Hurrikan SandyNew York baut Häuser nun auf Pfählen

Das Desaster von Hurrikan Sandy soll sich nicht wiederholen. Von Umsiedlungen über Gummipfropfen für Tunnel bis zu milliardenteuren Dämmen reichen die Pläne in New York. von 

Zerstörung nach Hurrikan Sandy am Rockaway Beach in Queens, New York

Zerstörung nach Hurrikan Sandy am Rockaway Beach in Queens, New York  |  © Brendan McDermid/Reuters

New York und New Jersey erholen sich nur langsam von dem größten Hurrikan, der die Ostküste je heimgesucht hat. Die Bilanz von Sandy: 285 Tote, davon 43 in New York City, 650.000 zerstörte Häuser, ein Schaden in Höhe von 80 Milliarden Dollar – mindestens.

Sandy schuf Szenarien, die an Bilder aus Katastrophenfilme wie The Day After Tomorrow oder Godzilla erinnerten. In New Jersey versank ein Vergnügungspark, in New York wurden ganze Siedlungen weggespült. In der Baustelle des World Trade Center, in der New Yorker Börse und in allen U-Bahn- und Autotunneln stand das Wasser. Und noch immer werden jede Woche weitere Schäden bekannt: South Ferry, die Endstation der U-Bahn-Linie 1 – erst vor wenigen Jahren nach der Attacke auf das World Trade Center gänzlich neu eröffnet – wurde überschwemmt. Erst in drei Jahren soll der Bahnhof wieder funktionieren. Die Keller von Investmentbanken und Anwaltskanzleien an der Wall Street wurden feucht. Und auch das Bellevue Hospital, das größte Krankenhaus downtown, eröffnete erst vor einer Woche wieder.

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Nun will die Stadtverwaltung sicherstellen, dass sich ein solches Desaster nicht wiederholt. Bürgermeister Michael Bloomberg hat eine Task Force gegründet, geleitet von Seth Pinsky, dem Chef der städtischen New York City Economic Development Corporation. Die Task Force soll Ende Mai einen Bericht vorlegen. Dabei geht es um vieles: Bauregeln für Neubauten in Küstennähe, eine bessere Absicherung der U-Bahn und andere Lieferanten-Verträge, damit beim nächsten Mal das Benzin nicht ausgeht. Es soll mehr und besser verteilte Notstromgeneratoren geben, Stromkraftwerke an der Küste sollen stärker gesichert werden. Natürliche und künstliche Barrieren sollen die nächste Sturmflut abfangen oder wenigstens dämpfen. "Aber wir werden die Küste nicht verlassen, die uns groß gemacht hat", sagte Bloomberg bei seiner jährlichen State-of-the-City-Address. "Wir werden stärker, sicherer und nachhaltiger bauen, aber wir werden bauen."

Tropenstürme: Historische Rekordstürme

Zwar ist Sandy ein Ausnahme-Zyklon in der Sturmgeschichte, doch in den vergangenen 150 Jahren gab es schon andere Rekorde. Seit 1851 gibt es Daten zu jeder jährlichen Hurrikansaison.

1886 war die bislang heftigste: Sieben Hurrikane trafen auf Land, die jüngste schwere Saison war 1985 mit sechs tropischen Wirbelstürmen.

Der am längsten andauernde Hurrikan war San Ciriaco 1899. Er entwickelte sich am 3. August und wütete einen Monat lang mit verschiedenen Stärken in Puerto Rico, an der amerikanischen Ostküste, dann auf den Bermuda-Inseln und schließlich auf den Azoren.

Historisch ist auch der 22. August 1893. An nur einem Tag wirbelten gleich vier Hurrikane über Land. Schließlich töteten Ausläufer der Stürme bis zu 2.000 Menschen an der US-Ostküste. Nur am 25. September 1998 wurden ebenfalls vier Hurrikane an einem Tag beobachtet.

Die jährlich wiederkehrenden Stürme werden nicht unbedingt stetig stärker. Betrachtet man die historischen Daten gibt es eher zyklisch ruhige Jahrzehnte und wieder Jahre mit mehr Stürmen.

