Erdbeben-WiederaufbauChristchurch erwacht aus der Schockstarre

Das Beben von 2011 hätte Neuseelands zweitgrößte Stadt fast ganz zerstört. Die Menschen nutzten das Trauma als Chance und bauen erdbebensicher. Von U. Heyne, Christchurch von Ulla Heyne

Die zerstörte Kathedrale in Christchurch im Februar 2011

Die zerstörte Kathedrale in Christchurch im Februar 2011  |  © Simon Baker/Reuters

Genau vor zwei Jahren, am 22. Februar 2011, 12:51 Uhr Ortszeit, erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,3 die Stadt Christchurch. 185 Menschen wurden getötet, rund 70 Prozent der Gebäude im Zentrum zerstört oder unbewohnbar gemacht. Wer heute auf die Südinsel Neuseelands reist, sieht an jeder Ecke Spuren der Zerstörung. Fast die gesamte Innenstadt – "Red Zone" genannt – ist gesperrt. In der Luft hängt noch der Geruch von Staub und Mörtel.

Hinter Maschendrahtzäunen ziehen sich verlassene Ladenzeilen die kaputten Straßen entlang. An einigen Stellen wächst Gras durch die Narben, die das Beben in den Asphalt gerissen hat. Jenseits der Zäune: eine Geisterstadt. Plastiktüten wehen am späten Samstagnachmittag durch die ausgestorbenen Straßen.

Anzeige

In der improvisierten Fußgängerzone mit Geschäften in bunten Containern, die von den Initiatoren des Projekts Re:START aufgestellt wurden, manifestiert sich der Wille zur Normalität: Die Marktbeschicker, die ihre Waren aus den Heckklappen von LKWs verkaufen, bauen gerade ab. Zusammen mit ihnen packt auch der letzte der Straßenkünstler seine Sachen, die beim diesjährigen Buskers Festival aufgetreten sind. Seit zwei Jahrzehnten findet das Fest alle zwei Jahre in Christchurch statt. Es wegen der Folgen des Bebens ausfallen zu lassen? Nein, das wollte man nicht.

Die Stadt trotzt dem permanenten Ausnahmezustand. Ein paar Straßenecken weiter: Die Art Gallery aus Stahl und Spiegelfassaden mit imposanter gebrochener Architektur. Während der Katastrophe wurde sie kurzer Hand zur Einsatzzentrale für die Helfer umfunktioniert. Hunderte wohnten und arbeiteten in den Wochen nach dem Beben in dem Gebäude, das die Erdstöße vergleichsweise unbeschadet überstanden hatte. Doch an der Struktur des modernen Gebäudes hat das Beben doch gerüttelt. Derzeit ist sie für Reparaturarbeiten geschlossen, wie so vieles hier. Draußen, vor der Kunstgalerie stehen riesige Plakatwände, die in farbenprächtigen Bildern die Schönheit von Christchurch zeigen – oder vielmehr die der umgebenden Natur.

Mit Plakaten wirbt Christchurch für's Durchhalten

Offiziell verordnete Durchhalteparolen in Hochglanz, ein Hilfeschrei oder Zweckoptimismus? Der Slogan: "Live, Love, Life – Christchurch" wirkt fast wie eine Beschwörung – an diejenigen, die weggezogen sind. Aber auch die, die geblieben sind. So wie Hone Matthews. Dessen Vorname ist die Maori-Form für John.

Der junge an Armen und Beinen aufwendig tätowierte Mann betrachtet schweigend die Versuche, das Ausmaß der Verwüstung aufs Bild zu bannen. "Nice angle", meint er irgendwann anerkennend, als ich mit der Kamera vor einem Schutthaufen niederknie, um die Zerstörung der Stadt zu fotografieren. "Nette Perspektive."

Perspektiven sieht auch er für die Stadt, sonst wäre er nicht geblieben. Er hat das Beben vor zwei Jahren miterlebt, wie er nach kurzer Zeit erzählt, fast mit dem Stolz eines Kriegsveteranen in der Stimme. Er will nicht weg, wie die meisten hier. Ob er keine Angst vor weiteren Erschütterungen habe? Er zuckt mit den Schultern, fast ein wenig trotzig. "Daran gewöhnt man sich."

So wie er denken viele hier. Auf den Aufruf, Ideen zum Wiederaufbau einzubringen, erhielt die Stadtverwaltung 106.000 Zuschriften. Der Stadtrat geht offensiv mit der Vergangenheit um. In wenigen Tagen eröffnet das Earthquake Experience Center, eine Mischung aus Ausstellung, Dokumentationszentrum und Erlebnispark. Herausgekommen ist ein Mittelding aus einer makaberen Touristenattraktion und dem Versuch, Besuchern das Grauen auf moderne Art begreiflich zu machen.

Im Staatsmuseum Te Papa im 300 Kilometer entfernten Wellington gibt es ein ganzes  "Universum" für alle Themen im Land der großen weißen Wolke. Eine Attraktion des Museums ist das Einzimmerhaus der Sektion "Vulkanismus", in dem Besucher ein simuliertes Beben am eigenen Leib erleben können. Heute steht davor ein Warnschild: "Wer die Beben in Christchurch miterlebt hat, könnte das folgende Erlebnis als traumatisierend empfinden." Dabei rumpelt es auch außerhalb der Simulation ständig in Christchurch. Gerade wurde das 10.000ste Beben seit zwei Jahren aufgezeichnet.

"Nur 3,3 auf der Richterskala", meinte John verächtlich. Wir treffen den Rentner auf der Sternwarte von St. John, rund hundert Kilometer weiter im Süden. Er ist zu Fuß aus dem Dorf am Fuße des Lake Tekapo herauf gekommen. Eigentlich wohnt er mit seiner Frau in Hornby, einem Vorort. Hier an der Sternwarte hat er ein Ferienhaus und genießt die Weite und die klare Luft. Die in der Stadt sei noch immer von Staub und Mörtel durchsetzt, denn die Aufräumarbeiten halten an. 70.000 Menschen sind nach dem großen Beben weggezogen. Rund vier Fünftel der Bevölkerung, knappe 350.000 sind geblieben oder zurückgekehrt. Noch immer ist Christchurch die zweitgrößte Stadt Neuseelands.

Leserkommentare
  1. Eine lesenswerte Geschichte, liebe Ulla.

  2. Kleine Berichtigung: das erste Photo ist nicht von der ikonischen Christchurch Cathedral (https://en.wikipedia.org/...) sondern der katholischen Kathedrale (http://en.wikipedia.org/w...)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Gebäude | Neuseeland | Norman Foster
Service