Pferdefleisch-SkandalFleisch muss wieder Luxusgut werden

Schärfere Kontrollen für Fleisch sind sinnvoll, aber nicht die Lösung. Wir müssen bereit sein, wieder mehr Geld für Fleisch auszugeben, kommentiert Lydia Klöckner. von 

Seit in Produkten mehrerer deutscher Supermarktketten Pferdefleisch gefunden wurde, ist die Empörung der Verbraucherschützer groß: Die "kriminellen Betrüger" hätten "eine ganze Branche in Verruf gebracht", sagt Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner. Man müsse ihnen das "Handwerk legen", wettert der EU-Verbraucherkommissar Tonio Borg. Die "Machenschaften" gehörten "mit aller Energie verfolgt und bestraft", stimmt auch die hessische Umweltministerin Lucia Puttrich ein und plädiert dafür, die Übeltäter an den "Pranger" zu stellen.

Die Wut der Politiker ist berechtigt. Natürlich ist es Betrug, billiges Pferdefleisch als Rindfleisch zu verkaufen. Härtere Strafen, schärfere Kontrollen und eine strengere Überwachung der Lieferwege können das Problem vorübergehend aus der Welt schaffen. Allerdings stützen sich diese Maßnahmen auf die Annahme, die Schuld an dem Debakel treffe allein die profitgierigen Händler. Uns Verbraucher dagegen spricht man mit Begriffen wie "Betrug" oder "Verbrechen" von aller Verantwortung frei. So nehmen wir eine Opferrolle ein, die uns eigentlich nicht zusteht.

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Denn wie auch schon der Dioxinskandal im vergangenen Frühjahr zeigt das Pferdefleisch-Debakel abermals, dass mit unserem Kaufverhalten etwas nicht stimmt: Wir konnten zwar nicht ahnen, woher das Fleisch in der Tiefkühllasagne stammte. Wir hätten auch nicht wissen müssen, dass Etiketten gelogen haben. Doch uns hätte zumindest erstaunen müssen, dass es Lebensmittelherstellern gelingt, Fleischkost für weniger als zwei Euro zu produzieren. Dass es allein rund 1.200 Euro kostet, ein Rind zu mästen, zu schlachten und zu Hack zu verarbeiten, muss der Käufer nicht einschätzen. Dass mit den Dumpingpreisen der Supermärkte etwas nicht stimmt, ist aber offensichtlich – dazu muss man sie nur mit den Fleischpreisen regionaler Metzger vergleichen. 

Vermutlich treibt uns also nicht die Unwissenheit dazu, Billigfleisch zu kaufen. Wir weigern uns schlicht, Fleisch als das anzuerkennen, was es ist: ein Luxusgut. Wenn wir Discount-Bratwürste für 70 Cent, Billig-Bolognesesoße für 99 Cent oder Räucherlachs für 2,50 Euro kaufen, sagen wir damit auch: Sie sind nicht mehr wert. Täglich billiges und leckeres Fleisch zu konsumieren, scheinen wir als Grundrecht zu betrachten. Um nicht darauf verzichten zu müssen, kaufen wir lieber täglich Billigfleisch als einmal pro Woche gutes. So ist es kein Wunder, dass der Druck auf die Hersteller steigt, noch mehr Tiere für noch weniger Geld auf noch weniger Platz zu halten. Oder das Fleisch zur Not mit dem rund viermal billigeren Pferdefleisch zu strecken.

Schuld am Pferdefleisch-Betrug sind also zweifellos die Hersteller. Doch auch der Verbraucher sollte sich bewusst machen, dass er beim Kauf eine Verantwortung trägt und den Machenschaften der Lebensmittelindustrie nicht hilflos ausgeliefert ist. Er muss hinterfragen, wo sein Essen herkommt und sein Bewusstsein für den Wert von Fleisch und Tierprodukten schärfen. Vor allem aber muss er sich klarmachen, dass Billigpreise selten ein glücklicher Zufall sind, sondern meistens ein Zeichen dafür, dass in der Handelskette jemand zu kurz gekommen ist – entweder die Zwischenhändler, die Tiere oder die Fleischqualität.

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Leserkommentare
  1. "Niemand zwingt Anbieter zum ruinösen Preiskampf, niemand schreibt ihnen vor, Kosteneinsparungen durch illegale Kreativität zu erzielen"

    Hate the game, not the player. Natürlich existiert im Kapitalismus ein Preiskampf in Form eines monetären Unterbietungswettbewerbs, für den der einzelne Marktakteur aber nichts kann. Wenn Sie Ihre Lasagne für 5 Euro anbieten, kauft diese keiner, sondern die des Konkurrenten für 2,50 Euro und Sie gehen pleite, es sei denn, Sie können sich einen mittelständisch bis wohlhabenden Kundenstamm aufbauen, der Ihnen den Preis für gute Qualität zu zahlen bereit ist. Im großen, industriellen Maßstab wird das aber kaum möglich sein, wie Sie ja selbst sagen.

