Artenschutz : Laute Windrad-Baustellen können Wale umbringen

Tausende Windräder sollen sich bald vor Deutschlands Küsten drehen. Der Baulärm bedroht die seltenen Schweinswale. Forscher arbeiten deshalb an Lärmschutz auf hoher See.

Baustellen sind laut. Das gilt auch unter Wasser. Für jedes einzelne Windrad eines Offshoreparks wird ein mehr als 800 Tonnen schweres Stahlrohr in den Meeresboden gerammt. 30 Meter tief muss das Windrad später in der Erde stecken, um den Windstärken zu trotzen. Ein hydraulischer Hammer schlägt dafür mit knapp 2.000 Kilojoule zu, jeder seiner Schläge macht unglaublichen Lärm unter der Wasseroberfläche. Der Krach gefährdet vor allem Meeressäuger wie Schweinswale und Robben.

"Die Bauarbeiten sind sehr schallintensiv. Durch die besondere Leitfähigkeit des Wassers ist der Lärm noch in einem Umkreis von mehreren Kilometern deutlich wahrnehmbar", erklärt Otto von Estorff. Er und sein Team arbeiten an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg an einem Berechnungsmodell für den entstehenden Unterwasserschall. Und sie erforschen, welche Schutzmaßnahmen gegen den Krach den Meeresbewohnern helfen würden.

Die Messungen der Harburger Forscher haben ergeben, dass der Schallpegel in unmittelbarer Nähe der Baustellen bei rund 200 Dezibel liegt, im Umkreis von 750 Metern sind es noch rund 180 Dezibel. "Der vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie vorgeschriebene Lärmgrenzwert liegt aber unter Wasser bei 160 Dezibel, das entspricht ungefähr einer Oktoberfest-Kapelle an Land. Der durchschnittliche Geräuschpegel vor deutschen Küsten liegt bei rund 90 Dezibel", sagt von Estorff.

Ein Hörschaden kostet die Wale das Leben

Für die Schweinswale in der Nord- und Ostsee kann ungefilterter Baulärm lebensbedrohliche Folgen haben, wie Anja Gallus, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund, erklärt. "Eine Schädigung des Gehörs bedeutet für die Tiere den Verlust ihrer Orientierung und damit auch die Unmöglichkeit zu jagen. Bleibt die Hörschädigung bestehen, sterben die Tiere in den meisten Fällen."

Die Echoortung der Meeressäuger ist mit der von Fledermäusen vergleichbar. Schweinswale verfügen über phonische Lippen, mit denen sie kurze Klicklaute produzieren können. Diese besonderen Organe sitzen im Kopf der Meeressäuger hinter der Melone – einem mit Fett gefüllten Klangkörper, der den Schall bündelt, verstärkt und ans Wasser abgibt. Anhand des Echos dieser Laute orientieren sich Schweinswale im Wasser, sie können mit Artgenossen kommunizieren und Beutetiere wie Schwarmfische orten. Der Baulärm liegt dabei weit außerhalb ihres Hörtoleranzbereichs.

Um die Schädigung des Gehörs für die vom Aussterben bedrohten Tiere zu verhindern, wurden die Errichter der Offshorewindparks vom Bundesumweltministerium zu umfangreichen Lärmschutzmaßnahmen verpflichtet. Auch weil die Rammtechnik bisher als alternativlos gilt. "Es gibt verschiedene Lärmschutzansätze, zum Beispiel gibt es Versuche mit einer zweiten Hülle um das Stahlrohr oder mit Resonanzkörpern im Wasser. Das derzeit gängigste Verfahren ist wohl der Blasenschleier", erklärt von Estorff.

Bei diesem Verfahren wird vor dem Beginn der Bauarbeiten auf dem Meeresgrund ein Schlauch rund um das Fundament des Windrades gelegt. Durch die Düsen des Ringschlauches wird dann Luft gepumpt, die aufsteigenden Blasen verändern die Schallleitfähigkeit des Wassers und dämpfen den Baulärm. "In der Wissenschaft sprechen wir von einem Impedanzsprung. Die Schallwellen treffen gleichzeitig auf Wasser und Luft und werden so in ihrer Ausdehnung und Intensität gedämmt", erklärt der Forscher. Allerdings kann starker Seegang mit entsprechender Strömung den Aufstieg der Blasen beeinflussen und den Vorhang sogar unwirksam machen.

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Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Studien sind schön

.. besonders wenn man sie nur vom Hörensagen kennt. Und was gibt man lieber weiter als böse Gerüchte, nicht?

Da gibt es z.B. Ketzenberg: Windenergieanlagen und Raumansprüche von Küstenvögeln. Ist jetzt schon paar Jahre alt, die Studie - von 1997.

Man hat festgestellt, dass sich ähnlich wie um Ölplattformen herum Rückzugsgebiete für Seetiere bilden, und dass manche Fische da sogar besonders groß werden. Das hängt damit zusammen, dass dort nicht Boot gefahren und gefischt wird. Der Meeresboden wird nicht aufgewühlt, es gibt mehr Nahrung.

Ob die Vorteile oder Nachteile überwiegen wird noch untersucht. Auf jeden Fall ist mal wieder zu früh für das allseits beliebte Fang-den-Öko, auch deswegen, weil ja die "Ökos" bekanntlich gerade nicht die sind, die offshore-Wind vorantreiben.

Langzeitfolgen?

Die Lärmbelastung durch das hinein rammen der Pfeiler ist nur von kurzer Dauer danach können die Windräder Jahrzehte lang Strom produzieren. Es hat also nur Kurzzeitfolgen, die auch sehr gering ausfallen, wie ein Komentator bereiz beschrieben hat da die Wahle das Weite suchen.

Außerdem ist es rührend zu beobachten wie Kohle und Atombefürworter plötzlich ein Herz für Tiere haben.

Was passiert bei der entstehung der Riesigen Tagebau und Abraumhalden bei der Kohleförderung?
Ich nehme sie mal bei ihrem Beispiel: Vielleicht sollte man rund um ihr Haus ein Tagebau errichten oder ein Atommüllentlager errichten. Mal schauen wie sie sich dann fühlen.

kein Atomkraftbefürworter

Das haben Sie etwas falsch verstanden oder ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich bin nicht für Atomkraft, aber auch nicht dagegen.
Eigentlich gehöre ich selbst zu den Menschen, die für erneuerbare Energien sind. Allerdings bemängel ich die Einstellung einiger Befürworter, weil ich finde, dass man sich viel mehr Gedanken über mögliche Langzeitfolgen machen sollte, da wir es ja bei den Atomkraftwerken und Kohlekraftwerken nicht getan haben. Hierzu sollten von vornerein mehr Untersuchungen und Risikobewertungen durchgeführt werden bevor wieder einfach alles schnell umgesetzt wird. Eines der größten Probleme liegt meiner Meinung nach darin, dass viel zu wenig in die Forschung für erneuerbare Energien (Möglichkeiten, Umsetzung und Langzeitfolgen) gesteckt wird. Und dafür sollten sich Umweltschützer oder Anhänger der EEs genauso einsetzen!