Wie fing der Lebensmittelskandal an?

Mit Tiefkühl-Burgern aus Großbritannien und Irland. Im Januar fanden Lebensmittelkontrolleure in den Fertig-Bouletten neben Rinderhack auch Pferdefleisch. Das betroffene Produkt, das bei Aldi, Lidl, Tesco und Iceland erhältlich war, wurde vom Markt genommen. Einen Monat später wurden in Tiefkühl-Lasagne der Nestlé-Tochterfirma Findus in Großbritannien und Schweden Pferdefleisch-Spuren nachgewiesen. Statt aus reinem Rind bestand die Lasagne in einem Fall in Großbritannien sogar ausschließlich aus Pferdefleisch. Seither überschlagen sich die Meldungen aus ganz Europa: Deutschland, Frankreich, Österreich, die Schweiz, Italien, Spanien und Tschechien – eine ganze Reihe europäischer Länder ist inzwischen betroffen. Bislang handelte es sich immer um Fertiggerichte aus der Dose oder Tiefkühlprodukte: Lasagne, Nudelgerichte mit Bolognese-Sauce, Gulasch oder Chili con Carne. Außerhalb Europas wurden erste Spuren in Produkten in Hongkong sichergestellt.

Welche Produkte sind in Deutschland betroffen?

Eine Übersicht der hierzulande betroffenen Produkte findet sich hier. Fast alle Supermarktketten, wie etwa Aldi, Lidl, Rewe oder Kaiser's Tengelmann, hatten Rindfleisch-Gerichte im Angebot, die nicht deklariertes Fleisch von Pferden enthielten. In einigen Proben entdeckten Kontrolleure auch Schweinefleisch, das ebenfalls nicht auf der Packung angegeben war. Während einige Produkte nur Spuren von Pferd enthielten, was Forscher anhand der DNA der Tiere im Labor nachweisen, bestanden andere Fertiggerichte in Deutschland etwa zur Hälfte aus Pferd.

Was ist skandalös am Pferd im Hack?

Pferdefleisch ist an sich unproblematisch und gilt in vielen Ländern als Delikatesse. In Deutschland ist es – wenn es ordnungsgemäß geschlachtet wird – deutlich teurer als Rind, Schwein oder Huhn. Allerdings wurden die Verbraucher im aktuellen Fall getäuscht: Sie kauften die Produkte in dem Glauben, dass ausschließlich Rind enthalten sei. Auf der Packung war das Pferdefleisch zudem nicht angegeben. Die fehlende Deklaration, also der Betrug am Verbraucher, ist der eigentliche Skandal.

Wie weit sind die Ermittlungen?

Derzeit untersuchen Lebensmittelkontrolleure in ganz Europa Fleischproben aus Geschäften, Restaurants und von Großhändlern. Verbraucherschützer, wie etwa die Organisation Foodwatch, kritisieren, dass Betrug mit Lebensmitteln kaum aufzudecken sei. "Tatsächlich weiß der Handel genau, dass er strafrechtlich praktisch nicht für den Verkauf nicht verkehrsfähiger Eigenmarken-Ware belangt werden kann. Denn nach heutiger Rechtslage ist der Nachweis, dass die Konzerne wissentlich gehandelt haben, mangels eindeutiger Qualitätssicherungs-Vorgaben so gut wie unmöglich", schreibt Foodwatch auf seiner Website.

Wie kam das Pferdefleisch in Umlauf?

