Offshore-Windparks : Nützen Windräder der Unterwasserwelt?

Rund um Windparks fahren keine Schiffe. Pfeiler bilden künstliche Riffe. Offshore-Anlagen können wahre Biotope sein. Doch langfristige Effekte sind noch unerforscht.

Wenn fernab vom Festland ein neuer Windpark gebaut wird, ist das für Meeresbewohner eine Belastung. Die Bohrer sind laut, wirbeln Staub auf und zwingen Fische, Muscheln und andere Tiere zum Umzug. Sobald der Baulärm jedoch verzogen ist, ziehen die ersten Mieter wieder ein. "Die Besiedlung beginnt, wenn sich der Staub gesetzt hat", erklärt Mark Lenz vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

Von Frühjahr bis Herbst können sich innerhalb weniger Tage einzellige Algen ansiedeln. Dann folgen Seepocken, Muscheln und andere wirbellose Tiere. Bei günstigen Bedingungen herrscht schon innerhalb von einem Jahr am Fuße der Windparks blühendes Leben.

"Die lokale Biodiversität nimmt zu", sagt Meeresbiologin Jennifer Dannheim vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Das hätten sie und ihre Mitarbeiter auf den FINO-Forschungsplattformen in der Nord- und Ostsee und im Windpark alpha ventus-Konsortium beobachtet. Verantwortlich für den Bewuchs seien vor allem zwei Faktoren: ein neues Substrat und Ruhe.

Während der Bau der Offshore-Windparks Meeresbewohner störe, sei der Betrieb verhältnismäßig ruhig. Außerdem sind Windparks für Schifffahrt und Fischfang gesperrt, sodass die neu angesiedelten Lebewesen sich ungestört entfalten können.

Künstliche Riffe am Fuß des Windrads

Ob diese Ruhe auch zum Anstieg der Arten führt, müssen Langzeitstudien noch belegen. Dass die Pfeiler der Windräder aus Stahl und Beton den Lebensraum bereichern, haben Wissenschaftler schon festgestellt. "Normalerweise sind unsere Meere durch sandiges und strukturarmes Sediment geprägt. Hartsubstrate wie die schweren Fundamente der Windräder kommen in natürlicher Form selten vor", erklärt Lenz. Gerade um diese neuen Substrate können sich neue Arten ansiedeln.

Im Meeresboden steckende Windrad-Fundamente verändern die Strömung am Grund. Schnell bilden sich sogenannte Kolke, das sind Vertiefungen, in denen das Wasser den Untergrund wegspült. Um diese Art der Erosion zu verhindern, fassen Ingenieure den Fuß eines Windrades zum Beispiel mit großen Steinen oder verschieden schwerem Sediment ein. Auch darauf kann sich – ähnlich wie an einem Riff – Leben ansiedeln. Inzwischen gibt es erste Ansätze dafür extra Material zu nutzen, das sich besonders gut zur Besiedlung eignet. "Eine Möglichkeit wären Hohlräume im Kolkschutz. Solche künstlichen Riffe sind in der Praxis gut erprobt", so der Biologe.

Auf den ersten Blick erscheinen diese Effekte positiv. So wiesen Forscher im Windpark alpha ventus ein erhöhtes Vorkommen von Taschenkrebsen nach. Wo sich Anemonen, Muscheln und kleine Fische wie Grundeln oder Aalmuttern ansiedeln, tummeln sich schnell auch Räuber. Dorsche und Wittlinge zum Beispiel. Sie finden in den Biotopen des Windparks gute Laichgründe und reichlich Nahrung

In dem Offshore-Windpark Egmond aan Zee vor der holländischen Küste wies man mit Unterwassermikrophonen sogar Schweinswale nach. Als Rückzugsorte sind die Windparks für die bedrohten Meeressäuger zwar zu klein, als Nahrungsquelle aber attraktiv.

Sogar auf den Fischbestand außerhalb der Windparks könnte sich die Artenvielfalt positiv auswirken. Trotzdem hält man sich mit Euphorie bewusst zurück. Für eine ökologische Bewertung der Situation ist es zu früh.

Genaue Prognosen sind schwer

"Wir können nur sagen, dass es eine gute lokale Biodiversität gibt. Ob diese Veränderung positiv oder negativ ist, können wir heute nicht bewerten", sagt Dannheim. Neue Habitate könnten auch invasive Arten anziehen, die heimische verdrängen. Wer hier gewinnt oder verliert, lässt sich nicht sagen.

"Der Lebensraum Nord- und Ostsee ist zu dynamisch, um langfristige Prognosen abzugeben", sagt die Meeresbiologin. "Wir müssen jedoch fragen, wie viel Eingriff noch in Ordnung ist." Mit der Natürlichkeit der heutigen Nord- und Ostsee ist es ohnehin nicht weit her. Menschliche Einflüsse wie Schifffahrt, Fischerei oder Öl- und Gasförderung haben das Ökosystem über Jahrzehnte stark verändert.

Außerdem hat sich die Wassertemperatur in der Nordsee um durchschnittlich ein Grad erhöht. "All diese Faktoren verändern die Bodenlebensgemeinschaft zusätzlich."

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Die Plattform hieß Brent Spar und ...

Der Name der damaligen Shell-Plattform war Brent Spar und die Kritik an der Versenkung war nicht, das es in künstliches Riff war, sondern das Greenpeace 5,5 kTonnen giftige Abfälle auf der Plattform vermutete.
Unter der Annahme war die Versenkung eindeutig schlecht und unter dieser Annahme gab es auch den öffentlichen Druck...

Das die Angabe von Greenpeace -aus welchen Gründen auch immer- nicht korrekt war steht auf einem anderen Blatt...

Alles nachzulesen hier:
http://de.wikipedia.org/w...

War eine spannende Zeit und eigentlich ein erstes starkes Beispiel für die Macht der Konsumenten...

Erinnert mich an einen anderen Fall,

als die US-Marine ihre alten Pötte versenkt hat, um ein künstliches Riff zu erzeugen.

Heute bemüht man sich, die Dinger wieder zu heben.

Frau Dammheim sagt es ganz richtig - dieser Lebensraum (eigentlich fast jeder Lebensraum) ist zu komplex, um langfristige Prognosen aufzustellen. Insofern kann es gut gehen oder schief gehen. Hauptsache, es versucht keiner, daraus eine Image-Kampagne für die Offshore-Windparks zu machen.