Hurrikane der vergangenen Jahre

August 2011: Hurrikan Irene fegt über die US-Ostküste. Mehrere Bundesstaaten erklären vorsorglich den Notstand. Der Sturm, der in North Carolina mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 140 Stundenkilometern auf Land trifft, bleibt weniger verheerend als erwartet. Dennoch gibt es Schäden. Millionen sind zeitweilig ohne Strom. Mindestens 45 Menschen sterben.

September 2010: Hurrikan Earl trifft mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 230 Stundenkilometern auf die nordamerikanische Ostküste. In mehreren US-Staaten wird der Notstand ausgerufen, für North Carolina sogar Katastrophenalarm. Der Sturm schwächt sich aber ab und richtet keine größeren Schäden an. In Kanada kommt ein Mensch ums Leben.

September 2008: Mit Winden über 170 Stundenkilometern und Überschwemmungen stürmt der Hurrikan Ike über der texanischen Golfküste. Mindestens 92 Menschen sterben. 4,5 Millionen Menschen im Großraum Houston sind ohne Strom.

September 2005: Hurrikan Rita verursacht am Golf von Mexiko in den Bundesstaaten Texas und Louisiana schwere Überschwemmungen. Der Sturm erreicht bis zu 200 Stundenkilometer. Zwischenzeitlich müssen mehr als eine Million Menschen die Region verlassen. Mindestens 119 Menschen sterben.

August 2005: Katrina zieht über die US-Bundesstaaten Louisiana, Mississippi, Florida, Georgia und Alabama und tötet mehr als 1.800 Menschen. New Orleans wird weitgehend zerstört. Etwa 1,3 Millionen Menschen entlang der US-Golfküste verlieren ihr Hab und Gut.

Einer derer, die bei der Task Force mitarbeiten, ist William Stein vom New Yorker Büro Dattner Architects. "Bei älteren Gebäuden geht es darum, sie flutsicherer zu machen", sagt Stein. "Für Neubauten hingegen erarbeiten wir neue Bebauungspläne und neue Bauvorschriften."

Howard Slatkin, bei der Stadtverwaltung für nachhaltiges Planen zuständig, berichtete, die bundesstaatliche Katastrophenschutzbehörde FEMA erstelle gerade neue Pläne mit den neuerdings flutgefährdeten Zonen. Diese Pläne würden in die Zoning Regulations, die Bebauungspläne der Stadt einfließen, sagte Slatkin.

Bei Neubauten in einer solchen Flutzone müssen die Erdgeschosse künftig höher liegen. "Wir planen gerade eine Siedlung in Coney Island, da sollte das Erdgeschoss drei Fuß über dem Meeresspiegel errichtet werden", sagt Stein; knapp ein Meter. "Mit dem Hurrikan stand das Wasser in Coney Island aber fünf Fuß hoch." Werde das Erdgeschoß nun aber sechs oder sieben Fuß höher gelegt, womöglich auf einer Plattform auf Säulen, mit einer Treppe, dann sei das ein Problem für Gehbehinderte. Außerdem dürften Häuser in einem Einfamilienhausgebiet bestimmte Höhen nicht überschreiten. Die Stadt hat zudem verfügt, dass Notstromgeneratoren künftig aufs Dach kommen und nicht in den Keller. Das gilt auch für Boiler und Hauselektrik.

Dünen begradigt – damit Touristen freie Sicht aufs Meer haben

Stein vertraut aber auch auf das Ökosystem. "Wir planen lieber mit 'weichen Grenzen' als mit 'harten Grenzen', also mit einem natürlichen Ansatz statt mit einem technischen", sagt er. Auch in den Niederlanden, dem Mutterland der Deiche, denke man inzwischen so. Zu den "weichen Maßnahmen" gehört, Sandbänke und Dünen zu restaurieren. Long Beach etwa, eine Gemeinde auf Long Island, habe einst Dünen begradigt, weil die Einheimischen freie Sicht aufs Meer wollten, auch im Interesse der Touristen in den Strandhotels, erzählt Stein. Das bundesstaatliche Army Corps of Engineers – zuständig für die Deichsicherung – hatte schon vor sechs Jahren vorgeschlagen, die Dünen wieder aufzuschütten. Long Beach hatte das damals aber abgelehnt, sogar einen damit verbundenen Millionenzuschuss der Regierung in Washington. Nach Sandy und 200 Millionen Dollar Schaden später ist man klüger.

