Bioeier-Betrug"Bioprodukte brauchen einen vernünftigen Preis"

Bio ist zur Massenware geworden. Kann das funktionieren? Ja, sagt Agrarexperte U. Hamm im Interview. Die Verbraucher müssen kritischer und die Kontrollen strikter werden. von 

ZEIT ONLINE: Herr Hamm, Biobauern verschreiben sich der Nachhaltigkeit und Transparenz. Doch wie der jüngste Bioeier-Betrug zeigt, versuchen auch hier Einzelne, ihren Gewinn mit kriminellen Mitteln zu steigern. Was ist das Motiv: Profitgier oder Existenzangst? 

Ulrich Hamm: Die entsprechenden Bauern haben einfach erkannt, dass man mit Bioprodukten viel Geld machen kann. Die Nachfrage nach ihnen wächst ja in einem rasanten Tempo. Wenn der Bedarf nach einem hochwertigen Gut nicht gedeckt werden kann, besteht immer die Gefahr, dass Betrüger minderwertige Produkte umdeklarieren, um Geld zu machen.

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ZEIT ONLINE: Sie sehen den Fehler also allein bei den betroffenen Landwirtschaftsbetrieben? 

Hamm: Nein, das wäre eindimensional gedacht. Das eigentliche Problem ist, dass auch der Verkauf von Bioprodukten dem Prinzip des Wettbewerbs unterliegt. Um neue Kunden zu gewinnen, unterbieten sich die großen Händler gegenseitig mit ihren Preisen. Sie locken Kunden an, indem sie sagen: "Schaut her, ihr wollt Bio und wir verkaufen es euch noch günstiger als die Konkurrenz." Dieser Preiskampf ist nur möglich, wenn Händler die Produkte auch billig bei Bauern einkaufen. Die stehen am Ende unter dem Druck, die Eier und das Fleisch möglichst billig produzieren zu müssen. Das geht aber manchmal schlichtweg nicht. Dann nehmen betrügerische Landwirte statt Biofutter konventionelles Mastfutter oder halten mehr Hühner als erlaubt, um ins Geschäft zu kommen. Damit schaden sie allen redlichen Biobauern gewaltig – zunächst mit unlauterem Preisdumping und letztlich mit einem Vertrauensverlust der Konsumenten in die Bioproduktion. Viele kleinere und redlich produzierende Landwirte sind diesem Wettbewerb schon erlegen. Sie haben ihre Biohöfe aufgegeben oder wieder auf konventionellen Landbau umgestellt.  

© ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Letztlich ist Bio zu den heutigen Preisen also eigentlich nicht mehr zu haben. Sollten Verbraucher billige Bioprodukte boykottieren?

Hamm: Das wäre vielleicht eine wirksame Maßnahme. Allerdings hat sie einen großen Nachteil: Sie trifft zuerst die kleinen und redlich arbeitenden Biobetriebe, für die schon der kleinste Gewinnverlust den Untergang bedeuten kann. Die billiger produzierenden Großbetriebe, die sich an die Richtlinien halten, kämen danach ebenfalls in Bedrängnis. Irgendwann gäbe es dann nur noch Bioeier aus dem Ausland, wo häufig günstiger produziert werden kann. Bioprodukte brauchen einen vernünftigen Preis. Erst dann wird sich die Herstellung für Bauern lohnen. Allerdings lässt sich allein an einem hohen Preis nicht ersehen, ob etwa Bioeier richtliniengemäß erzeugt wurden. Was passiert, wenn Betrüger ihre Produkte noch teurer verkaufen würden?

ZEIT ONLINE: Wäre der Direkteinkauf beim Biobauern eine Alternative? 

Ulrich Hamm
Ulrich Hamm

Ulrich Hamm ist Professor für Agrar- und Lebensmittelmarketing an der Universität Kassel.

