ZEIT ONLINE: Ein Tornado hat den Vorort Moore von Oklahoma City verwüstet. Mehr als 230 Menschen sollen verletzt worden sein und mindestens 24 kamen ums Leben. Derzeit suchen Rettungskräfte in den Trümmern nach Überlebenden. Erreichen Tornados in dieser Region eine neue Qualität?

John Hart: In den USA sind so gewaltige Tornados sehr selten. Wenn es hochkommt, erleben wir zwei pro Jahr. Doch Oklahoma liegt in der Tornado-Passage, der womöglich am stärksten betroffenen Wirbelsturm-Region der Erde. Im Frühling, vor allem im Mai und Juni, prallt hier die warme und trockene Luft aus den nördlich gelegenen Rocky Mountains auf warme, feuchte Luftmassen, die aus dem Süden vom Golf von Mexiko kommen. Das sind ideale Bedingungen für Tornados.

ZEIT ONLINE: Wie werden die Menschen in dieser Region gewarnt?

Hart: Die Stationen des nationalen Wetterdienstes sind mit Sturmradaren und Computern ausgestattet, die schon Tage vorher erkennen, wenn ein Sturm entsteht. Wir vom Storm Prediction Center geben dann sofort eine Warnung heraus, damit die Menschen sich frühzeitig in Sicherheit bringen können. Auch die Tornado-Episode der vergangenen Tage haben wir schon früh kommen sehen. Die Warnung ging schon vor fünf oder sechs Tagen raus.

ZEIT ONLINE: Dennoch sind in Oklahoma viele Menschen gestorben und verletzt worden.  

Hart: Das lag aber nicht daran, dass die Warnung zu spät kam. Die Leute wussten früh genug Bescheid, um fliehen zu können. Aber es ist einfach nicht machbar, eine komplette Großstadt wie Oklahoma City zu räumen. Außerdem wissen wir leider immer erst, wenn der Sturm entsteht, welche Städte er tatsächlich treffen wird. Eine Technologie, die das vorhersagen kann, muss erst noch erfunden werden.

ZEIT ONLINE: Warum werden die Häuser in der Tornado-Passage nicht stabiler gebaut?

Hart: Stabile Baumaterialien schützen vielleicht vor Hurrikans, aber nicht vor Tornados. Die meisten Häuser in Oklahoma sind zudem auch Steinbauten und sehr stabil. Die für die USA typischen Holzhäuser findet man hier kaum. Der von dem Tornado betroffene Vorort war ein relativ reiches Viertel mit gut gebauten Ziegelhäusern. Aber ein Tornado, der mit 200 Meilen pro Stunde übers Land fegt, macht auch vor Stein nicht Halt. Der zertrümmert sogar Hochhäuser. Gegen so einen Sturm kann man sich im Grunde kaum wappnen.

Klicken Sie auf das Bild, um zu einer Fotostrecke zum Tornado über Oklahoma City zu gelangen. © Sue Ogrocki/AP/dpa

ZEIT ONLINE: Warum sind die Menschen nicht in Schutzräume oder Keller geflüchtet?

Hart: In Oklahoma sind nicht alle Häuser unterkellert. Vor allem die älteren nicht. Der Boden ist recht steinig und es ist mühselig, hier zu graben. Sich einen Keller ausheben zu lassen, ist also teuer. Seit 1999, als Oklahoma vom bislang heftigsten Tornado getroffen wurde, lassen sich aber immer mehr Menschen Schutzbunker aus Metall in den Garten stellen. Bei neueren Gebäuden ist das schon Standard. 

ZEIT ONLINE: Nehmen starke Tornados insgesamt zu?

Hart: In den vergangenen Jahrzehnten konnten wir keine Zunahme von Tornados feststellen. Ob sich das im Zuge des Klimawandels ändern wird, wissen wir nicht. Es gibt noch keine Hinweise darauf. Diese Saison ist bislang sogar ungewöhnlich ruhig. Die Tornado-Episode der vergangenen Tage ist die erste in diesem Jahr. Normalerweise hätten wir zu dieser Jahreszeit schon mehrere hinter uns. Derzeit rechnen unsere Computermodelle eher mit einem ruhigen Verlauf für die nächsten Wochen. Sicher sagen lässt sich das aber noch nicht.