"Aber auch Austernbänke könnten als Wellenbrecher dienen", sagt Stein. Die Landschaftsplanerin Kate Orff hatte beispielsweise vorgeschlagen, solche Bänke um Brooklyn herum anzulegen, als eine Art "ökologischen Klebstoff".

Leserkommentare
  1. ... wird sich an der Problematik nichts ändern. Holzhäuser auf Pfählen sind für Stürme und Hurricanes "ein gefundenes Fressen". Häuser aus Stein sind halt mehr als doppelt so teuer.

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    So ein Holzhaus fliegt doch weg, noch eher wenn es auf Stelzen steht.
    Da gelten wohl nur fensterlose Betonbunker?
    Diese fliegen nicht so schnell weg und werden auch nicht so leicht von den Fluten mitgerissen.

  2. So ein Holzhaus fliegt doch weg, noch eher wenn es auf Stelzen steht.
    Da gelten wohl nur fensterlose Betonbunker?
    Diese fliegen nicht so schnell weg und werden auch nicht so leicht von den Fluten mitgerissen.

    • Peugeot
    • 18. Februar 2013 17:46 Uhr

    "Long Beach etwa, eine Gemeinde auf Long Island, habe einst Dünen begradigt, weil die Einheimischen freie Sicht aufs Meer wollten."

    Long Beach ist wohl das amerikanische Schilda? Schildbürger sind es auf jeden Fall.

    Ansonsten würde ich gar nicht soviel forschen, sondern eine Abordnung nach den Niederlanden schicken und das dortige System von Sperren und Flutbauwerken anschauen. Vielleicht, aber nur vielleicht, auch mal die niederländischen Fachleute fragen.

    • scoty
    • 18. Februar 2013 18:22 Uhr

    wie Häuser auf Pfählen auf Erdbeben reagieren ?

  3. Klingt alles ein bisschen hilflos und immens teuer, aber was mich wirklich fasziniert, ist die Interpretation des Begriffes 'nachhaltig'. Häuser auf Stelzen (?) weiter weg vom Meer zu bauen, aber das eigentliche Problem zu ignorieren, erinnert an das klassische "re-arranging the deck chairs" auf der Titanic Syndrom, hat aber mit nachhaltig Klimaveränderungen bremsen oder Verhaltensweisen ändern wenig zu tun.

    Je länger diese Erkenntnis aufgeschoben wird umso teurer, unsinniger und schmerzhafter wird's. Na denn!

  4. Die bauen nicht, die basteln !
    Die ungedämmten Bretterbuden, mit ihren drei Schlafzimmern und vier Badezimmern, würden bei uns nicht einmal als Notquatiere zugelassen ! Und jetzt wollen sie diese fragilen Etwasse noch auf Stelzen setzen, Wahnsinn !!

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    wer wiederholt Gammelbaracken in ein, aus ing.geol Sicht, dermaßen dynamisches Environment setzt, dem ist nicht zu helfen!

    Schon die Rammprofile, machen die überhaupt welche?, dürfte eine Einsicht in das Zustandekommen des Untergrundes ergeben die vom Weiterbau absehen läßt!

    Was und ob solche Spinner überhaupt nachdenken bleibt absolut unerfindlich, um halbwegs widerstandsfähige BAuwerke an diesem Ort zu erstellen dürfte meht Beton und Bewhrung erfoderlich sein als am "Atlantikwall" je verarbeitet werden ist; und die dann entstehenden Häuser dürften ähnlich wohnlich Ausfallen....

    Beste Grüße CM

  5. wer wiederholt Gammelbaracken in ein, aus ing.geol Sicht, dermaßen dynamisches Environment setzt, dem ist nicht zu helfen!

    Schon die Rammprofile, machen die überhaupt welche?, dürfte eine Einsicht in das Zustandekommen des Untergrundes ergeben die vom Weiterbau absehen läßt!

    Was und ob solche Spinner überhaupt nachdenken bleibt absolut unerfindlich, um halbwegs widerstandsfähige BAuwerke an diesem Ort zu erstellen dürfte meht Beton und Bewhrung erfoderlich sein als am "Atlantikwall" je verarbeitet werden ist; und die dann entstehenden Häuser dürften ähnlich wohnlich Ausfallen....

    Beste Grüße CM

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