AmselnBeleuchtete Städte wecken im Winter Frühlingsgefühle

Das künstliche Stadtlicht beeinflusst offenbar das Paarungsverhalten von Amseln. Sie beginnen früher mit der Balz und zwitschern schon im Winter. von 

Eine Amsel

Eine Amsel  |  © dioxin/photocase.com

Wenn die Vögel zu zwitschern beginnen, ist normalerweise Frühlingsanfang. Doch in Großstädten singen sie immer häufiger schon in den dunklen Morgenstunden. Schuld daran sind offenbar Straßenlaternen, Ampeln und Wohnbeleuchtungen, die es im Winter heller machen, als es eigentlich wäre. Das zeigt eine Studie von Ornithologen des Max-Planck-Instituts in Radolfzell am Bodensee.

"Das Kunstlicht, das wir in Städten vorfinden, kann die jahreszeitliche Organisation von Wildtieren drastisch verändern", sagt Studienautor Jesko Partecke. Er und sein Team fingen Stadt- und Waldamseln der Art Turdus merula und setzten sie zehn Monate lang nachts einer Beleuchtungsstärke von 0,3 Lux aus. Die Versuchstiere verglichen sie mit einer Kontrollgruppe. Das Ergebnis: Die Hoden der Vögel wuchsen im Durchschnitt fast einen Monat früher, als bei Tieren, die nachts in der Dunkelheit schliefen. Zudem stieg der Testosteronwert in ihrem Blut, sie begannen rund eine Stunde früher zu singen und mauserten gegen Ende der Brutzeit viel früher als die Vögel in der Kontrollgruppe.

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Um herauszufinden, welcher Beleuchtungsstärke die Stadtvögel nachts tatsächlich ausgesetzt sind, statteten die Forscher sie mit Lichtsensoren aus. "Die Intensitäten waren zwar mit 0,2 Lux sehr gering – nur ein Dreißigstel dessen, was eine typische Straßenlampe ausstrahlt", sagt Partecke. Doch selbst so geringe Werte reichten aus, um die Keimdrüsen männlicher Vögel früher reifen zu lassen.

Die Ursache der früheren Fortpflanzungsbereitschaft kennen die Forscher noch nicht. Möglicherweise spielt das nächtliche Kunstlicht den Tieren eine längere Tageslänge vor und stellt ihren Körper somit auf Sommerzeit um. Zudem ist denkbar, dass die Vögel durch die Beleuchtung auch nachts auf Nahrungssuche gehen und die zusätzliche Energie in die Fortpflanzung stecken. Das Licht könnte aber auch den Stoffwechsel der Tiere beeinflussen und so für ein früheres Keimdrüsenwachstum sorgen.

Unklar ist auch, ob das frühere Brüten den Stadtamseln eher nützt oder schadet. "Amseln in der Stadt könnten durch das Kunstlicht früher im Jahr brüten und dadurch mehr Junge im Jahr hervorbringen", sagt Partecke. Allerdings müssten sie den Nestlingen dann auch genügend geeignetes Futter zur Verfügung stellen – im Winter nicht immer eine einfache Aufgabe.

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Leserkommentare
    • zfat99
    • 13. Februar 2013 14:48 Uhr

    Sonst gibts Klimawandel!

    :-)

    via ZEIT ONLINE plus App

    • Peugeot
    • 14. Februar 2013 12:12 Uhr

    nutzen zusätzliche Beleuchtung doch schon lange, damit auch in der dunklen Jahreszeit die Eier*produktion* weitergeht. Neben durch das Licht veränderten hormonellen Prozessen wird den Vögeln auch eine längere Zeitspanne für die Futteraufnahme ermöglicht.

    Wobei da wohl 0,3 Lux nicht ausreichen...

    • tobmat
    • 14. Februar 2013 14:13 Uhr

    "Selbst kleine Dörfer werden mittlerweile nachts dauerbeleuchtet. Man weiß ja kaum noch, wie eine rabenschwarze Nacht aussah."

    Das ist längst nicht mehr korrekt. Der gegenteilige Effekt ist seit Jahren zu beobachten. An der Beleuchtung wird immer stärker gespaart, da viele Gemeinden hoffnungslos überschuldet sind.
    Gemeinden die mangelhaft oder gar nicht beleuchtet sind befahre ich grundsätzlich nur noch voll aufgeblendet.

    "Die Chronobiologie von Pflanzen, Tieren und Menschen wird generell beeinträchtigt."

    Sie wird beeinflusst. Ob das auch ein Nachteil ist nicht pauschal zu beantworten. Auch der vorliegende Artickel macht hierzu keine Aussage.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Danke für den Artikel"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Winter | Fortpflanzung | Tier | Vogel | Energie | Körper
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