Hamm: Für einige auf dem Land lebende Verbraucher sicherlich. Aber für alle ist das nicht die Lösung. Stellen Sie sich vor, eine komplette Großstadt müsste für den Eierkauf aufs Land fahren – da wäre der Umwelt kein guter Dienst erwiesen. Eine gute Möglichkeit wäre es, Einzelhändler direkt zu fragen, woher sie ihre Eier und ihr Fleisch beziehen. Das geht am einfachsten bei selbstständigen Händlern, wie es sie zum Beispiel im Naturkosthandel, aber auch bei Rewe und Edeka. Wenn die Händler merken, dass ihre Kunden kritischer werden und "nerven", werden sie umdenken. Das könnte dazu führen, dass konkrete Herkunftsangaben auf der Verpackung der Produkte eingeführt werden. 

ZEIT ONLINE: Also noch ein Siegel? 

Hamm: Es muss kein Siegel, sondern es können auch Codes sein, die auf dem Produkt stehen und online mit entsprechenden Informationen über die Herkunft verknüpft sind. Der Verbraucher kann dann den Code von der Eierpackung notieren und auf einer Website steht dann: "Diese Eier kommen vom Hof XY, der soundso viele Hühner hält." Nach diesem Prinzip arbeitet zum Beispiel schon die Initiative Bio mit Gesicht. Mit einer App für Smartphones ist das einfach umzusetzen.  

ZEIT ONLINE: Welche Maßnahmen sollte die Politik ergreifen, um Verbraucher vor dem Betrug mit vermeintlichen Bioprodukten zu schützen? 

Hamm: Die Kontrollen sind offenkundig zu lasch, da muss sich einiges tun. Vor allem aber müssen die Betrüger stärker bestraft werden – milde Geldstrafen sind zu wenig und reichen als Abschreckung nicht aus. Ich plädiere dafür, die Namen der schuldigen Betriebe öffentlich zu machen. Die Reputation dieser kriminellen Unternehmen muss einen dauerhaften Schaden davontragen.

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Leserkommentare
  1. kapiert es auch ein Professr, dass höhere Preise Betrügereien eher noch wahrscheinlicher machen,
    zumindest nicht verhindern, hohe Strafen sind da schon wirksamer!
    Mich k.... es an, dass nach jedem Betrug die Verbraucher aufgefordert werden, teurer einzukaufen!

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    Lesen Sie die Artikel eigentlich, die Sie kommentieren?

    Hamm sagt:
    "Bioprodukte brauchen einen vernünftigen Preis. Erst dann wird sich die Herstellung für Bauern lohnen. Allerdings lässt sich allein an einem hohen Preis nicht ersehen, ob etwa Bioeier richtliniengemäß erzeugt wurden. Was passiert, wenn Betrüger ihre Produkte noch teurer verkaufen würden?"
    Damit sagt er ganz klar, dass Bio-Produkte keine Dumpingpreise haben dürfen, dass hohe Preise aber keine Garantie sind.

    Und im letzten Satz fordert er ganz klar harte Strafen. Also genau das, was Sie auch wollen

    • crypsis
    • 27. Februar 2013 12:41 Uhr

    [...] Ich sehen es auch so wie Du. Es ist fast schon anmaßend mit welcher Trägheit argumentiert wird. Ich kaufe doch Bio-Produkte in der Annahme und Hoffnung, ein zumeist lokales Unternehmen für entsprechende Fairness zu unterstützen. Es sollte eben nicht um den Profit an diesen Produkten gehen. Es reicht schon, dass sich Coca Cola an einem Liter prozentual mehr verdient, als ein Milchbauer als Deutschland an einer Stiege (20 Packungen).

    Man kann nicht noch höhere Preise fordern, wenn nicht letzten Endes auch die Kontrollen angepasst werden. Diese ganze Thematik (auch der Pferdefleisch-Skandal) ist so heuchlerisch.

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  2. Pferdefleisch-Skandal, Bioeier-Skandal, Gammelfleisch-Skandal, Tiertransportquälerei-Skandal, Vogelgrippe-Skandal, BSE-Skandal, Gänsemast-Skandal, Geschmacks-Ersatzstoffe-Skandal, Antibiotika-im-Fleisch-Skandal, Gentechnisch-veränderte Lebensmittel-Skandal, Industriefett-im-Hühnerfutter-Skandal, Industrieöl-im-Speiseölskandal, Mineralöl-im-Weichnachtskalender-Skandal, Zuviel-Zucker-im-Kindertee-Skandal, EHEC-auf-dem-Salat-Skandal, Schlachthaus-Quälerei-Skandal, Kücken-Schredder-Skandal, Schimmel-in-Gewürzen-Skandal, Chemie-verseuchtes-Bioessen-Skandal, privatisiertes-Dreckswasser-Skandal, EU-Lebensmittelvernichtungs-Skandal, Klon-Schaf-Skandal, Deutsche-Bank-Nahrungsmittelspekulations-Skandal.

