Teile der neuen Stahlkuppel, die ab 2015 den Reaktor einhüllen soll © SERGEI SUPINSKY/AFP/Getty Images

Europas wichtigstes Dach ist gerade teilweise eingestürzt: Etwa 600 Quadratmeter der Deckenkonstruktion des Atomkraftwerkes Tschernobyl sind am Dienstag zusammengebrochen. Die Schäden seien über der Maschinenhalle vier "auf Ebene 28,00 Meter in den Achsen 50-52 vom Bereich A bis B" aufgetreten, gab Chernobyl Nuclear Power Plant bekannt. So heißt das Atomkraftwerk "W. I. Lenina" heute. 

Verletzt worden sei niemand, die Strahlenbelastung sei unverändert, der Sarkophag, also jener Teil, der den geschmolzenen Reaktorkern umgibt, sei nicht betroffen. Es handele sich um keinen "kritischen Teil" der Dachkonstruktion. Kein Grund also zur Sorge.

Wirklich nicht? Der Dacheinsturz immerhin ist genau das, was alle Experten wieder und wieder befürchtet haben.

Dämonisch ragt "Ukruitije" in den Himmel, so hoch wie ein zwanzigstöckiges Haus. Ein Panzer aus Stahl-Trägern, meterdickem Beton und Platten aus Stahl. "Ukruitije" heißt übersetzt "Einschluss" und bezeichnet eine der umstrittensten Konstruktionen der internationalen Atomenergiewirtschaft – die Ummantelung des havarierten Reaktors vier. Seit Mitte der neunziger Jahre warnen Experten, dass sie marode ist. Ursprünglich sollte sie nur maximal 25 Jahre halten. Die waren 2011 vorbei. Schon 2006 hatte Kraftwerkssprecher Semen Michailowitsch Stein gewarnt: "Als Betreiber können wir die Stabilität des Sarkophag nicht mehr garantieren".

Nicht geschraubt, nicht geschweißt

"Beim Bau musste damals in Kauf genommen werden, dass die alten Stützenkonstruktionen nicht zuverlässig waren", sagt Alexander Borowoi vom russischen Kurtschatow-Institut, dem früheren Zentralhirn der sowjetischen Atomindustrie. Die Konstruktion steht wackelig auf einer Ruine. "Die Explosion und der Brand hatten das Material ja stark angegriffen. Die Festigkeit des Fundamentes konnte wegen der gewaltigen Strahlungsfelder nicht überprüft werden", so Borowoi.

Der ganze Bau war ein Provisorium. Informationen über den Untergrund der schweren Konstruktion seien 1986 ausschließlich über Fotos gewonnen worden, und diese wurden vom Hubschrauber aus gemacht.

Wegen der extremen Strahlung wurden auch viele Bauteile per Roboter montiert, was vor 27 Jahren noch eine enorme Herausforderung bedeutete. Auch deutsche Roboter kamen damals zum Einsatz – und versagten. Manche, auch wesentliche Bauteile, konnten weder verschraubt noch verschweißt werden. Sie sind einfach nur aufeinander gestapelt.