Fast zwei Jahre nach dem verheerenden Atomunglück von Fukushima hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine erste Langzeitprognose über die Gesundheitsfolgen veröffentlicht. Große Mengen Radioaktivität waren im März 2011 ausgetreten, nachdem die Betonhüllen dreier Reaktoren auf der AKW-Anlage an der Nordostküste des Landes barsten. Nun hat ein Team aus internationalen Wissenschaftlern vor allem das Krebsrisiko der Bevölkerung aus der betroffenen Präfektur Fukushima abgeschätzt. Auch für die rund 23.000 Arbeiter, die die schwer beschädigte Anlage in den Tagen und Wochen nach dem GAU sicherten, gibt es eine erste Risikoanalyse.

Die Mehrheit der rund zwei Millionen Menschen, die in Fukushima zum Zeitpunkt des Unglücks lebten, war demnach eher geringen Strahlendosen ausgesetzt. Die Autoren des WHO-Berichts erwarten "keine erkennbaren Erhöhungen der Krebsraten" durch das Reaktorunglück in der Bevölkerung in Fukushima, im Rest des Landes und außerhalb Japans. Auch rechnen sie nicht damit, dass die Zahl von Tot- oder Fehlgeburten steigen wird. Ebensowenig befürchten die Wissenschaftler andere körperliche oder psychische Folgen für Kinder, die nach dem GAU geboren wurden.

Nicht alle hatten Glück

Doch nicht alle Menschen hatten nach dem schweren Erdbeben und dem dadurch ausgelösten Stromausfall im AKW Fukushima Glück: "Eine Aufschlüsselung der Daten nach Alter, Geschlecht und der Nähe zum Kernkraftwerk zeigt ein höheres Krebsrisiko für diejenigen, in den am stärksten kontaminierten Gebieten lebten", sagt Maria Neira, die bei der WHO die Abteilung für öffentliche Gesundheit und Umwelt leitet.

Vergleichsweise hohen Strahlenwerten waren Bewohner in Namie und Iitate ausgesetzt. Diese Städte liegen außerhalb der 20-Kilometer-Zone um die Anlage, die bereits vor der ersten Explosion an Block 1 evakuiert worden war. Der Wind trug den radioaktiven Fallout allerdings gen Nordwesten. Zehntausende flüchteten in diese Richtung. Erst vier Monate nach dem GAU empfahl die japanische Regierung eine freiwillige Evakuierung der beiden Städte.

Für die Menschen dort liefert der Bericht vor allem einige wesentliche Angaben zur Gesundheitsgefährdung. Sie haben hochgerechnet auf ihre Lebenszeit Strahlendosen im Schnitt von effektiv 20 Millisievert abbekommen. Das ist in etwa die Dosis, die ein Mensch aufnimmt, der sich zweimal im Computertomografen untersuchen lässt. Allerdings erhöht sich das allgemeine Krebsrisiko insbesondere für Mädchen, die zum Zeitpunkt des Unfalls ein Jahr alt waren um vier Prozent. "Unter 100 Mädchen tritt damit ein zusätzlicher Krebsfall auf, gerechnet auf die Lebenszeit", erklärt Peter Jacob. Der Experte für Strahlenrisiken arbeitet am Helmholtz-Zentrum in München und war als Gutachter am WHO-Bericht beteiligt. 29 von 100 Mädchen würden ohnehin im Laufe ihres Lebens an einem Tumor erkranken.

Für Kinder aus stark kontaminierten Gebieten erhöht sich das Brustkrebs- und Leukämierisiko

Zudem steigt in den höher kontaminierten Gebieten das Brustkrebsrisiko unter weiblichen Kleinkindern um sechs Prozent. Insbesondere Jungen, die zum Zeitpunkt des Unfalls ein Jahr alt waren, müssen mit einem Leukämierisiko rechnen, dass um sieben Prozent erhöht ist.

Um die Strahlenbelastung zu ermitteln, werteten die Forscher Messungen von Radionukliden in Lebensmitteln und von radioaktivem Cäsium in der Umwelt aus. Schließlich wurden damit auch die Werte berechnet, wie viel Radioaktivität sich in der Luft befand. In den ersten Tagen nach einem GAU ist besonders radioaktives Jod gefährlich. Menschen atmen es ein und es lagert sich in der Schilddrüse an. Dies führte etwa nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl 1986 zu deutlich mehr Schilddrüsenkrebserkrankungen.