Arktis : Pflanzen erwachen aus Jahrhunderte währendem Kälteschlaf

Im Polargebiet sind Forscher auf Moose gestoßen, die unter dem Eis eines Gletschers überlebten. Die Gewächse überdauern seit der letzten Eiszeit und gedeihen nun wieder.
Ein Forscher aus La Farges Arbeitsgruppe steht vor dem Tear Drop Gletscher auf der nordkanadischen Insel Ellesmere. © Catherine La Farge

Moose wachsen dort, wo man Leben am wenigsten erwartet: in der Wüste, auf Felsen und sogar in Polargebieten. Sie mögen zart wirken, mit ihren dürren Halmen oder winzigen Blättern, aber Moose sind wahre Überlebenskünstler. Viele Arten ertragen Jahre ohne einen Tropfen Wasser. Einige trotzen Temperaturen von mehr als hundert Grad Celsius. Andere kommen scheinbar gänzlich ohne Nährstoffe aus. Die unscheinbaren Pflänzchen besiedeln extreme Standorte, weil ihnen hier keine Konkurrenz durch höhere Pflanzen droht.

Besonders hartgesottene Gewächse haben Forscher nun am nördlichsten Zipfel Kanadas entdeckt, auf dem kanadisch-arktischen Archipel südlich von Grönland. Hier, im steinigen Bett des zurückweichenden Teardrop-Gletschers, treten Moose zu Tage, die bis vor einigen Jahren unter mächtigen Eisschichten verborgen waren. Lebendige Moose. "Viele der Pflanzen haben zwar im Eis ihre Farbe verloren, doch einige bilden grüne Zweige aus", berichtet das Team um die kanadische Wissenschaftlerin Catherine La Farge von der Universität Alberta im Magazin PNAS. "Das war eine große Überraschung", sagt La Farge. "Niemand hätte gedacht, dass sie nach Jahrhunderten, in denen sie tiefgefroren waren, noch wachsen können."

Im Labor untersuchten sie und ihre Mitarbeiter Proben sieben verschiedener Moosarten, die sie bei einer Expedition durch das Tal des Teardrop-Gletschers gesammelt hatten. Mit der Radiokarbondatierung, einer chemischen Methode zur Altersbestimmung von organischen Stoffen, berechneten sie, dass die Pflanzen zu Beginn der Kleinen Eiszeit vom Gletscher begraben wurden. Diese Kälteepisode überdauerte das 16. bis zum 19. Jahrhundert. Die ältesten der Moose könnten um die 400 Jahre unter dem Gletscher überlebt haben – ohne Wasser, Nährstoffe und Wärme. Das Eis scheint ihre Einzelteile beinahe perfekt konserviert zu haben.

Farbtupfer deuten auf Leben hin

Wie Mel Gibson nach seinem 50-jährigen Kälteschlaf im Science-Fiction-Film Forever Young erwachen die Moospflanzen hier nun nach und nach zum Leben. Sogar direkt vor der Spitze der Gletscherzunge, wo bis vor einem Jahr noch Eis lag. Auf dem tot wirkenden Braunschwarz der ursprünglichen Pflanzen liegt ein Hauch von Grün und Orange. Einigen der Moose schien das Eis dagegen nachhaltig zugesetzt zu haben. Aus ihnen war alle Farbe gewichen, sodass sie auf dem Felsgrund des Gletschertals auf den ersten Blick gar nicht als Pflanzen zu erkennen waren. Doch als die Forscher sie in Petrischalen in Erde betteten und regelmäßig mit Wasser besprühten, kamen auch sie wieder zu Kräften.   

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