LebensmittelskandalPilzgifte in der Milch sind das Pferdefleisch des Balkans

In mehreren Balkanstaaten ist Milch zu stark mit Aflatoxinen belastet. Serbiens Regierung verharmlost die Gefahr und verunsichert Verbraucher. Von Thomas Roser, Belgrad von Thomas Roser

Tapfer und entschlossen leerte Serbiens Agrarminister Goran Knežević vergangene Woche sein Milchglas, bevor er seine Dauerbotschaft verkündete: "Unsere Milch ist sicher." Obwohl in Serbien bereits 28 von 300 Milchsorten aufgrund von zu vielen Rückständen des krebserregenden Pilzgiftes Aflatoxin M1 aus dem Verkauf genommen wurden, erklärt auch Gesundheitsministerin Slavica Đukić Dejanović den Milchkonsum für "absolut sicher": "Die Gesundheit der Bürger ist in keinerlei Weise bedroht."

Wahr ist das nicht. Denn in der serbischen Milch stecken Gifte, die als krebserregend gelten. Die Aflatoxine bilden sich, wenn Lebensmittel mit bestimmten Schimmelpilzen befallen sind. Zigtausende Liter Milch, deren Aflatoxin-Gehalt zulässige Grenzwerte überschritt, wurden ausgeliefert und nun – mehr oder weniger halbherzig – vom Markt genommen. Auch Kroatien, Slowenien und Bosnien sind betroffen. Ein Lebensmittelskandal, der den ganzen Balkan betrifft.

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Der Fall zeigt, dass auch kleine Märkte nicht vor Lebensmittelskandalen gefeit sind. Was in Westeuropa das als Rindfleisch deklarierte Pferdefleisch ist, ist in den Ländern Ex-Jugoslawiens derzeit die Milch. Mit einem wichtigen Unterschied: Die Schimmelpilzgifte sind gesundheitsschädlich. Es geht also um mehr als um Etikettenschwindel. Zudem spielt vor allem Serbiens Regierung den Skandal herunter. Informationen sind widersprüchlich und gelangen oft nur auf Umwegen an die Öffentlichkeit.

Als erstes hatten zu Monatsbeginn bosnische Gesundheitsbehörden erhöhte Aflatoxin-Werte in aus Kroatien importierter Milch festgestellt. Später wurden Sporen von Schimmelpilzen auch in Milch aus Slowenien, Bosnien und Serbien nachgewiesen. In fast allen Balkanstaaten mussten Supermärkte Milch aus den Regalen nehmen: Betroffen sind auch in der Region gefertigte Milchprodukte der deutschen Großmolkerei Meggle.

In Kroatien kaufte die Großmolkerei Dukat wegen des erhöhten Aflatoxin-Gehalts bereits bei mehr als 180 Lieferanten keine Milch mehr auf: Das kroatische Agrarministerium hat angekündigt, ab dieser Woche die belastete Milch betroffener Betriebe zu Marktpreisen aufzukaufen – und in Biogas-Anlagen zu entsorgen. Täglich sollen laut Kroatiens Webportal index auf diese Weise in der Provinz Slawonien von 400 Bauernhöfen 70.000 Liter belastete Milch aufgekauft und vernichtet werden.

Serbiens Politiker verzetteln sich im Streit

Die Milch-Krise im nahen Kroatien hatte in Serbiens angrenzender Provinz Vojvodina den für Landwirtschaft zuständigen Sekretär Goran Ješić aufgeschreckt. Der ließ daraufhin von einem Labor in Becej Analysen heimischer Milchproben durchführen. Das Ergebnis: 29 von 35 getesteten Milchpackungen waren mit mehr als den zulässigen 0,05 Milligramm Pilzrückständen pro Liter belastet.

Was sind Aflatoxine?

Die Aflatoxine B1 und M1 sind Schimmelpilzgifte, die bei Tieren und Menschen schon bei Aufnahme geringer Mengen giftig wirken. Sie können das Erbmaterial schädigen und stark krebserregend sein. Gebildet werden diese Gifte von verschiedenen Pilzen der Gattung Aspergillus.

Besonders häufig werden Aflatoxine in Regionen mit warmem und feuchtem Klima nachgewiesen. Oft gelangen sie über Pilzbefall vor oder nach der Ernte von Früchten, Mais und Reis in die Nahrungskette. Das Aflatoxin M1 kann in der Milch von Tieren auftreten, wenn an diese mit Aflatoxin B1 verunreinigter Mais verfüttert wurde.

