In Schutzanzügen gegen die Radioaktivität suchen Polizisten nach dem GAU im März 2011 nach Überlebenden des Tsunamis. © David Guttenfelder/AP Photo/dpa

Wie viele Strahlenopfer hat die Katastrophe von Fukushima bereits gefordert und wie viele sind insgesamt zu erwarten? Gerade hat die Weltgesundheitsorganisation ihren ersten Risikobericht nach der Katastrophe in Japan veröffentlicht. Die Experten, die ihn erarbeitet haben, sind sich einig: Die gesundheitlichen Schäden durch die Strahlung werden kaum erkennbar sein. Fraglich ist, ob die Statistiken künftig überhaupt zusätzliche Krebsfälle ausweisen werden. Die Strahlendosen für den Großteil der Gesamtbevölkerung seien dafür zu gering, heißt es.

Die Vorhersagen, die bisher kursierten, waren ganz andere. 120.000 Krebsfälle als Folge der Radioaktivität prognostizieren die Umweltaktivisten von Global 2000. Unabhängige Forscher errechneten im vergangenen Juni höchstens 2.500 Fälle und maximal 1.300 Todesopfer. Der vorläufige WHO-Bericht geht hingegen lediglich von leicht erhöhten Krebsrisiken für die Menschen in höher kontaminierten japanischen Städten wie litate und Namie aus. Auch unter den 23.000 Arbeitern, die das havarierte Kraftwerk Fukushima-Daiichi sicherten, sind direkte Schäden bislang ausgeblieben. Bei etwa einem Drittel hat sich das Krebsrisiko erhöht. Verglichen mit den vorherigen Prognosen klingt das geradezu harmlos. Der Aufschrei der Kritiker wird daher nicht lange auf sich warten lassen.

Genau dieser Streit um Opferzahlen ist aber das, was den 210.000 GAU-Flüchtlingen am wenigsten hilft. Im Gegenteil: Er schürt die Angst vor der unsichtbaren, lautlosen, geruchs- und geschmacksneutralen radioaktiven Gefahr. Diese Furcht wird ihnen mehr zu schaffen machen als die Strahlendosen selbst. Um zu erahnen, was auf die Vertriebenen von Fukushima noch alles zukommt, hilft ein Vergleich mit Tschernobyl.

Der GAU damals war weit dramatischer als der in Japan, aber das Leid der Betroffenen war ähnlich. Im April 1986 flog ein kompletter Reaktor bei vollem Betrieb in die Luft. Mindestens zehn Tage lang verteilte sich die Radioaktivität. Rund 200.000 Quadratkilometer Land, vor allem in der Ukraine, in Weißrussland und Russland, wurden mit radioaktiven Partikeln kontaminiert. Das entspricht fast der Fläche Großbritanniens. Damals wurde viel zu spät evakuiert, die Menschen atmeten radioaktives Jod ein und tranken verseuchte Milch. Außerdem verschleierte die Regierung noch Jahre später das wahre Ausmaß der Katastrophe.

Krebstote zu berechnen, ist Rätselraten auf hohem Niveau

Unbestritten ist, dass schon geringe Mengen radioaktiver Teilchen den Zellen des menschlichen Körpers schaden. Doch kommt der Mensch mit einem gewissen Maß Strahlung gut zurecht. Schließlich zerfallen jederzeit und überall radioaktive Teilchen etwa in Gesteinen und Böden oder sie erreichen die Erde aus dem All. Die moderne Medizin nutzt die Isotope gar, um Leben zu retten, etwa mit Strahlentherapien gegen Krebs. So kommt ein Mensch in Deutschland auf eine natürliche Strahlendosis von durchschnittlich 2,1 Millisievert (mSv) pro Jahr. Hinzu kommen weitere zwei Millisievert durch medizinische Geräte, etwa durch Röntgenaufnahmen und Computertomografien.

Um die Zahl der Krebstoten nach einem GAU zu berechnen, betreiben Experten ein Rätselraten auf hohem Niveau. Solange weitere Opfer der Langzeitschäden zu erwarten sind, bleiben die Zahlen nur Prognosen. Für Tschernobyl kursieren Schätzungen von unter 10.000 Todesopfern bis hin zu mehr als 1,7 Millionen. Wer in seinen Rechenmodellen etwa die 100-mSv-Schwelle ignoriert, wie viele Umweltaktivisten es tun, kommt auf mehr Tote. Dem stetig aktualisierten Tschernobyl-Bericht des Wissenschaftskomitees der Vereinten Nationen für atomare Strahlung (UNSCEAR) gelingt wohl am ehesten eine seriöse Prognose der Opferzahlen – er geht von bis zu 9.000 Krebstoten durch die Strahlung aus.

Erst ab einem Wert von 100 mSv lassen sich Gesundheitsrisiken durch Radioaktivität nachweisen. Japanische Wissenschaftler wissen dies seit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg. Statistisch taucht dann etwa ein zusätzlicher Krebsfall unter 100 Menschen in der Gesamtbevölkerung auf. Allerdings gilt für die meisten Industrienationen: Etwa 40 der 100 würden ohnehin in ihrem Leben an einem Tumor erkranken. Im statistischen Rauschen verliert sich somit der direkte Zusammenhang zwischen Krebs und Radioaktivität. Erst recht unterhalb von 100 mSv.

Letztlich zählt, welche Auswirkungen in den Jahrzehnten nach einem GAU tatsächlich zu beobachten sind. Nach Tschernobyl nahm nur die Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen durch die Strahlung bis heute zu. 6.000 zusätzliche Fälle ermittelten Epidemiologen unter den rund sieben Millionen Menschen in den kontaminierten Gebieten der Ukraine, Weißrusslands und Russlands. Belege für eine Zunahme anderer Tumore und körperlicher Schäden durch die Radioaktivität gibt es laut UNSCEAR-Bericht keine.