    Mit Ihrem letzten Absatz stimme ich deshalb grundsätzlich überein.

    • re801
    • 18. Februar 2013 21:49 Uhr

    Was Sie völlig außer Acht lassen (bewußt oder unbewußt) ist, dass wir mittlerweile knapp über 7 Milliarden Menschen sind.

    Der Konsum von Billigfleisch und das Inkaufnehmen der dadurch verursachten ökologischen und sozialen Probleme (Futterpflanzenanbau vs. Grundnahrungsmittel usw.) sind wahrhaft menschenverachtend - die Forderung nach artgerechte Tierhaltung sicherlich nicht!

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Beim Tier anfangen"
    • artus63
    • 18. Februar 2013 21:50 Uhr
    131. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf polemische Äußerungen. Die Redaktion/mak

    Antwort auf "Die Logik Stand so,"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wer geht den heute noch mit einer Axt in den Wald?
    Den ganzen Spaß hat man doch virtuell am Smartphon und die Pizzabestellung entschleicht nebenbei auch noch !
    Sehen wir das mal als Problem? Ist heute zu einfach satt zu werden?

    Kein Problem! Könnten aber die Würtze bringen!

  2. 132. Fehler

    Ups, irgendwie wurde beim letzten Teil der Text abgeschnitten.
    Darin wollte ich Ihnen nocheinmal Ihre Rolle als mündiger Bürger verdeutlichen, die Sie so bereitwillig von sich weisen.

    Antwort auf "Verantwortung"
  3. gesund ist, hat recht wenig damit zu tun, ob sie Wurzeln oder Beine hat.

    Sondern damit, ob sie (meine Nahrung!) ausgewogen ist, und ob sie frei von gesundheitsschädlichen Zusätzen ist.

    Und über Ethik müssen wir auch nochmal reden...

    Wollen Sie mir wirklich weismachen, daß ein vernünftig gehaltenes Tier unethischer ist als das, was unter Almerias Plastikfolienwüste vor sich geht???

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ganz einfache Lösung"
  4. Fleisch muss qualitativ einwandfrei sein. Und das regelt nicht der Preis sondern der Gesetzgeber. Dort liegt der Hase im Pfeffer begraben. Ich würde erstmal sämtlichen Verkauf aus Massentierhaltung in Deutschland verbieten. Das hebt die Qualität des Fleisches sprunghaft an, ebenso den Preis und reduziert somit die konsumierte Fleischmenge. Es muss nicht sein, daß jeden Tag Fleisch gegessen wird.

    2 Leserempfehlungen
    • felix78
    • 18. Februar 2013 21:55 Uhr

    einerseits denke ich mir, ja macht das fleisch teurer, damit die tiere würdig gehalten werden können und keine medikamente und sonstigen ethisch bedenktlichen zusätze in das fleisch hinein kommen. von der gentechnick ganz zu schweigen.

    aber andererseits gibt es hier in deutschland stetig immer mehr arme menschen die sich sich wenn es teurer wäre einmal im monat ihr schnitzel leisten könnte. und ja fleisch gehört zu unserer ernährung.

    dann würde sich die zweiklassen gesellschaft nicht nur in der zahnmedizin sonder auch in der ernährung realisieren. dies wäre wieder ein schritt in richtung ungleichheit. ich weiß nicht wieviel ungleichverteilung unsere gesellschaft aushält bis das fass überläuft...ich habe kein problem damit das kaviar ein luxusgut ist..aber wenn ich im sommer nicht ein steak auf den grill werfen kann weil ich in meinem beruf nicht genug verdiene wäre ich sehr sehr....unzufrieden muss ich ganz ehrlich zugeben. leider habe ich nicht die möglichkeit mehr geld auszugeben um ein gutes gewissen zu haben bei den nahrungsmitteln welche ich mir kaufe.

    Eine Leserempfehlung
  5. Wer geht den heute noch mit einer Axt in den Wald?
    Den ganzen Spaß hat man doch virtuell am Smartphon und die Pizzabestellung entschleicht nebenbei auch noch !
    Sehen wir das mal als Problem? Ist heute zu einfach satt zu werden?

    Antwort auf "[...]"
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ilse Aigner | Betrug | Euro | Grundrecht | Handwerk | Lebensmittelindustrie
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