Bericht zum AtomunfallWHO schätzt Strahlenfolgen nach Fukushima gering ein

Forscher geben eine erste Prognose der gesundheitlichen Folgen nach dem GAU von Fukushima ab. Die meisten Japaner waren demnach nur geringen Strahlenmengen ausgesetzt. von 

Fukushima AKW Gau Japan Atomkraft

Mai 2012: Ein Journalist in Schutzkleidung vor einem Reaktor des zerstörten AKW in der japanischen Präfektur Fukushima  |  © Tomohiro Ohsumi/AFP/GettyImages

Fast zwei Jahre nach dem verheerenden Atomunglück von Fukushima hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine erste Langzeitprognose über die Gesundheitsfolgen veröffentlicht. Große Mengen Radioaktivität waren im März 2011 ausgetreten, nachdem die Betonhüllen dreier Reaktoren auf der AKW-Anlage an der Nordostküste des Landes barsten. Nun hat ein Team aus internationalen Wissenschaftlern vor allem das Krebsrisiko der Bevölkerung aus der betroffenen Präfektur Fukushima abgeschätzt. Auch für die rund 23.000 Arbeiter, die die schwer beschädigte Anlage in den Tagen und Wochen nach dem GAU sicherten, gibt es eine erste Risikoanalyse.

Die Mehrheit der rund zwei Millionen Menschen, die in Fukushima zum Zeitpunkt des Unglücks lebten, war demnach eher geringen Strahlendosen ausgesetzt. Die Autoren des WHO-Berichts erwarten "keine erkennbaren Erhöhungen der Krebsraten" durch das Reaktorunglück in der Bevölkerung in Fukushima, im Rest des Landes und außerhalb Japans. Auch rechnen sie nicht damit, dass die Zahl von Tot- oder Fehlgeburten steigen wird. Ebensowenig befürchten die Wissenschaftler andere körperliche oder psychische Folgen für Kinder, die nach dem GAU geboren wurden.

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Nicht alle hatten Glück

Doch nicht alle Menschen hatten nach dem schweren Erdbeben und dem dadurch ausgelösten Stromausfall im AKW Fukushima Glück: "Eine Aufschlüsselung der Daten nach Alter, Geschlecht und der Nähe zum Kernkraftwerk zeigt ein höheres Krebsrisiko für diejenigen, in den am stärksten kontaminierten Gebieten lebten", sagt Maria Neira, die bei der WHO die Abteilung für öffentliche Gesundheit und Umwelt leitet.

Vergleichsweise hohen Strahlenwerten waren Bewohner in Namie und Iitate ausgesetzt. Diese Städte liegen außerhalb der 20-Kilometer-Zone um die Anlage, die bereits vor der ersten Explosion an Block 1 evakuiert worden war. Der Wind trug den radioaktiven Fallout allerdings gen Nordwesten. Zehntausende flüchteten in diese Richtung. Erst vier Monate nach dem GAU empfahl die japanische Regierung eine freiwillige Evakuierung der beiden Städte.

Für die Menschen dort liefert der Bericht vor allem einige wesentliche Angaben zur Gesundheitsgefährdung. Sie haben hochgerechnet auf ihre Lebenszeit Strahlendosen im Schnitt von effektiv 20 Millisievert abbekommen. Das ist in etwa die Dosis, die ein Mensch aufnimmt, der sich zweimal im Computertomografen untersuchen lässt. Allerdings erhöht sich das allgemeine Krebsrisiko insbesondere für Mädchen, die zum Zeitpunkt des Unfalls ein Jahr alt waren um vier Prozent. "Unter 100 Mädchen tritt damit ein zusätzlicher Krebsfall auf, gerechnet auf die Lebenszeit", erklärt Peter Jacob. Der Experte für Strahlenrisiken arbeitet am Helmholtz-Zentrum in München und war als Gutachter am WHO-Bericht beteiligt. 29 von 100 Mädchen würden ohnehin im Laufe ihres Lebens an einem Tumor erkranken.

Für Kinder aus stark kontaminierten Gebieten erhöht sich das Brustkrebs- und Leukämierisiko

Zudem steigt in den höher kontaminierten Gebieten das Brustkrebsrisiko unter weiblichen Kleinkindern um sechs Prozent. Insbesondere Jungen, die zum Zeitpunkt des Unfalls ein Jahr alt waren, müssen mit einem Leukämierisiko rechnen, dass um sieben Prozent erhöht ist.

