Milch-SkandalGrenzwerte erhöht, Problem gelöst

Seit Wochen verunsichert mit Pilzgiften belastete Milch Menschen in Serbien. Die Regierung wollte das Aflatoxin-Problem, das auch Deutschland betraf, einfach wegrechnen. von Thomas Roser

Milchprodukte in einem Supermarkt in Serbien

Milchprodukte in einem Supermarkt in Serbien  |  © Andrej Isakovich/Getty Images

Serbiens Pannen-Minister darf weiterwursteln. Agrarminister Goran Knežević trage für die Affäre um die mit Schimmelpilzgiften belastete Milch "keine subjektive Verantwortung", erteilte Alexander Vučić, der Chef der regierenden Partei SNS, zu Wochenbeginn dem umstrittenen Würdenträger die vorläufige Absolution: Es wäre "nicht fair", ihn nun auszuwechseln.

Andere hatten weniger Glück: Gleich vier Direktoren und Abteilungsleiter haben als Sündenböcke für den Aflatoxin-Skandal in dem Balkanstaat ihre Posten zu räumen. Der Grund: In Mais aus Serbien war das als krebserregend geltende Gift Aflatoxin aufgetaucht. Fressen Nutztiere damit kontaminiertes Futter, geraten diese Schadstoffe auch in die Milch. Genau das passierte in Serbien, wodurch am Ende belastete Milch in unzähligen Supermärkten in mehreren Staaten Ex-Jugoslawiens auftauchte.

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Krisennot macht auch in Belgrad erfinderisch. Per Federstrich hatte Knežević vergangene Woche den überhöhten Aflatoxin-Gehalt in der Milch aus der Welt zu schaffen gesucht. Mit der Anhebung des in der EU gültigen Grenzwertes von 0,05 auf 0,5 Mikrogramm pro Liter erklärte der 55-jährige die Milchkrise kurzerhand für "gelöst". Von seinem Parteichef wurde der frühere Basketballprofi nun wieder zurückgepfiffen. Der Grenzwert werde wieder auf die EU-Norm von 0,05 Mikrogramm abgesenkt, sagte Vučić: "Alle Milch, die die Bürger in den Läden kaufen können, ist absolut gesund."

Was sind Aflatoxine?

Die Aflatoxine B1 und M1 sind Schimmelpilzgifte, die bei Tieren und Menschen schon bei Aufnahme geringer Mengen giftig wirken. Sie können das Erbmaterial schädigen und stark krebserregend sein. Gebildet werden diese Gifte von verschiedenen Pilzen der Gattung Aspergillus.

Besonders häufig werden Aflatoxine in Regionen mit warmem und feuchtem Klima nachgewiesen. Oft gelangen sie über Pilzbefall vor oder nach der Ernte von Früchten, Mais und Reis in die Nahrungskette. Das Aflatoxin M1 kann in der Milch von Tieren auftreten, wenn an diese mit Aflatoxin B1 verunreinigter Mais verfüttert wurde.

Grenzwerte in der EU

Um die Aufnahme von Aflatoxinen M1 über Lebensmittel zu minimieren, hat die EU bereits 2006 zulässige Höchstwerte und die entsprechenden Analyse-Verfahren festgelegt.

Ähnliche Höchstwerte für das Viehfutter wurden von der damaligen EG bereits 2002 festgeschrieben.

Vom EU-Anwärter Serbien wurde der EU-Standard für den Aflatoxin-Gehalt in Lebensmitteln 2011 übernommen. Kritiker bemängeln, dass die Höchstgrenze für Viehfutter in Serbien weiter ein Vielfaches über dem EU-Wert liegt. Auch entsprechen die nationalen Laboratorien und Analysen nicht dem EU-Standard. Sowohl Serbiens Landwirtschaftsministerium als auch die Provinzregierung der Vojvodina haben darum nun mehrere Analysen von Milchproben bei Labors in Deutschland und den Niederlanden angeordnet.

Quelle: EFSA

Die widersprüchlichen Verlautbarungen ihrer Landesväter finden bei den Verbrauchern immer weniger Gehör. Absatzeinbrüche von bis zu 50 Prozent vermelden Serbiens Molkereien: Laut Schätzungen drohen ihnen Verluste von monatlich 50 Millionen Euro.

Noch größeren Schaden müssen Serbiens Getreidebauern fürchten. Mais ist für den EU-Anwärter ein wichtiger Devisenbringer. Jährlich führt Serbien 1,5 Millionen Tonnen davon aus: Mit einem Jahresexporterlös von 387 Millionen Dollar ist Mais das ertragreichste Agrarprodukt des Landes. Doch der Handel mit serbischem Mais ist praktisch zum Erliegen gekommen. "Der Markt ist tot", berichtet ein Getreidebauer auf dem Fachportal Stips.

