Cites-Konferenz : Die Eisbären bleiben Gejagte

Dass der Eisbär vom Klimawandel bedroht ist, könnte ihm bei der Artenschutzkonferenz zum Verhängnis werden. Denn Jagd und Handel sind das kleinere Problem, sagen Experten.
Tatzen eines Eisbärs aus Kanada © Matthieu Belanger/Reuters

Der Eisbär ist zum Symbol des Klimawandels geworden. Trotzdem werden Eisbären weiterhin gejagt: in Kanada zum Beispiel, wo die Inuit das Recht haben, die Felle der Tiere international zu handeln und Jagdlizenzen an Ausländer zu geben. Auch in Alaska und Grönland jagen Indigene zum Eigenbedarf. Russland hat den Abschuss der Tiere zwar verboten, aber es gibt Eisbärwilderei. Bis zu 70.000 Dollar zahlen Trophäenjäger für den tödlichen Schuss – in Kanada legal.

Sollte damit nicht Schluss sein? Schließlich schmilzt dem Ursus maritimus der Lebensraum unter den Tatzen weg. Wenn das so weitergeht, könnte die Zahl der Eisbären bis zum Jahr 2050 auf ein Drittel schrumpfen, warnen Forscher. Und da sind neue Studien, wonach das Eis am Nordpol schneller schwindet als vorhergesagt, noch nicht eingerechnet. 

Ob der internationale Handel mit Eisbärfellen und -schädeln ganz verboten wird, darüber streiten heute die Mitgliedsstaaten des Washingtoner Artenschutzabkommens (Cites) in Bangkok. "Der Klimawandel kann nur über Jahrzehnte langsam aufgehalten werden", sagt Annette Sperrfechter von Pro Wildlife, einer NGO (Nichtregierungsorganisation), die mehr Eisbärschutz fordert. "Mit dem Töten von Eisbären könnte man sofort aufhören."

Eisbärforscher gegen Handelsbeschränkungen

Doch so einfach ist das nicht. Selbst führende Eisbärforscher sind nicht einhellig für den Antrag der USA, die dem Eisbär innerhalb des Cites-Systems die höchste Schutzstufe verleihen wollen. Denn Experten schätzen den Bestand der Eisbären auf immerhin noch 20.000 bis 25.000 Tiere. 16.000 davon leben auf kanadischem Gebiet. Ian Stirling, der seit 40 Jahren Eisbären erforscht, sieht keine akute Bedrohung für den Bestand, wenn jährlich vielleicht 600 Tiere abgeschossen werden.

"Die Regierungen müssen endlich aufwachen und erkennen, dass der Klimawandel das wahre Problem ist", sagt der Zoologe. Er ist Mitglied der Polar Bear Specialist Group, einem Gremium unter dem Dach der Weltnaturschutzunion IUCN, das sich vor der Cites-Konferenz gegen weitere Jagdbeschränkungen ausgesprochen hat. Auch das Traffic-Programm für einen nachhaltigen Handel mit wildlebenden Arten, das die IUCN und der WWF gemeinsam betreiben, unterstützt den Antrag der USA nicht. Stirling ist überzeugt, dass in Bangkok an der falschen Baustelle gearbeitet wird. Der Streit um die Jagd könne sogar die viel wichtigeren Verhandlungen über mehr Klimaschutz torpedieren, fürchten die Eisbärforscher.

Dagny Lüdemann

Dagny Lüdemann leitet das Ressort Wissen, Digital und Studium bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Über die Eisbären ist zu wenig bekannt

Hinzu kommt, dass es zu wenige Daten gibt, um einschätzen zu können, wie gefährdet einzelne Eisbärpopulationen wirklich sind. Von 19 bekannten Eisbärgebieten, die sich über Kanada, Russland, Norwegen, Grönland und die USA erstrecken, liegen nur für zwölf genauere Studien vor. Nur hier lässt sich grob sagen, ob die Zahl der Tiere abnimmt, stabil ist oder zunimmt (siehe Infografik). In mindestens acht Gebieten schrumpft der Bestand offenbar. Unter den 19 Gebieten sind einige, in denen nur noch knapp 200 Eisbären leben. Wird in so einem Gebiet gejagt, wodurch hauptsächlich die ausgewachsenen und überlebensfähigen Männchen wegfallen, kann das für eine ganze Gruppe bedrohlich werden. Das bestätigt auch Stirling. Um das zu belegen, brauchen die Wissenschaftler aber mehr Informationen als die lückenhaften Erhebungen, mit denen sie bisher arbeiten.