Die Spur der Ermittler entlang einer verstrickten Produktions-, Verarbeitungs- und Lieferkette führt nach Rumänien. Dort wurden Pferde, deren Fleisch in Rinderhack gefunden wurde, geschlachtet. Der in Castelnaudary ansässige Zwischenhändler Spanghero steht unter Verdacht, das Pferdefleisch von einem Schlachthof in Rumänien wissentlich über Umwege durch Zypern und die Niederlande unter dem Etikett "Rindfleisch" über eine Firma in Luxemburg an den Hersteller von Tiefkühl-Produkten, Comigel in Metz, weiterverkauft zu haben (siehe Infografik). So landeten Produkte mit illegal untergemischtem Pferdefleisch in mindestens 13 Ländern Europas. Inzwischen meldet auch Hongkong Pferdefleischfunde. Der Hauptverdächtige Spanghero bestreitet, das Fleisch umdeklariert zu haben. Auch alle anderen Partner der Lieferkette wollen nichts von dem Pferdefleisch gewusst haben.

Die ZEIT-ONLINE-Grafik zeigt den möglichen Weg des Pferdefleischs. Die Darstellung beschränkt sich auf eine nach den bisherigen Ermittlungen wahrscheinliche Lieferkette. Gut möglich, dass weitere Produzenten, Zwischenhändler und Verarbeitungsbetriebe eine Rolle spielen.

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War das illegal verarbeitete Fleisch alt oder verkeimt?

"Viele der betroffenen Produkte sind vorgegarte Erzeugnisse, in denen sich ohnehin nur noch wenige Keime finden würden", sagt Arthur Schiffmann vom Hessischen Landeslabor. Da Lebensmittelkontrollen in Deutschland Ländersache sind, prüfen die Bundesländer derzeit gleichzeitig verschiedene Fleischproben. Die Ergebnisse laufen beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) zusammen. In den Tiefkühlprodukten könnten sich Keime zwar schlecht vermehren, ganz absterben würden sie aber nicht. Bisher wurden keine Hinweise auf Krankheitserreger in den Fleischproben gefunden. Der Fokus liegt derzeit auf dem Nachweis von Pferdefleisch. Und selbst wenn man Keime finden würde: "Es ließe sich nicht mehr feststellen, ob diese aus dem Rind- oder dem Pferdefleisch stammen", sagt Schiffmann.

Was muss auf Produkten mit Fleisch draufstehen?

Das regelt die Lebensmittelkennzeichnungsverordnung. Fleisch muss als Bestandteil von Fertiggerichten unter der Angabe der Tierart gekennzeichnet werden. Heißt ein Produkt etwa "Rindergulasch", darf dort auch nur Rindfleisch enthalten sein.

Unter welchen Auflagen dürfen Pferde zu Lebensmitteln verarbeitet werden?

Für Pferde gelten dieselben Vorschriften wie für anderes Fleisch. Allerdings werden Pferde nicht wie Hühner, Schweine oder Rinder in großen Farmen zur Fleischproduktion gehalten. Pferde, aus denen Wurst und Pferde-Steak gemacht wird, können durchaus zuvor als Sport- oder Freizeitpferde gedient haben. "Pferdehalter, die ihr Tier der Lebensmittelverarbeitung zukommen lassen wollen, müssen dies anmelden und in einen Pferdepass eintragen. Diese Tiere dürfen nur mit bestimmten Arzneimitteln behandelt werden", sagt der Fachtierarzt Schiffmann. Das Fleisch muss frei von Rückständen sein, muss unter strengen Hygiene-Auflagen geschlachtet, gelagert und verarbeitet werden – nach den gleichen Gesetzen, wie jedes andere Fleisch.

Erfüllte das "Skandal"-Fleisch diese Auflagen?

Das ist noch unklar. Vermutlich tat es das nicht, da es wohl extrem günstig aufgekauft worden ist. Pferdefleisch aus guter Produktion erzielt eigentlich höhere Preise. Ein Indiz dafür, dass ausgediente Sportpferde und Ackergäule aus Rumänien verarbeitet worden sein könnten, fanden Forscher bereits: Sie entdeckten Spuren des Medikaments Phenylbutazon, ein entzündungshemmendes Schmerzmittel, das etwa Rennpferden gegeben wird. Die Pharmazeutin Petra Zagermann-Muncke warnt, das Mittel sei für den Menschen "keinesfalls total unproblematisch."