45.000 Tonnen von mit Aflatoxinen belastetem Mais serbischen Ursprungs sind in niedersächsische Futtermittelwerke gelangt. Zwar führt Serbien mehr als die Hälfte seiner Agrarexporte in die EU aus. Nach Deutschland sei aber in den vergangenen 14 Monaten überhaupt kein Mais ausgeführt worden, behauptet Belgrad: Der verseuchte Mais, der in Niedersachsen für Wirbel sorgte, stamme aus Rumänien. Der Umweg übers Nachbarland ist indes durchaus üblich: Der Großteil der serbischen Getreide-Exporte wird über die Donau in die Getreidesilos des rumänischen Schwarzmeerhafens Constanta verschifft.

Fatales Krisenmanagement

Vertuschen und Verharmlosen ist in Serbien in Sachen Aflatoxine schon seit Monaten angesagt. Seit im Oktober nach Italien exportierter Futtermais wegen zu hoher Schimmelpilzgift-Belastung zurückgewiesen wurde, übt sich Belgrad in einem Krisenmanagement des Schönredens, absurder Behauptungen und Halbwahrheiten.

Während im benachbarten Kroatien belastete Milch im Februar relativ zügig aus dem Verkehr gezogen wurde, machte sich Serbiens Agrarminister erst einmal auf die Suche nach dem vermeintlich Schuldigen. Seinen Vorgängern kreidete er übertriebenen "Euro-Fanatismus" an: Diese hätten EU-Grenzwerte übernommen, ohne für ein effektives System zu deren Einhaltung zu sorgen.

Leserkommentare
  1. 3 Leserempfehlungen
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    wurschteln ja auch weiter. Manche werden sogar Kanzlerin...

    Nicht daß ich damit den serbischen Minister entlasten wolle, aber wie immer sollten wir Deutsche uns hüten, in sachen inkompetenter oder korrupter Politiker gegenüber anderen Staaten den Zeigefinger zu erheben!

    Unsere sind keinen deut besser.

    Beim deutschen BMELV lag bei den letzten Lebensmittel-'Skandalen' selbstverständlich auch keinerlei Schuld, dort herrschte üblicherweise Empörung und die darauffolgende Erstellung von Zehnpunkteplänen, die sich nach abflauen des Medieninteresses in Wohlgefallen auflösten.
    Möge man mich korrigieren, aber dies ist mein Bild von Frau Aigners Bundesministerium.

  2. Selbst auf Nachfrage kommt höchstens die Antwort: " Da Rechte Dritter betroffen sind, dürfen wir keine Auskunft geben."

    Die Behörden werden entweder kaputtgespart, so dass sie überhaupt nicht mehr ihrer Arbeit nachkommen können, ansonsten kommt oben genannte Regelung zur Anwendung.

    So ist das in Deutschland, speziell in Niedersachsen kommen die extremen Verfilzungen zwischen Agrarproduzenten und Politik noch zum tragen.

    Ist das Verfahren gegen Herr Wulff wegen der stillschweigenden Erlaubnis des Anbaus nicht genehmigter, gentechnisch veränderter Organismen schon irgendwie weiter? Es wurde übrigens VOR der Ernennung des Herrn Wulff zum Bundespräsidenten aufgenommen.

    Deutschland ist keinen Deut besser als Serbien, nur, dass wir hier Vorschriften für die Verarschung der Bevölkerung haben.

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    Hier das, was die Behörden sagen, von wegen die müssen schweigen. Präsident des BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung), Andreas Hensel:
    „Das, was wir derzeit erleben, ist kein Skandal. Noch nicht einmal ein Krisenfall, sondern ein Routinefall. Schimmelgifte auf Getreide sind normal. Das liegt an Lagerungs- oder klimatischen Bedingungen. Der Bürger sollte sich zudem klarmachen, dass die Welt voll ist von Mikroorganismen. Es gibt keine keimfreie Nahrung. Entscheidend ist, in welcher Konzentration die Gifte auftreten. Es gibt keine Futtermittel ohne Schimmelpilze und deren Gifte. Diese Pilze wachsen überall. Im Heu, auf Getreide, auf Nüssen. Auch im heimischen Kühlschrank gedeihen sie. Entscheidend ist, wie sehr die Futtermittel mit dem Gift Aflatoxin belastet sind.“
    Tatsächlich „aufgedeckt“ wurde aber nur die Grenzwertüberschreitung bei einer einzigen Milchprobe – eine Lappalie also, die bei Routinekontrollen immer ans Licht kommen kann. So etwas nennt man in der Praxis Verbraucherschutz und nicht einen Lebensmittelskandal. Ohne rationale Grundlage wird eine Panik bei den Verbrauchern heraufbeschworen, weil diese mit den veröffentlichten Werten überhaupt nichts anfangen können, wenn niemand sie über deren eigentliche Bedeutung aufklärt. Das ist Verbrauchertäuschung! Und zwar durch dieselben öffentlichen Akteure, die sonst „Verbraucheraufklärung“ immer ganz groß auf ihre Fahnen schreiben.

  3. wurschteln ja auch weiter. Manche werden sogar Kanzlerin...