    Und jetzt kontrollieren wir mal ein bißchen besser, dann wird das schon.......

    Marktwirtschaft und Wettbewerb im Umgang mit Tieren und Nahrungsmitteln: Ein Segen für die Menschheit, ein Segen für die Tiere.......

    17 Leserempfehlungen
  3. doch schon Heute entscheiden ob er mehr bezahlt oder nicht.

    Das Problem, Betrug, liegt doch nicht beim Verbraucher sondern beim Gesetzgeber. Die Merkel Regierung hat über das Seehofer/Aigner Ministerium bislang alles sinnvollen Initiativen, Zusatzstoffe usw., in der EU blockiert. Kommt im Wahlkampf nicht so gut an. Pferdefleisch und Bio Eier sind hier doch die "harmlosen Betrügereien" die dieses von der Lobby gesteuerte Ministerium verbockt hat.

    Da kann sich Aigner "empören" wie sie will, sie hat entschieden an den Lebensmittel Verordnungen" mit gewirkt die unserer Gesundheit schaden.

    5 Leserempfehlungen
    • LudBri
    • 27. Februar 2013 7:38 Uhr

    Im Zeitalter knapper Ressourcen ist Bio die dummster aller Optionen in der Landwirtschaft, das Bio-Anbau zu einer ungeheuren Ressourcenverschwendung führt. Zudem sind Bio- Produkte sind potentiell wesentlich gefährlicher, als Produkte aus vernunftgeleitetem, konventionellem Anbau.
    Es ist schon unglaublich verwunderlich, wie wenig die 40 EHEC-Toten vor zwei Jahren in der Presse thematisiert worden sind. Sie alle sind Bio geschuldet. In einem konventionellen Hof, wäre EHEC- nicht passiert.
    Eine Studie der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA zeigte, das freilaufende Hühner von Biohöfen stärker mit Dioxin belastet sind, als solche aus Käfighaltung, da die freilaufenden Hühner Dioxin beim Picken vom Boden aufnehmen. 10 % der Eier aus den freilaufenden Haltungen überschritten den Dioxin-Grenzwert.
    Beim alternativen Landbau werden nach den Regeln ihrer Verbände und der EU-Bioverordnung außerdem durchaus toxische Substanzen eingesetzt, nur keine aus Chemiefabriken. Sie dürfen aber Kupfer, Schwefel, Salze, pflanzliche Essenzen, Mineralöle und Bakterienstämme z.B. gegen Schimmel und andere Krankheiten einsetzen.
    Gerade Kupfer ist besonders toxisch für Bodenlebewesen und Menschen.
    Da nicht einmal 4% aller Lebensmittelkäufe Bioprodukte sind, zeigt, dass trotzt dem Medienhyp über Bio-Produkte, die meinsten Menschen vernüftig einkaufen.

    4 Leserempfehlungen
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    • Gerry10
    • 27. Februar 2013 7:45 Uhr

    ...das Hühner die jahrtausende lang frei herumgelaufen sind nicht ausgestorben sind.
    Wie haben die die freie Bodenhaltung nur überlebt, bis die Menschen auf die tolle Idee gekommen sind sie ein kurzes Leben lang auf dem Platz eines A4 Papiers einzusperren.
    Die Hühner sollten uns dankbar sein...

    • H.v.T.
    • 27. Februar 2013 7:56 Uhr

    "Da nicht einmal 4% aller Lebensmittelkäufe Bioprodukte sind, zeigt, dass trotzt dem Medienhyp über Bio-Produkte, die meinsten Menschen vernüftig einkaufen."
    ---

    Was wohl eher dem "Geldbeutel" geschuldet ist, als der Vernunft.

    Der obige Herr Hamm sollte demnach doch mal darüber nachdenken, weshalb der Umsatz von Bioartikeln in Discountläden angewachsen ist. Kann ja vielleicht daran liegen, dass selbst der Geringverdiener der Ökologie den Verzug geben mag, aber nicht im Bioladen mangels ausreiched Geld einkaufen kann.

