Grüne Gentechnik : "Genmais schadet Bienen nicht"

Um Schädlinge abzuwehren, bilden genveränderte Maissorten insektizide Eiweiße. Im Interview sagt der Biologe Christoph Tebbe warum diese für Bienen unschädlich sind.

ZEIT ONLINE: Herr Tebbe, Sie und ein Forscherteam der Universität Würzburg haben vermeldet, dass genetisch veränderter Mais Bienen nicht schadet. Wie unterscheidet sich Genmais denn von natürlichem Mais?

Christoph Tebbe:  Wir haben eine Maissorte untersucht, die dafür gezüchtet ist, insektenschädigende Eiweiße zu bilden. Diese werden normalerweise von Bakterien hergestellt und schützen die Pflanze vor Schädlingen wie etwa dem Maiszünsler oder dem Maiswurzelbohrer. Diese Eiweiße könnten allerdings auch unbeabsichtigt "Nichtzielorganismen" wie den Bienen schaden. Die schädliche Wirkung muss dabei nicht unbedingt gleich zum Bienensterben führen, sondern könnte die allgemeine Fitness oder das Verhalten der Bienen beeinträchtigen. Imker befürchten schon seit Jahren, dass solche Maissorten ihre Bestände dezimieren könnten.

ZEIT ONLINE: Wie konnten Sie das bei Ihrer Untersuchung ausschließen?

Tebbe: Bei unserem Freilandversuch haben wir Ammen-Bienen zehn Tage lang mit den Pollen gentechnisch veränderter Maispflanzen in Kontakt gebracht. Diese Gruppe der Arbeiterbienen ist im Bienenstaat für die Aufzucht der Larven zuständig und dafür bekannt, dass sie besonders viele Pollen aufnimmt. Wenn die genetisch veränderten Pollen schädlich gewesen wären, hätte sich das bei diesen Bienen besonders deutlich gezeigt. Doch unser Versuch hat ergeben, dass die insektiziden Eiweiße keinen Einfluss auf die Überlebensrate der Tiere haben. Wir können also davon ausgehen, dass Bienen von dieser Maissorte nicht sterben. Auch Gewichtsverlust oder andere Anzeichen für gesundheitliche Schäden konnten wir nicht feststellen. Uns hat vor allem interessiert, ob die Maispollen der Darmflora schaden. Das war aber nicht der Fall.

Christoph Tebbe

Christoph Tebbe ist Leiter der Arbeitsgruppe Molekulare Umweltmikrobiologie am Thünen-Institut für Biodiversität.

ZEIT ONLINE: Könnte der Genmais anderen "Nichtzielorganismen" schaden?

Tebbe: Ja, vor allem, wenn sie zur gleichen verwandtschaftlichen Gruppe gehören wie die Zielorganismen. Der Maiszünsler gehört in die Gruppe der Schmetterlinge. Die insektiziden Eiweiße könnten also theoretisch auch gegen Schmetterlinge oder Motten wirken, vorausgesetzt, dass diese unter natürlichen Bedingungen ausreichende Mengen an Pollen mit den gentechnisch veränderten Proteinen mit ihrer Nahrung aufnehmen.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie ausgerechnet die Wirkung des genetisch veränderten Maises auf Bienen untersucht?

Tebbe: Bienen haben eine enorme Bedeutung für die Agrarwirtschaft. Das wird häufig unterschätzt. Viele glauben, sie seien allein für die Honigproduktion notwendig. Viel wichtiger ist aber, dass sie etwa im Obstanbau als Bestäuber fungieren. Wenn die Bienenbestände zurückgehen, hat das also nicht nur Konsequenzen für Imker, sondern auch für die Landwirtschaft.

ZEIT ONLINE: Seit mehr als zehn Jahren ist immer wieder vom Bienensterben zu lesen. Es wird sowohl in den USA, als auch in Europa beobachtet. Könnten genetisch veränderte Pflanzen prinzipiell dafür verantwortlich sein?

Tebbe: Nein, die genveränderten Pflanzen, die derzeit angebaut werden, schaden Bienen nicht. Zumindest gibt es keine wissenschaftlich fundierten Hinweise dafür. Wenn das so wäre, dürfte es in Europa kein Bienensterben geben. Denn außer in Spanien und Portugal werden in Europa derartige Pflanzen nicht in nennenswertem Umfang angebaut. Problematisch für die Bienen ist eher die mangelnde Vielfalt des Nahrungsangebots wie er zum Beispiel bei großflächigem Anbau von Mais-Monokulturen vorkommt.

ZEIT ONLINE: Frei von genetisch veränderten Pflanzen ist Europa dennoch nicht: In Bayern wurde zum Beispiel genetisch veränderter Mais vom Typ MON 810 der Firma Monsanto angebaut.

Tebbe: Ja, in den vergangenen Jahren hat es immer wieder auf einzelnen Versuchsflächen einen experimentellen Anbau von verschiedenen gentechnisch veränderten Pflanzen gegeben. Außerdem wurde vor einigen Jahren der gentechnisch veränderte Mais MON810 von der EU zum Anbau zugelassen und daraufhin von einzelnen Landwirten auch in Deutschland genutzt. Doch inzwischen ist die Anbauzulassung wegen einer nationalen Sonderregelung in Deutschland und anderen EU Ländern ausgesetzt. Großflächig wird der Mais 810 nun vor allem in Spanien angebaut.

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Tonalität

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