Grenzwerte in der EU

Um die Aufnahme von Aflatoxinen M1 über Lebensmittel zu minimieren, hat die EU bereits 2006 zulässige Höchstwerte und die entsprechenden Analyse-Verfahren festgelegt.

Ähnliche Höchstwerte für das Viehfutter wurden von der damaligen EG bereits 2002 festgeschrieben.

Vom EU-Anwärter Serbien wurde der EU-Standard für den Aflatoxin-Gehalt in Lebensmitteln 2011 übernommen. Kritiker bemängeln, dass die Höchstgrenze für Viehfutter in Serbien weiter ein Vielfaches über dem EU-Wert liegt. Auch entsprechen die nationalen Laboratorien und Analysen nicht dem EU-Standard. Sowohl Serbiens Landwirtschaftsministerium als auch die Provinzregierung der Vojvodina haben darum nun mehrere Analysen von Milchproben bei Labors in Deutschland und den Niederlanden angeordnet.

Quelle: EFSA

Doch noch immer gibt Serbiens Regierung das Gesundheitsrisiko nicht zu. Stattdessen nimmt man den Skandal zum Anlass, politische Gegner zu beschuldigen. Das Landwirtschaftsministerium unterstellt der Opposition, die Regierung mithilfe des Milchskandals zu Fall bringen wollen. Andere Regierungsvertreter behaupten, Lobbyisten seien "für das Gerede" um belastete Milch verantwortlich – sie wollten den heimischen Milchsektor "zerstören", um eine Bresche für die Einfuhr genetisch manipulierter Lebensmittel zu schlagen.

Der Agrarminister Knežević selbst erklärte den "Euro-Fanatismus" der früheren Regierung zum Sündenbock: Seine Vorgänger hätten EU-Grenzwerte übernommen, ohne für die Schaffung eines funktionierenden Systems zu deren Überprüfung zu sorgen.

"Alle sind schuld – außer den Ministern", umschreibt die Zeitung Blic das Krisenmanagement der Regierung. Deren Beteuerungen schenken die Verbraucher indes immer weniger Glauben. Einen Verkaufseinbruch von 40 Prozent vermeldet Serbiens größter Molkereikonzern Imlek. Ärzte raten, Kindern vorläufig keine Milch mehr trinken zu lassen.

Leserkommentare
  1. ... denn Pferdefleisch ist eigentlich relativ gesund und selbst die gefundenen Medikamentenrückstände sind - vergleichsweise - harmlos. Darüber kann man sich ärgern, weil man eben nicht gern heringelegt wird, aber das war's dann auch. - Aflatoxine dagegen gehören zu den stärksten Giften überhaupt, schädigen unter anderem die Leber (siehe z.B. http://de.wikipedia.org/w...) und Grenzwertüberschreitungen sind hier sind definitiv ein ernster Grund zur Besorgnis, ganz besonders, wenn es auch Kinder betrifft!

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  2. Danke für den interessanten Artikel.

    Doch was soll die irreführende Überschrift
    ("Lebensmittelskandal Pilzgifte in der Milch sind das Pferdefleisch des Balkans") ?

    Zum Glück relativieren Sie das später* noch,
    aber an der Berichtserstattung zu den unterschiedlichen Lebensmittelskandalen hat mich die Vermischung & Durchenanderbringerei sehr geärgert:
    Aflatoxine sind hochgiftig. Pferdefleisch ist das eher nicht, wobei falsche Deklaration in betrügerischer Absicht geschehen sein kann.
    Mit Medikamenten versetztes Pferdefleisch als Zutat wiederum kann auch gesundheitlich bedenklich sein.
    Und der Hühnerei-"Sklandal" verärgert mich wiederum in erster Linie aus tierschützerisches Gründen (im Zusammenhang mit dem Für-dumm-verkaufen der Verbraucher durch bestimmte Wirtschaftsbetriebe und ihren Followern in der Politik).

    Ich denke, es wäre der Diskussion dienlich, deutlicher zu unterscheiden, um die Problemfelder effektiver und zielgerichteter anzugehen.