Strahlendosis

Die Strahlenwirkung auf Menschen, Tiere und Pflanzen wird häufig in Sievert pro Stunde angegeben. Mit Hilfe der Einheit lässt sich abschätzen, wie schädlich eine Strahlung für einen Organismus ist. Sie berücksichtigt dabei die Strahlungsdauer, -art und -wirkung. 1 Sievert entspricht 1.000 Millisievert oder 1.000.000 Mikrosievert. Grundsätzlich gilt eine Einzeldosis von 6.000 Millisievert als tödlich (100 Prozent Sterblichkeit innerhalb von 14 Tagen).

Ob eine Person, die einer geringen Strahlendosis ausgesetzt war, gesundheitliche Schäden zu erwarten hat, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die Grenzwerte beziehen sich in der Regel auf ein Jahr. Manche Experten gehen davon aus, dass dieselbe Strahlendosis über einen längeren Zeitraum weniger schädlich ist. Andere sagen, die Strahlung müsse addiert werden.

Natürliche Quellen

Die durchschnittliche Strahlendosis, die ein Deutscher durch natürliche Quellen innerhalb eines Jahres aufnimmt, liegt zwischen zwei und fünf Millisievert. Diese äußere Bestrahlung, der der Mensch je nach Ort und Zeitin unterschiedlicher Höhe ausgesetzt ist, wird Gamma-Ortsdosisleistung genannt. In dieser Deutschlandkarte des Bundesamts für Strahlenschutz ist die Strahlungsstärke je nach Region verzeichnet.

Bei medizinischen Untersuchungen werden zum Teil viel höhere Einzeldosen erreicht, die aber auf einen kurzen Zeitraum beschränkt sind. So nimmt ein Mensch während einer Computertomografie (CT)seines Kopfes ungefähr zwei Millisievert auf, bei der Mammografie 0,4 Millisievert.

Andere Einheiten

Die Energiedosis einer Strahlenquelle wird in Gray angegeben. Ein Gray bedeutet, dass ein Körper von einem Kilogramm Masse eine Energiemenge von einem Joule aufgenommen hat. Für die in Atomkraftwerken vor allem freigesetzte Beta-, Gamma- und Röntgenstrahlung ist die Einheit Grayidentisch mit der Äquivalenteinheit Sievert, ein Gray ist also gleich einem Sievert. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde die Äquivalentdosis statt in Sievert in Rem angegeben. Das meinte die Strahlendosis in Roentgen, die ein Mensch aufgenommen hat.

Um die Strahlenbelastung zu ermitteln, werteten die Forscher Messungen von Radionukliden in Lebensmitteln und von radioaktivem Cäsium in der Umwelt aus. Schließlich wurden damit auch die Werte berechnet, wie viel Radioaktivität sich in der Luft befand. In den ersten Tagen nach einem GAU ist besonders radioaktives Jod gefährlich. Menschen atmen es ein und es lagert sich in der Schilddrüse an. Dies führte etwa nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl 1986 zu deutlich mehr Schilddrüsenkrebserkrankungen.

Leserkommentare
  1. ... kann der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg ja in Angriff genommen werden! ;)

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    jetzt kommt der 'ist-alles-gut'-Austieg aus dem Fukushima-Ausstieg aus dem ersten Merkelschen Ausstieg aus dem Grünen-Ausstieg.

  2. aber wehe ein Reaktor geht in Russland, China oder dem Iran hoch. Dann ziehen die ganz andere Statistiken aus der Schublade...

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    Dabei muss ich schmunzeln.
    Es bleibt natürlich abzuwarten, der nächste Knall wird aber noch 20-30 Jahre dauern, vermutlich.
    Wenn sie auf Tschernobyl anspielen: Damals waren anstatt Roboter fast nur Menschen eingesetzt worden.
    Klar, dass es dann mehr Opfer gibt.
    Auch hat man aus ideologischen Gründen einiges vermasselt.
    In Japan ging ja quasi ein Hilfeschrei um die Welt und jeder der konnte hat etwas dazu beigesteuert (ich erinner mich da an einen deutschen Roboter vor Ort.)
    Zum Vergleich also: Roboter und wenige Fachkräfte in Fukushuma. Tausende Ahnungslose, zum Teil ohne Schutzkleidung, in Tschernobyl.