    Geringverdiener haben auch ein Gewissen.

    Nun wird er auch noch durch die Hintertür um sein, für ihn im Verhältnis nicht geringen finanziellen Einsatz, Engagement für eine ökologische Landwirtschaft betrogen.

    Sie koennen auch sicher belegen, dass Biolandwirtschaft eine Ressorcenverschwendung im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft darstellt? Ich behaupte das ist ein ziemlicher Unfug, bspw. konnte man vor einigen Jahrzehenten in Norddeutschen Flachland in laendlichen Gebieten das Grundwasser direkt trinken, heute ist dies nicht mehr moeglich wegen der Nitritbelastung verursacht durch Ueberduengung des Wassers. Somit musste ein Grossteil der Bauernhoefe, die vorher einfach Grundwasser als Trinkwasser verwendet haben an die oeffentliche Wasserversorgung angeschlossen werden. Im uebrigen muss ich ja froh sein, dass ich die letzten 40 Jahre ueberlebt habe, da ich Zeit meines Lebens immer taeglich mindestens 2 Eier von freilaufenden Huehnern esse.

    Kupfer im Boden ist ein Problem, jedoch rühren die festgestellten hohen Belastungen zumeist noch aus Zeiten, wo Kupfer im konventionellen Landbau nach dem Motto viel hilft viel eingesetzt wurden. Das kann man jetzt besser managen. Ich persönlich ziehe einen mit Bordeauxbrühe behandelten Bio-Apfel jedenfalls vor. Ebenso Kartoffel.

    Ansonsten hätte ich gern Belege für die potentiell höhere Gefährlichkeit von B io- Produkten und auch für die These, "EHEC wäre in einem konventionellen Hof nicht passiert."

    • Gerry10
    • 27. Februar 2013 7:40 Uhr

    Bis sich Bio-Bauern finden die ein paar Zahlen auf den Tisch legen weis das kein Kunde.
    Ich weis nicht wie hoch die Gewinnspanne für Bio-Bauern ist aber das wäre mal ein Anfang und ich als Kunden von Bio-Eiern bin nicht so naiv zu glauben, dass der Bauer nicht auch Geld verdienen will.

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    • Gerry10
    • 27. Februar 2013 7:45 Uhr

    ...das Hühner die jahrtausende lang frei herumgelaufen sind nicht ausgestorben sind.
    Wie haben die die freie Bodenhaltung nur überlebt, bis die Menschen auf die tolle Idee gekommen sind sie ein kurzes Leben lang auf dem Platz eines A4 Papiers einzusperren.
    Die Hühner sollten uns dankbar sein...

    16 Leserempfehlungen
  4. ich esse seit zwei jahren keine eier mehr, auch keinen anderen tierprodukte. und oh wunder: es ist überhaupt kein problem!

    zumindest die grausame und irrwitzig unsinnige tierhaltung kann man sich schlicht und einfach sparen. macht für die zukunft eh keinen sinn mehr.

    4 Leserempfehlungen
  5. "Bioprodukte brauchen einen vernünftigen Preis."

    Was heißt denn in diesem Zusammenhang "vernünftig"?
    Vernünftig in Bezug auf Kostendeckung der resourcenintensiven Erzeugung und der fairen Gewinnspanne für den Bauern, oder vernünftig für den Verbraucher?
    Letzteres ist meines Erachtens nicht realisierbar, wenn große Mengen für die Masse der Deutschen (und nicht nur Überzeugungstäter aus dem Bildungsbürgertum) produziert weden soll.
    Und warum die Produktion im Ausland billiger ist, sollte auch jedem klar sein. Dies geht entweder zu Lasten der Menschenh, Tiere, oder der "Biohaftigkeit".

    Codes auf den Eiern, die ja vorgeschlagen werden, gibt es ja schon. Und es hat sich ja gezeigt, dass die auch nicht das halten, was sie versprechen. Wie uns dieser Vorschlag weiterbringen soll, würde ich gerne mal wissen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Abschreckung | App | Betrug | Edeka | Fleisch | Geldstrafe
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