    *"Was in Westeuropa das als Rindfleisch deklarierte Pferdefleisch ist, ist in den Ländern Ex-Jugoslawiens derzeit die Milch. Mit einem wichtigen Unterschied: Die Schimmelpilzgifte sind gesundheitsschädlich. Es geht also um mehr als um Etikettenschwindel. "

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  3. "Der Fall zeigt, dass auch kleine Märkte nicht vor Lebensmittelskandalen gefeit sind." Dann ist aber von mehreren Ländern und Großmolkereien die Rede, u.a. soll die deutsche Firma Meggle betroffen sein. Ich lebe in Bayern, wo man auf dem Land tatsächlich noch viele "glückliche" Kühe finden kann, die das fressen, was normalerweise auf ihrem Speisezettel stehen sollte - Gras, Klee, Wildkräuter.
    Der eigentliche Skandal ist, dass die Firma Meggle aus Bayern Milch aus Balkanstaaten (!) für ihre Milchprodukte bezieht, während hierzulande die Bauern regelmäßig ihre Milch aus Protest wegschütten, weil sie nicht einmal einen fairen Erzeugerpreis bezahlt bekommen.
    Frau Aigner, die gerne bei Lokalterminen von der Stärkung regionaler Strukturen redet, ist wohl leider nicht nur die "Schutzpatronin des Billigschnitzels", wie das Handelsblatt titulierte, sondern auch der Billigmilch.

    6 Leserempfehlungen
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    Schonmal auf einem Hof gewesen und mit den Landwirten dort gesprochen? Die meisten konventionell Produzierenden kaufen Kraftfutter von der BayWa zu. Und auch sonst ist Grünfutter rar. Wenn selbst produziert wird, bekommen die Kühe Maissilage und ein wenig Grassilage (die wird auf den Flächen produziert, auf denen der Mais zu schlecht wächst).

    Und auf den gut geodelten Flächen findet man die Wildkräuter nur mehr in Spuren. Aber schön, daß wieder einer auf die Bilderbuchidylle hereingefallen ist, die der Bauernverband immer zu zeichnen weiß.

    Landwirtschaft ist ein knallhartes Geschäft! Schauen Sie doch mal in Bayerische Wochenblatt. Die ganze Zeitschrift ist voll mit Werbeanzeigen der Futter- und Pflanzenschutzmittel-Produzenten. Die Artikel handeln größtenteils von erfolgreicher Lobbyarbeit und betriebswirtschaftlichen Optimierungen für den Betrieb.

    Die kleinbäuerliche Idylle ist reine Phantasie. Denn gerade auf den kleinen Höfen sind die Haltungs- und Hygienebedingungen schlecht, da gerade dort wegen der hohen Fixkosten gespart werden muß wo es geht.

  4. welcher Dichter war den bei der Übrschrift in Aktion.
    Der Pferdefleisch-Skandal besteht für mich darin, dass der Fleischanteil nicht deklariert wurde. Ansonsten schmeckt Pferd durchaus gut...

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    • 29C3
    • 26. Februar 2013 11:52 Uhr

    ... bekanntermaßen eine eigene, großspurige, nicht zu sagen -"fontige" (Neudeutsch) redaktionelle Titel-Kunst.

    Somit lernen die dortigen sog. Qualitätsmedien von einem benachbarten einflussreichen Vor-bild offensichtlich dazu...

    • 29C3
    • 26. Februar 2013 11:52 Uhr

    ... bekanntermaßen eine eigene, großspurige, nicht zu sagen -"fontige" (Neudeutsch) redaktionelle Titel-Kunst.

    Somit lernen die dortigen sog. Qualitätsmedien von einem benachbarten einflussreichen Vor-bild offensichtlich dazu...

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Liebe Zeitredaktion"
  5. Poetisch! Dramatisch! Enigmatisch!

    Mein absoluter Lieblingstitel heute!

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    • Tzolkin
    • 26. Februar 2013 12:13 Uhr

    Könnte mal ein Berufener die ALFAtoxine B1 + M1 löschen und korrekte AFLAtoxine dauras machen?
    Danke!

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    Redaktion

    Wir haben es geändert. Danke für den Hinweis!

  6. hat noch mit ganz anderen Umweltgiften zu tun, u.a. den 1,5 Tonnen depleted Uranium die die NATO dort hinterlegt hat und deren Entfernung noch lange nicht abgeschlossen ist.

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