Doch Eisbären lassen sich nur schwer zählen. Um sie zu erfassen, müssen Forscher sie einfangen und markieren. Das ist aufwendig und teuer – zuletzt fehlte das Geld für ein groß angelegtes Monitoring. Aus der Luft sind die Tiere wegen ihrer Tarnung schwer zu sehen. Wärmebildkameras sind auch keine Lösung, da die Eisbären kaum Wärme abgeben. Zudem wandern sie über viele hundert Kilometer und über Staatsgrenzen hinaus.

Das vorhandene Wissen reicht nicht, um die Zukunft der Tiere sicher vorherzusagen, urteilt der Amerikaner Steven Amstrup, einer der weltweit führenden Eisbärforscher und ehemaliger Vorsitzender der IUCN-Expertengruppe. "Niemand kennt den genauen Bestand", bestätigt der Kanadier Stirling. Er wertet mit seinem Team zwar gerade neue Daten aus. Doch vor der Cites-Konferenz wurde keine aktuelle Studie mehr veröffentlicht.

© ZEIT ONLINE

Den Antrag, den Eisbären in Anhang I des Cites-Vertragswerks aufzunehmen, haben die USA eingebracht. Im eigenen Land haben sie bereits ein Importverbot für Eisbärprodukte verhängt und erlauben nur noch den Indigenen Alaskas, einzelne Tiere zum Eigenbedarf zu töten. So handhabt es auch Dänemark in Grönland. Unterstützt wird der US-Vorstoß von Russland.

Das ausgerechnet die USA als zweitgrößter Klimasünder der Erde in Bangkok ein Herz für Eisbären zeigen, stört viele. Einige der 177 Cites-Staaten verwehren den Amerikanern nun ihre Unterstützung – als Denkzettel dafür, dass die USA auf den letzten Weltklimakonferenzen zu wenige Zugeständnisse beim Einsparen von CO2 gemacht haben.

Kanada ist gegen den Antrag der USA, weil es nationale Interessen verfolgt. Zwar sind 85 Prozent der Kanadier dafür, Eisbären stärker zu schützen.
Aber Kanadas Cites-Vertreter berufen sich auf die Wahrung der traditionellen Rechte der Ureinwohner. Dass das ein schwaches Argument ist, ergab eine Studie des Internationalen Tierschutzfonds (IFAW) aus dem Jahr 2009.

Inuit jagen nicht traditionell Eisbären

Denn bis heute verdient nur eine Handvoll Menschen Geld mit Polarbären. Für die Inuit in Kanada hat der Eisbär eher rituelle Bedeutung und wurde traditionell nur als Mutprobe oder in der Not bei einer ungeplanten Begegnung eines Menschen mit dem Raubtier getötet. Kanadas Regierung führte die Eisbärjagd erst in den fünfziger Jahren in den Polargebieten ein – und förderte sie dann in den achtziger Jahren stark, um den Inuit eine Einnahmequelle zu verschaffen.

Das Fleisch essen die Inuit nicht. Auch der Handel mit den Fellen und Schädeln für Bettvorleger und Möbel ist vielen Ureinwohnern suspekt, weil sie als Kinder gelernt haben, dass man nur Tiere töten soll, die man selbst verwertet. Touristenagenturen verdienen zwar an der Trophäenjagd, doch dass die Inuit als Volksgruppe maßgeblich vom Eisbär leben, konnte die Studie widerlegen.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

@Ach wie süss

Und ich freue mich schon darauf, dass die Aliens (denen sie ja als "Export-Weltmeister" jeden Scheiß andrehen wollen) auf "unserer" Erde landen. Und dann finden diese die Häute kleiner Kinder ja so schön süss, dass sie diese einfach mal so als Tatzen-Schuh-Rohmaterial verfrachten.

Sollten Sie sich als "schützender Vater oder Mutter" überhaupt dagegen wehren wollen?

Andere Forschungsergebnisse

Im Dezember letzten Jahres hat das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in der "Nature" geschrieben, dass durch die aktuelle Entwicklung in der Antarktis die Bewegung der Eismassen in Richtung Küste erhöht wird.

„Wir wissen jetzt, dass der Schneefall in der Antarktis uns nicht vor dem Anstieg des Meeresspiegels retten wird“. Dies zeigt, dass der Sachverhalt komplex ist wie sie sagen.
Ein weiteres Fazit des Instituts: „Der Meeresspiegel steigt – das ist Tatsache. Jetzt müssen wir verstehen, wieviel Zeit uns bleibt, um die Infrastruktur an unseren Küsten anzupassen"
wirkt sehr pessimistisch - nicht mehr danach, dass man das noch stoppen kann, sondern dass man nur noch errechnen kann, wie hoch die Deiche werden müssen.