ZEIT ONLINE: 2012 war ein verheerendes Jahr für Afrikas Elefanten und Nashörner. Im Dezember wurden bei einem Fund in Malaysia gut sechs Tonnen Elfenbein beschlagnahmt*. Seit Jahren starben nicht mehr so viele Nashörner für ihr Horn. Und das trotz international geltender Handelsverbote. Warum hat die Wilderei in Afrika derart zugenommen?

Tom Milliken: Ich analysiere den illegalen Markt, seit das Washingtoner Artenschutzübereinkommen 1989 den Handel mit Elfenbein und Horn weltweit verboten hat. Wir hatten schon einmal schwere Zeiten in den achtziger Jahren. Japan war damals der größte Elfenbein-Importeur der Welt. Bis zu 400 Tonnen wurden jährlich in das Land geschmuggelt. Heute sind es gerade vier Tonnen. Wir dachten, wir hätten die Sache im Griff. Und nun?

ZEIT ONLINE: In letzter Zeit hört man wieder häufig von Attacken auf Elefanten. Wie steht es um die noch viel stärker bedrohten Nashörner?

Milliken: Schlimmer als je zuvor. 668 Tiere wurden nach unseren Informationen im vergangenen Jahr in Südafrika nur wegen ihrer Hörner getötet. Das sind fast zwei Tiere pro Tag!

ZEIT ONLINE: Was sind die Ursachen?

Milliken: Vor allem sind China und Thailand als Konsumenten erwacht. Während Elfenbein und Nashorn für die Menschen dort früher unerschwinglich war, hat heute der neue Wohlstand den Markt geöffnet. Thailand bedient vor allem Touristen und beliefert so indirekt auch den deutschen Markt.

ZEIT ONLINE: Und China?

Milliken: Die Chinesen konsumieren selbst: Elfenbein-Schnitzereien oder Nashornpulver für die Traditionelle Chinesische Medizin. Und auch in Vietnam ist das Pulver plötzlich angesagt. Überall ist es erhältlich. Wer es sich leisten kann, kauft es. Wer es kauft, zeigt damit Status. Zudem ist die Politik in Vietnam selbst Teil der mafiösen Struktur. Der Staat gilt als korrupt und nicht selten sind Regierungsbeamte am illegalen Handel beteiligt.

ZEIT ONLINE: Der Handel mit Nashorn und Elfenbein ist heute also ein globalisiertes Geschäft?

Milliken: Ja. Dahinter stecken kriminelle Banden aus Asien. Sie operieren inzwischen direkt in den afrikanischen Ländern. Um tonnenweise Elfenbein oder Nashorn unbemerkt aus dem Herkunftsland zu schmuggeln, bestechen sie Flughafenpersonal, Zollbehörde oder Regierungen. Ein solch perfektioniertes Vorgehen ist neu in der Geschichte der Wilderei Afrikas. Als ich vor 30 Jahren für den WWF zu ermitteln begann, war so ein Horn oder Stoßzahn vier oder fünf Monate in der Welt unterwegs, bevor es den Markt erreichte. Heute dagegen laufen die Deals ab wie ein Uhrwerk. In spätestens 36 Stunden ist die Ware beim Käufer.

ZEIT ONLINE: Wie gehen die Banden vor?

Milliken: Nehmen Sie Johannesburg in Südafrika. Die Stadt verfügt über einen internationalen Flughafen. Ein asiatischer Schmugglerring kooperiert dort mit der Crew einer Thai-Airways-International-Maschine. Die fliegt ganz regulär an einem Donnerstagmorgen zurück nach Bangkok. Also lautet der Auftrag: 'Zwei Nashörner bis Donnerstagmorgen'. Mittwochnacht brechen Wilderer auf in den Krüger-Nationalpark, verteilen sich, suchen nach einem geeigneten Tier. Per Handy stehen sie in Kontakt. Vielleicht eine Stunde später tönt es dann durchs Telefon. 'Wir haben eins.' Fünfzehn Minuten später. 'Getötet! Zwei Hörner dabei! Lasst uns verschwinden. In 45 Minuten sind wir an der Straße.' Dann rennen sie mit ihrer Beute los. Am verabredeten Treffpunkt warten bereits drei Geländewagen. Ein Auto nimmt die Waffe mit der das Tier getötet wurde, ein zweites die Wilderer, im dritten verstaut ein Kurier die Beute. Dann rasen alle davon.

ZEIT ONLINE: Und wie kommt die Ware so schnell ins Flugzeug?

Milliken: Der Kurier fährt auf direktem Wege nach Johannesburg, übergibt die Hörner an einen Mittelsmann, der sie dem Syndikat liefert. Ein Bote bringt die Ware zum Flughafen. Korruptes Bodenpersonal schleust dort vermutlich das Horn unbemerkt ins Flughafengebäude und vorbei an den Kontrollpunkten. Drei Stunden später ist die Thai-Airways-Maschine startklar. Direkt an der Gangway übernimmt ein Stewart das Paket und versteckt es an Bord in einem Kleiderschrank der Crew. Das Flugzeug startet durch und landet zwölf Stunden später in Bangkok.

Fotos zeigen die grausame Jagd auf die Hörner der letzten Rhinozerosse. © Brent Stirton/Reportage by Getty Images

ZEIT ONLINE: Das klingt nach Strukturen, die sich nur schwer durchbrechen lassen. Sehen Sie überhaupt noch eine Chance, die Jagd nach Elfenbein und Horn unter Kontrolle zu bringen?

Milliken: Davon bin ich überzeugt. Wir verstehen heute viel besser, wer hinter den Deals steckt und wie die Syndikate arbeiten. Wir können inzwischen gezielt verdeckt ermitteln und flexibler eingreifen als noch vor zwei Jahrzehnten. Sehen Sie sich Japan an! Als ich in den achtziger Jahren mit der Organisation Traffic in Tokio zu ermitteln begann, ging mehr als die Hälfte des weltweit geschmuggelten Elfenbeins ins Land, heute ist es gerade ein Prozent. Japan hat uns gezeigt, wie wirkungsvoll öffentlicher Druck sein kann. Und wenn die Japaner umdenken, warum dann nicht eines Tages auch die Chinesen.

ZEIT ONLINE: Gibt es in China Proteste gegen den Handel mit Elefanten- und Nashorn-Produkten?

Milliken: In China laufen derzeit einige unserer Kampagnen sehr erfolgreich. Prominente, wie der Schauspieler Jackie Chan oder der ehemalige Basketballspieler Yao Ming, unterstützen uns dabei. Sie zeigen, wie Elefanten für ihre Stoßzähne abgeschlachtet werden und wie viel Blut an einer Schnitzerei aus Elfenbein klebt. Die Leute hören diesen Menschen zu. Sie werden begreifen, dass lebende Elefanten mehr wert sind als tote.

*Korrekturhinweis: Erste Berichte von einem Rekordfund in Malaysia haben sich nicht bestätigt. Die bisher größte beschlagnahmte Ladung waren 7,2 Tonnen Elfenbein, entdeckt im Jahr 2002 in Singapur.