Tödliches MedikamentHat Frankreichs Arzneimittelaufsicht versagt?

Das Medikament Mediator wird für den Tod Hunderter Patienten verantwortlich gemacht. Frankreichs Justiz will nun gegen die Arzneimittelaufsicht ANSM ermitteln.

Dominique Maraninchi (zweiter von rechts), Chef der französischen Arzneimittelaufsicht ANSM

Dominique Maraninchi (zweiter von rechts), Chef der französischen Arzneimittelaufsicht ANSM   |  © Martin Bureau/AFP/Getty Images

Im Zusammenhang mit einem der größten Medikamentenskandale Frankreichs droht der Arzneimittelaufsicht (ANSM) ein Ermittlungsverfahren. ANSM-Chef Dominique Maraninchi wurde am Dienstag wegen der Affäre um das Diabetes-Medikament Mediator von den ermittelnden Untersuchungsrichtern vorgeladen, wie die Behörde in Paris mitteilte. Die Justiz prüfe die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens gegen die Arzneimittelaufsicht "in der Person ihres rechtlichen Vertreters" wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung.

500 bis 2.000 Todesfälle – Mediziner können nur grob einschätzen, wie viele Opfer das vom zweitgrößten französischen Pharmakonzern Servier hergestellte Medikament Mediator gefordert hat. Das Mittel wurde bis Ende 2009 mehr als 30 Jahre lang verschrieben, zunächst zur Senkung der Blutfettwerte und dann gegen Übergewicht bei Diabetes-Patienten. Als Nebenwirkung treten Verdickungen der Herzklappen auf, die zu Herzversagen führen können.

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Auch Nicht-Diabetiker nutzten das Medikament mit dem appetitzügelnden Wirkstoff Benfluorex zum Abnehmen. Insgesamt sollen fünf Millionen Menschen das Mittel eingenommen haben, das zu einer lebensbedrohlichen Verdickung der Herzklappen führen kann.

Ein Diabetes-Mittel als Appetitzügler

Im Oktober wurden mehrere staatliche Gesundheitsstellen durchsucht, die in dem Skandal scharf kritisiert worden waren. So nahm die französische Arzneimittelaufsicht das Mittel, das in Deutschland nie eine Zulassung hatte, erst 2009 vom Markt, obwohl dessen Gefährlichkeit bereits Ende der neunziger Jahre bekannt gewesen sein soll. Gegen Servier-Chef Jacques Servier laufen Ermittlungsverfahren wegen Betrugs sowie wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung.

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Leserkommentare
  1. geschiedene Gesundheitsministerin aus einer
    zeitnahen Französichen Regierung ausgesagt:

    "Der Politiker ist verantwortlich für die Auswirkung
    seiner Beschlußlage, aber er ist nicht schuldig!"

    Amen

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  2. 2. Europa

    Das Beispiel Mediator zeigt einmal mehr den Vorteil der europäischen Arzneimittelzulassung, die sich - trotz Schwächen - viel weniger anfällig gegenüber gefährlichen Mischungen von Industriepolitik und Arzneimittelbewertung erwiesen hat, als die alten nationalen Zulassungsverfahren - nicht nur in Frankreich.

    Servier ist hier in Frankreich bekannt als eine Firma, die die "national champion"-Karte aggressiv ausreizt, um nicht nach den Regeln zu spielen. Das fängt an mit der Überprüfung von Bewerbern durch Privatdetektive, um Homosexuelle, Linke und alle anderen, die nicht in das Weltbild des greisen Patriarchen Servier passen, aus der Firma fernzuhalten.

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  3. Tut mir leid, aber Brüssel ist so ziemlich das letzte,demich vertrauen würde, mir fällt spontan wirklich kein Fall ein, in dem Brüssel nicht die Interessen der Industris gegen die(!) die objektiven Interessen der Verbraucher durchgesetzt hätte _ das hat einfach System. Was nicht heißt, dass ich nicht generell für Europa bin. Nur die da heute sitzen, sind reine Lobbyvertreter.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, nf
  • Schlagworte Betrug | Justiz | Körperverletzung | Medikament | Mediziner | Pharmakonzern
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