Seismologie"Der Iran ist Hochrisikogebiet für Erdbeben"

Schwere Beben sind in Iran eine stete Gefahr. Unter dem Land verhaken sich die Erdplatten. Im Interview erklärt der Seismologe F. Tilmann, was die Region unsicher macht. von 

ZEIT ONLINE: Im pakistanisch-iranischen Grenzgebiet ist es zu einem starken Erdbeben gekommen. Was wissen Sie bisher darüber?

Frederik Tilmann: Die Messdaten, die bei uns am Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) zusammenlaufen, zeigen: Das Beben hatte eine Magnitude von 7,7 und wurde innerhalb der arabischen Erdplatte ausgelöst. Diese schiebt sich am Golf von Oman langsam von Süden kommend unter die eurasische Platte, auf der der Iran liegt.

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ZEIT ONLINE: Warum bebt es in der Region immer wieder?

Tilmann: Weil Iran ein Hochrisikogebiet für Erdbeben ist. Unter dem Land verlaufen gleich mehrere Grenzen tektonischer Platten.

ZEIT ONLINE: Erst vor wenigen Tagen bebte es im Westen des Landes bei Buschehr, nahe dem einzigen Atomkraftwerk des Irans. Stehen die Beben im Zusammenhang?

Tilmann: Nein, das kann man nahezu ausschließen. Die Epizentren sind rund 1.500 Kilometer voneinander entfernt. Zu weit, als dass sich Beben dieser Stärke wirklich beeinflussen könnten. So etwas wäre erst ab Magnituden von mehr als 8,5 denkbar. Außerdem sind beide Beben völlig unterschiedlich entstanden.

ZEIT ONLINE: Wie genau?

Frederik Tilmann
Frederik Tilmann

Der Professor für Seismologie arbeitet am Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ). Frederik Tilmann ist spezialisiert auf Subduktionszonen, also Gebiete, in denen sich eine tektonische Platte unter eine andere schiebt.

Tilmann: Die arabische Platte besteht aus kontinentalen und ozeanischen Teilen. Im Westen des Irans, wo es nahe des AKW bebte, treffen zwei Erdplatten mit kontinentaler Kruste aufeinander und bilden eine gigantische Knautschzone. Verwerfungen und Quetschungen des Gesteins sind die Folge. In dieser Region kommt es recht häufig zu Beben, die nah unter der Erdoberfläche entstehen. Entsprechend verheerend können sie für den Menschen sein, selbst bei Magnituden unter 7.

ZEIT ONLINE: Und was ist im Südiran anders, wo es jetzt bebte?

Tilmann: Am Golf von Oman, dem Ursprung des aktuellen Bebens, ist die tektonische Situation anders: Die arabische Platte ist dort von ozeanischer Kruste geprägt, und wir haben es mit einer Subduktionszone zu tun. Das heißt: Eine Platte schiebt sich unter die andere. In solchen Regionen treten sehr tiefe Beben auf. Doch auch sie können an der Oberfläche verheerend sein.

ZEIT ONLINE: Wie kommt es, dass gerade in Iran immer wieder Menschen durch Erdbeben sterben?

Tilmann: Die ländliche Lehmbauweise ist bei Erschütterungen extrem einsturzgefährdet, und auch moderne Gebäude in den Städten sind in den meisten Fällen nicht erdbebengerecht gebaut. Selbst nicht so starke Beben können dort also vergleichsweise viele Todesopfer fordern. Das aktuelle Beben ist aber zum Glück recht glimpflich ausgegangen – vermutlich, weil das Epizentrum in kaum besiedeltem Gebiet lag.

Chronologie
Schwere Erdbeben in Iran
11. August 2012

Bei zwei Erdbeben der Stärken 6,3 und 6,4 im Nordwesten des Iran sterben mehr als 300 Menschen, etwa 5.000 werden verletzt. In der Provinz Aserbaidschan erschüttern die Erdstöße die Städte Ahar und Varzeghan und mehr als 100 Dörfer. (Quelle: United Stated Geological Survey, dpa)

22. Februar 2005

In Sarand in der südöstlichen Provinz Kerman bebt die Erde mit einer Stärke von 6,4. 612 Menschen sterben.

26. Dezember 2003

Ein Beben der Stärke 6,6 trifft die Stadt Bam und umliegende Ortschaften in der Provinz Kerman im Südosten Irans. Mindestens 30.000 Menschen sterben, 30.000 werden verletzt. In der Region um Bam werden fast alle Gebäude zerstört.

2. Juni 2002

Ein Beben der Stärke 6,5 trifft den Westen Irans. 261 Menschen sterben, 1.300 werden verletzt. Der Schaden wird auf 91 Millionen US-Dollar geschätzt.

10. Mai 1997

Bei einem Beben der Stärke 7,3 sterben etwa 1.570 Menschen, 2.300 weitere werden verletzt. 50.000 Menschen verlieren ihr Obdach. Schwer trifft es vor allem die Regionen um die Städte Qayen und Birjand im Norden Irans.