  3. so ungefährlich ist, muß die Sperrzone auch für die nächsten 30 Jahre noch gesperrt bleiben.
    Ich kann jedem Atomkraftwerksunterstützer nur empfehlen, sich dort Land zu kaufen und umzusiedeln - im Moment dürften die Grundstückspreise buchstäblich am Boden sein.

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    trotzdem danke für das Angebot.

    Ausserdem gehe ich eh davon aus dass ich in nicht so ferner Zukunft auch im schönen Deutschland aus dem Fenster meines Pflegeheims blicken werde und
    - entweder Fracking Bohrtürme
    - oder die Dampfwolke eines AKW-Kühltürms am Horizont sehen werde.
    -oder nichts sehen werde weil mir die WKA-Masten die Sicht Versperren

    Irgendwo müssen die PWh ja herkommen

    Warum also in der Ferne schweifen...

    A Propos sind sie traurig, dass die finale, absolute, totale Katastrophe ausgeblieben ist? Warum diese Häme?

    MFG

  4. das eine gewisse Anzahl von Personen sowieso Krebs bekommen, ist die Frage des "Wann" mitnichten geklärt.

    Ich finde schon, das es einen gewaltigen Unterschied macht ob man Krebs mit 30 Jahren oder mit 80 Jahren bekommt.

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  5. Dabei muss ich schmunzeln.
    Es bleibt natürlich abzuwarten, der nächste Knall wird aber noch 20-30 Jahre dauern, vermutlich.
    Wenn sie auf Tschernobyl anspielen: Damals waren anstatt Roboter fast nur Menschen eingesetzt worden.
    Klar, dass es dann mehr Opfer gibt.
    Auch hat man aus ideologischen Gründen einiges vermasselt.
    In Japan ging ja quasi ein Hilfeschrei um die Welt und jeder der konnte hat etwas dazu beigesteuert (ich erinner mich da an einen deutschen Roboter vor Ort.)
    Zum Vergleich also: Roboter und wenige Fachkräfte in Fukushuma. Tausende Ahnungslose, zum Teil ohne Schutzkleidung, in Tschernobyl.

  6. und mein erste Flug war mit Klapperstorch.

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  7. "Die Autoren des WHO-Berichts erwarten "keine erkennbaren Erhöhungen der Krebsraten" durch das Reaktorunglück"

    Klar, das kann man ja ganz sicher hundert prozentig in diesem kurzen Zeitraum seit dem Unglück feststellen......

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    Redaktion

    Liebe Leser.

    Bevor Sie sich darüber aufregen, dass diese Meldung suggeriere, die Folgen des GAUs von Fukushima seien "nicht so schlimm": Es folgt noch heute ein ausführlicher Artikel von unserem Redakteur Sven Stockrahm, der selbst in Fukushima recherchiert hat. Darin wird erklärt, dass – wenn wir nur von der Gesundheit reden – vor allem die psychischen Folgen aus dem Unglück für die Menschen dramatisch sind.

    Bitte beachten Sie: Der Text oben ist zunächst nur eine Meldung, die abbildet, was die WHO heute veröffentlicht hat. Es geht dabei ausschließlich um die messbaren Gesundheitsfolgen - also also Strahlenkrankheit und Krebsrisiko.

    Um die Folgen für das Gebiet Fukushima, das zu Teilen nicht mehr bewohnbar ist, die Folgen für die Menschen, die ihre Heimat verloren haben und die strahlende Atom-Ruine, die abgetragen werden muss, und Unmengen radioaktiven Müll verursacht – um all das geht es im WHO-Gesundheitsbericht nicht. Auch die schwersten Folgen des Bebens – der Tsunami mit seiner verheerenden Zerstörungskraft – ist kein Gegenstand der Analyse durch WHO-Experten. Es ist also auch zynisch, nun daraus zu schließen, man könne ja wieder in die Atomkraft einsteigen.

    Über alle Folgen des GAUs berichten wir noch einmal ausführlich zum Jahrestag des Unglücks am 11. März.

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  • Schlagworte Weltgesundheitsorganisation | AKW | Tumor | Fukushima | Hiroshima | München
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