zukunft?

Weltweit verstecken sich zahlreiche Feuerberge unter Eis – nicht nur auf Island: Auch in der Antarktis und womöglich auf Grönland existieren Vulkane, die durch die fortgesetzte Gletscherschmelze zum Leben erwachen könnten. Eine größere Gefahr für Menschen bedeuten allerdings Vulkane wie die ecuadorianischen Cotopaxi und Chimborazo oder der Nevado de Tolima in Kolumbien. Sie alle liegen in der Nähe großer Städte und könnten diese empfindlich treffen.

Doch auch wenn die Gletscherschmelze hier und dort die vulkanische Aktivität erhöht, ein globales Feuerwerk wie direkt nach einer großen Eiszeit stehe zumindest mittelfristig nicht an, schätzt Marion Jegen: "Wir sprechen hier von geologischen Zeitmaßstäben von mehreren tausend Jahren und vor allem von sehr viel stärkeren Meeresspiegelanstiegen." Zu Beginn der momentanen Warmzeit stiegen die globalen Pegel um Dutzende bis über einhundert Meter an, dagegen gehen selbst pessimistische Schätzungen bis zum Ende des Jahrhunderts "nur" von einem Zuwachs um maximal zwei Meter aus; in den nächsten 300 Jahren könnten es zumindest momentan bis zu fünf Meter werden. Das ist zu wenig, um die extremen, für das von Jegen und Co beobachtete Vulkanismusplus nötigen, Gewichtsverschiebungen auszulösen.

Zudem müssten die Eruptionen ihre Fracht bis in die Stratosphäre tragen: Nur dort wirken sie länger als Sonnenschirm. Doch das betrifft überwiegend Vulkane in den Tropen. Ausbrüche wie die des Eyjafjallajökull oder Grímsvötn auf Island in den letzten Jahren haben dagegen keine längerfristige Klimawirkung.

Damit lösen sich auch womöglich gehegte Hoffnungen auf, dass die Vulkane der momentanen Erderwärmung durch ihre Emissionen entgegenwirken: Bis sie wirken, sind die Temperaturen längst stark gestiegen und damit die erwarteten Folgen eingetreten. Man könne bislang nur wenige Aussagen treffen, ob der verstärkte Vulkanismus überhaupt auch wieder eine Abkühlung bewirkt habe, meint Jegen. Ihr Kollege Steffen Kutterolf bestätigt das: "Wenn man den natürlichen Klimazyklen folgt, befinden wir uns aktuell eigentlich am Ende einer Warmphase. Deshalb ist es vulkanisch ruhiger. Wie sich die von Menschen verursachte Erwärmung auswirken wird, kann man beim derzeitigen Forschungsstand noch überhaupt nicht absehen."

Erschienen auf spektrum.de

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Kommentare

90 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Das "Klima" bis 2017 in England ;-)

Der Britische Wetterdienst hat seine bisherigen Prognosen für einen weltweiten Temperaturanstieg deutlich nach unten korrigiert.

Eine wirklich überdurchschnittliche Erwärmung wird immer unwahrscheinlicher.

Wie im Artikel eindeutig zu lesen ist, gilt das für den Zeitraum bis 2017.
Daraus zu folgern, es gäbe nie einen Klimawandel und er sei auch nicht vom Menschen beeinflusst, wäre schon sehr lächerlich.
"Klima" bezieht sich lt. Definition auf einen sehr viel längeren Zeitraum, idR 30 Jahre:
http://de.wikipedia.org/w...

Die tatsächlichen Temperatur-Daten aus den vergangenen Jahren sind unverändert.
Das ist mindestens strittig, und höchstwahrscheinlich falsch.
http://www.skepticalscien...