Milch-Skandal : Grenzwerte erhöht, Problem gelöst

Seit Wochen verunsichert mit Pilzgiften belastete Milch Menschen in Serbien. Die Regierung wollte das Aflatoxin-Problem, das auch Deutschland betraf, einfach wegrechnen.
Milchprodukte in einem Supermarkt in Serbien © Andrej Isakovich/Getty Images

Serbiens Pannen-Minister darf weiterwursteln. Agrarminister Goran Knežević trage für die Affäre um die mit Schimmelpilzgiften belastete Milch "keine subjektive Verantwortung", erteilte Alexander Vučić, der Chef der regierenden Partei SNS, zu Wochenbeginn dem umstrittenen Würdenträger die vorläufige Absolution: Es wäre "nicht fair", ihn nun auszuwechseln.

Andere hatten weniger Glück: Gleich vier Direktoren und Abteilungsleiter haben als Sündenböcke für den Aflatoxin-Skandal in dem Balkanstaat ihre Posten zu räumen. Der Grund: In Mais aus Serbien war das als krebserregend geltende Gift Aflatoxin aufgetaucht. Fressen Nutztiere damit kontaminiertes Futter, geraten diese Schadstoffe auch in die Milch. Genau das passierte in Serbien, wodurch am Ende belastete Milch in unzähligen Supermärkten in mehreren Staaten Ex-Jugoslawiens auftauchte.

Krisennot macht auch in Belgrad erfinderisch. Per Federstrich hatte Knežević vergangene Woche den überhöhten Aflatoxin-Gehalt in der Milch aus der Welt zu schaffen gesucht. Mit der Anhebung des in der EU gültigen Grenzwertes von 0,05 auf 0,5 Mikrogramm pro Liter erklärte der 55-jährige die Milchkrise kurzerhand für "gelöst". Von seinem Parteichef wurde der frühere Basketballprofi nun wieder zurückgepfiffen. Der Grenzwert werde wieder auf die EU-Norm von 0,05 Mikrogramm abgesenkt, sagte Vučić: "Alle Milch, die die Bürger in den Läden kaufen können, ist absolut gesund."

Die widersprüchlichen Verlautbarungen ihrer Landesväter finden bei den Verbrauchern immer weniger Gehör. Absatzeinbrüche von bis zu 50 Prozent vermelden Serbiens Molkereien: Laut Schätzungen drohen ihnen Verluste von monatlich 50 Millionen Euro.

Noch größeren Schaden müssen Serbiens Getreidebauern fürchten. Mais ist für den EU-Anwärter ein wichtiger Devisenbringer. Jährlich führt Serbien 1,5 Millionen Tonnen davon aus: Mit einem Jahresexporterlös von 387 Millionen Dollar ist Mais das ertragreichste Agrarprodukt des Landes. Doch der Handel mit serbischem Mais ist praktisch zum Erliegen gekommen. "Der Markt ist tot", berichtet ein Getreidebauer auf dem Fachportal Stips.

45.000 Tonnen von mit Aflatoxinen belastetem Mais serbischen Ursprungs sind in niedersächsische Futtermittelwerke gelangt. Zwar führt Serbien mehr als die Hälfte seiner Agrarexporte in die EU aus. Nach Deutschland sei aber in den vergangenen 14 Monaten überhaupt kein Mais ausgeführt worden, behauptet Belgrad: Der verseuchte Mais, der in Niedersachsen für Wirbel sorgte, stamme aus Rumänien. Der Umweg übers Nachbarland ist indes durchaus üblich: Der Großteil der serbischen Getreide-Exporte wird über die Donau in die Getreidesilos des rumänischen Schwarzmeerhafens Constanta verschifft.

Fatales Krisenmanagement

Vertuschen und Verharmlosen ist in Serbien in Sachen Aflatoxine schon seit Monaten angesagt. Seit im Oktober nach Italien exportierter Futtermais wegen zu hoher Schimmelpilzgift-Belastung zurückgewiesen wurde, übt sich Belgrad in einem Krisenmanagement des Schönredens, absurder Behauptungen und Halbwahrheiten.

Während im benachbarten Kroatien belastete Milch im Februar relativ zügig aus dem Verkehr gezogen wurde, machte sich Serbiens Agrarminister erst einmal auf die Suche nach dem vermeintlich Schuldigen. Seinen Vorgängern kreidete er übertriebenen "Euro-Fanatismus" an: Diese hätten EU-Grenzwerte übernommen, ohne für ein effektives System zu deren Einhaltung zu sorgen.

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Viel haben Sie nicht verstanden

von meinem Kommentar.

Wenn ich solche Überschriften mal bei Artikeln über Frau Dr. Merkel oder Herrn Schwarzgeldverwalter Schäuble in der Zeit (oder einer anderen deutschen Zeitung mit ähnlich hohem Anspruch an sich selbst¹) lese, dann höre ich auf solche Kommentare zu schreiben.

Vorher nicht.

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¹ Giovanni di Lorenzo: "Die beste Presse der Welt"

Anmerkung: Bitte verfassen Sie nur dann Kommentare, wenn Sie zur Debatte konkret etwas beitragen wollen. Danke, die Redaktion/ds

Das mag ja im Einzelfall richtig sein

Aber woher weiß ich als Verbraucher und er als Behörde, dass bei 45.000 nachgewiesenen Tonnen verunreinigtem Mais, nicht einige Tonnen in so konzentrierter Form auf einem Hof verarbeitet wurden, dass ohne Wissen des Betreibers dort gesundheitsgefährdende Milchprodukte hergestellt und vertrieben wurden? Ohne jede Kontrolle? Natürlich gibt es in der Natur Schimmelpilze und natürlich werden sie immer wieder landwirtschaftliche Produkte befallen. Die Frage ist halt, wie man damit umgeht. Und hier scheint mir ein ein recht großzügiger Umgang zu herrschen. Für mich ist in den letzten Wochen das gesamte System der Lebensmittelproduktion unglaubwürdig geworden. Was mir aber nicht weiter hilft, da es keine in ausreichender Menge zur Verfügung stehende Alternativen gibt.