    Nicht daß ich damit den serbischen Minister entlasten wolle, aber wie immer sollten wir Deutsche uns hüten, in sachen inkompetenter oder korrupter Politiker gegenüber anderen Staaten den Zeigefinger zu erheben!

    Unsere sind keinen deut besser.

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    • sane
    • 06. März 2013 9:08 Uhr

    Ihrer bestechenden Logik folgend durften sich also nur Medien aus Staaten (negativ) äussern, die keine unfähigen Politiker beschäftigen?

    Bitte konsequent erweitern und anwenden, wenn Sie erwägen sich selbst zu äussern.

    • sane
    • 06. März 2013 9:08 Uhr

    Ihrer bestechenden Logik folgend durften sich also nur Medien aus Staaten (negativ) äussern, die keine unfähigen Politiker beschäftigen?

    Bitte konsequent erweitern und anwenden, wenn Sie erwägen sich selbst zu äussern.

    3 Leserempfehlungen
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    von meinem Kommentar.

    Wenn ich solche Überschriften mal bei Artikeln über Frau Dr. Merkel oder Herrn Schwarzgeldverwalter Schäuble in der Zeit (oder einer anderen deutschen Zeitung mit ähnlich hohem Anspruch an sich selbst¹) lese, dann höre ich auf solche Kommentare zu schreiben.

    Vorher nicht.

    ---

    ¹ Giovanni di Lorenzo: "Die beste Presse der Welt"

    Anmerkung: Bitte verfassen Sie nur dann Kommentare, wenn Sie zur Debatte konkret etwas beitragen wollen. Danke, die Redaktion/ds

  4. weil sie pastoriesiert wird. In Serbien nicht! Trinken die roh Milch?
    Oder ist unsere vieleicht doch verseucht?

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    Pasteurisierung von Milch wirkt gegen Bakterien (es ist eine kurze Erhitzung auf 75°C), aber nicht gegen Schimmelsporen oder gar Schimmelgifte.
    Die Milch ist auch nicht das Grundproblem.
    Wenn Futtermittel (Mais) unter richtigen Bedingungen gelagert wird, bilden sich keine Schimmelpilze. Offensichtlich gibt es in Serbien noch ungeeignete Lagerstätten in den landwirtschaftlichen Betrieben.

    gar nichts.

    Der Schimmel kann zwar getötet werden, die bereits gebildeten Gifte bleiben aber wo und wie sie waren.

    ...höhere Werte nachgewiesen werden. Aflatoxine sind biologischer Herkunft, entstehen wie im Text erwähnt wird bei besonderer Kombination wetterbedingten Ursachen. Das Jahr 2012 war mit einer langen Dürre nachher folgender feuchter Erntephase besonders ausgezeichnet, so dass das EU-Frühwarnsystem schon im Herbst eine allgemeine Warnung gerade für die erwartende Belastung mit Aflatoxinen bei Mais gab.

    In konkretem Fall wurden die EU-Normen übernommen ohne dabei weitere Systemanforderungen der Kontrollmechanismen vorher zu erfüllen. Um die Grenzwerte zu erhalten, besonders bei so starken klimatischen Bedingungen müsste man eine Reihe der Vorkehrungen einleiten und zwar von Grundnahrungproduktion bis Kontrolle der Viehfutter und weiter der Milchproduktion.

    Die höhere Werte bei in Mais festgestellten Aflatoxine B1 sind festgestellt worden, und zwar nicht nur in Serbien, die Milch ist nicht allgemein verseucht, sonder weist bei manchen Proben die höhere Werte zu grundliegenden EU-Normen. Die EU-Normen sind bis mit zehnfachen Werten im Vergleich zu anderen Länder darunter USA, Kanada Lateinamerika, Asien z.B.verschärft worden.

    Allerdings ist die Verantwortung wie die Kontrollepflicht der Großhändler - Zwischenhändler auf dem liberalisierten Markt kaum erwähnt worden. Welche Interessen verfolgen diese Unternehmen und mit welchen Netzen auch zur Politik werden andere Folgen solcher Vorfälle verursacht.

    Der kleine Bauer und Endverbraucher zahlen am Ende den größten Preis

  5. Pasteurisierung von Milch wirkt gegen Bakterien (es ist eine kurze Erhitzung auf 75°C), aber nicht gegen Schimmelsporen oder gar Schimmelgifte.
    Die Milch ist auch nicht das Grundproblem.
    Wenn Futtermittel (Mais) unter richtigen Bedingungen gelagert wird, bilden sich keine Schimmelpilze. Offensichtlich gibt es in Serbien noch ungeeignete Lagerstätten in den landwirtschaftlichen Betrieben.

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  6. gar nichts.

    Der Schimmel kann zwar getötet werden, die bereits gebildeten Gifte bleiben aber wo und wie sie waren.

    Eine Leserempfehlung
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    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Die Redaktion/kvk

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  • Schlagworte Europäische Union | Serbien | Nutztier | Belgrad | Bulgarien | Italien
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