20. Juni 1990

Rund 50.000 Menschen kommen ums Leben, als ein Beben der Stärke 7,4 den Westen Irans erschüttert. Betroffen sind vor allem das Gebiet um die Stadt Rascht am Kaspischen Meer.

28. Juni 1981

Ein Beben der Stärke 7,3 trifft erneut die Provinz Kerman und zerstört sieben größere Ortschaften. Rund 1.500 Menschen kommen ums Leben, 50 000 verlieren ihr Zuhause.

11. Juni 1981

Ein Erdbeben der Stärke 6,9 erschüttert die Stadt Golbaf in der Provinz Kerman im Südosten Irans. Etwa 3.000 Menschen sterben.

ZEIT ONLINE: Wie zuverlässig sind die Daten, die Sie in Potsdam gerade auswerten? Immerhin hat sich das Beben rund 6.000 Kilometer entfernt von Deutschland ereignet. Ist denn Verlass auf die iranischen Messsysteme?

Tilmann: Messdaten direkt aus dem Iran oder Pakistan brauchen wir gar nicht. Es reicht, auszuwerten, was Seismometer weltweit aufgezeichnet haben, um auf das Beben zu schließen. Aus der Ferne können wir sogar sagen, dass es schon ein Nachbeben der Stärke 4,5 gegeben hat.


Erdbeben in Iran auf einer größeren Karte anzeigen

ZEIT ONLINE: Heißt das, Erdbebenforscher werden durch das derzeit angespannte Verhältnis zum Iran nicht behindert?

Tilmann: Offizielle Kooperationen sind tatsächlich schwieriger geworden, obwohl Kollegen immer wieder gute Kontakte in den Iran hatten und auch GFZ-Mitarbeiter von dort stammen. Wenn man solche Bebenregionen genauer untersuchen und auch Magnituden um die 3,0 erfassen will, muss man vor Ort sein. An den Analysen eines derart schweren Bebens hindern uns Staatsgrenzen aber nicht.

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Leserkommentare
  1. Deswegen baut der Iran Atomkraftwerke.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • AtoY
    • 16. April 2013 21:32 Uhr

    die ständig von irgendwelche Katastrophen heim gesucht werden.
    Die Menschheit ist einfach zu DUMM für diesen Planeten und wir werden noch eines Tages komplett untergehen, weil vor allem ein paar Konzerne den Hals nicht voll bekommen.
    Die Umwelt interessiert keine Sau in den Chefetagen und was man vor allem mit den Abfällen machen soll, weiß bis heute keiner richtig. Einige haben in der Vergangenheit den ganzen Schrott einfach ins Meer gekippt, die anderen verbuddeln es unter der Erde, nach dem Motto aus den Augen aus dem Sinn.

    • FLH80
    • 16. April 2013 21:36 Uhr

    Schon vergessen?
    Und dass die Japaner das viel besser hinbekommen, sieht man ja an den jüngsten Meldungen aus Fukushima...
    Die Entwicklungen des Erdzeitalters inkl. der Tektonik usw. sind für die menschliche Planung der Energieversorgung schlicht zu abstrakt!
    Das ist nicht etwas typisch iranisches...

    • AtoY
    • 16. April 2013 21:32 Uhr

    die ständig von irgendwelche Katastrophen heim gesucht werden.
    Die Menschheit ist einfach zu DUMM für diesen Planeten und wir werden noch eines Tages komplett untergehen, weil vor allem ein paar Konzerne den Hals nicht voll bekommen.
    Die Umwelt interessiert keine Sau in den Chefetagen und was man vor allem mit den Abfällen machen soll, weiß bis heute keiner richtig. Einige haben in der Vergangenheit den ganzen Schrott einfach ins Meer gekippt, die anderen verbuddeln es unter der Erde, nach dem Motto aus den Augen aus dem Sinn.

    Eine Leserempfehlung
    • FLH80
    • 16. April 2013 21:36 Uhr

    Schon vergessen?
    Und dass die Japaner das viel besser hinbekommen, sieht man ja an den jüngsten Meldungen aus Fukushima...
    Die Entwicklungen des Erdzeitalters inkl. der Tektonik usw. sind für die menschliche Planung der Energieversorgung schlicht zu abstrakt!
    Das ist nicht etwas typisch iranisches...

  2. [...]
    Schlimm was dort passiert ist - ich kann meinen Vorschreibern nur Recht geben - die möglichen Konsequenzen einer Naturkatastrophe in Verbindung mit einem AKW sehen wir ja in Japan ... es wäre schlimm wenn die dort ohnehin gebeutelten Menschen auch noch so etwas wie eine "nukleare Katastrophe" aushalten müssten ... Hoffen wir das Beste !!!

    via ZEIT ONLINE plus App

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Iran | AKW | Atomkraftwerk | Golf | Region | Staatsgrenze
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