ArtenvielfaltDas Leben hockt im Blätterdach

Hoch oben über dem tropischen Waldboden tummeln sich Millionen unentdeckter Tiere und Pflanzen. Sie zu bestimmen, erfordert ungewöhnliche Ausflüge in die Baumkronen. von 

In den Blätterdächern tropischer Wälder hausen unzählige unbekannte Arten.

In den Blätterdächern tropischer Wälder hausen unzählige unbekannte Arten.  |  © schamark/photocase.com

Andreas Floren gehört zu den letzten Entdeckern fremder Welten. Ständig stößt er auf neues Leben. In den tropischen Regenwäldern von Borneo, wahrscheinlich einem der artenreichsten Flecken der Erde, widmet sich der Biologe seit mehr als 20 Jahren der Erforschung der Baumkronen.

Über die Ökosysteme in 30 bis 90 Metern Höhe weiß man wenig. Ähnlich unerkundete Hotspots der Biodiversität vermuten Wissenschaftler nur noch in der Tiefsee und dem Erdboden mit seinen unzähligen Bakterien und niederen Pflanzen.

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"Selbst in gut besammelten Tiergruppen stoße ich auf bis zu 90 Prozent unbekannte Arten", erzählt Floren. Die Schätzungen, wie viel unbekanntes Leben noch auf der Welt weilt, reichen von drei bis zu 100 Millionen Tiere und Pflanzen. "Ich halte es für nicht möglich, seriöse Zahlen zu nennen", sagt Floren, der am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie der Universität Würzburg arbeitet. 

Einen Großteil der Organismen hat ohnehin noch kein Wissenschaftler erforscht, egal ob schon entdeckt oder nicht. Viele tropischen Arten sind so selten, dass detaillierte Beschreibungen kaum möglich sind."Wir bekommen nur Momentaufnahmen des Lebens in den Baumkronen. Viele der Arten leben an wenigen oder sogar ausschließlich an einer einzigen Baumart", sagt Floren. Angesichts von 300 Baumarten pro Hektar auf Borneo (Deutsche Wälder kommen maximal auf 14 Arten) wird klar: Es ist ein Fass ohne Boden.

Hinzu kommt, dass weltweit in den Sammlungen der Naturkunde-Museen plattenweise unbestimmte Arten – die meisten Insekten – auf ihre Bestimmung warten, weil sich bisher kein Zoologe fand, der genug Zeit, Geld und Fachwissen dafür hatte.

Wie werden neue Arten entdeckt?

Gezielt nach neuen Arten zu suchen, ist kaum möglich. Bei Expeditionen werden deshalb Proben möglichst vieler unterschiedlicher Tierarten gesammelt. Der erste Schritt zur Bestimmung ist der Sichtbefund, rund 90 Prozent der Tiere können morphologisch bestimmt werden. Wichtigste Bestimmungsmerkmale sind die Geschlechtsorgane. Auskunft über schon bekannte Arten geben Bestimmungsbücher oder Experten für die entsprechende Tierart.

Bei Arten, die man auch unter dem Mikroskop nicht unterscheiden kann oder deren Beobachtung sehr umständlich ist, gibt der Vergleich des Erbguts nötige Klarheit.

Prüfen in der Forschungsliteratur

Um zu verhindern, dass Tiere mehrfach beschrieben werden, wird außerdem die Forschungsliteratur geprüft. Systematische Taxonomie wird bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts betrieben. Der Weg von der Entdeckung bis zur endgültigen Beschreibung in einem Fachjournal ist also lang und zeitraubend. Manche Arten bleiben deshalb viele Jahre unbeschrieben, weil sich kein Forscher ihrer annimmt.

Inzwischen versucht man durch genetische Datenbanken im Internet wie dem "Barcode of Life" den Prozess der Artenbestimmung wenigstens etwas zu erleichtern. Bis zu deren Vollständigkeit werden noch viele Jahre vergehen.

Aber irgendwo muss man ja anfangen – und das macht das Team um den Würzburger Forscher drastisch – durch "Canopy Fogging", also dem Einnebeln des Blätterdachs. In der Tradition des Entomologen Terry Erwin, der in den Achtzigern damit begann, werden einzelne Bäume dabei mit einem Insektizid eingenebelt. Und voilà: Die abgetöteten Insekten plumpsen in Auffangplanen.

Bis zu 40.000 Individuen kann eine solche Probe enthalten. Der Baum und die Pflanzen auf ihm bleiben unbeschadet, dank des pflanzlichen Insektizids, das auch Wirbeltieren nichts anhaben kann. Zu seiner Entschuldigung für so eine Massentötung sagt Floren: "Die Insekten müssten für die Artbestimmung und die Untersuchung im Labor ohnehin getötet werden, deshalb hält sich die Störung in engen Grenzen. Der quantitative Umfang der Proben ist dafür weitaus höher als bei anderen Methoden."

Mit Zeppelin und Schlauchboot in die Krone

Sammeltechniken hat der Biologe in den vergangenen 25 Jahren einige ausprobiert. An Seilen ist er in die Kronen geklettert und war mit Kränen weit oben. Doch jede dieser Methoden hat ihre Nachteile. Und: Erklettern lassen sich sowieso nur die inneren Kronenregionen.

Besonders abenteuerlich wirken die Forschungstrips mit einem "Canopy Raft", einer Kombination aus Zeppelin und Schlauchboot mit Netzboden: Ein Zeppelin trägt die aufblasbare Forschungsplattform bis zu 50 Meter hoch über die Baunkronen und lässt sie dann auf dem Blätterdach herab, die Forscher sind mit Leinen gesichert. "Damit verscheucht man natürlich einige Tiere und kann immer nur in einem kleinen Ausschnitt sammeln", sagt Floren.

Leserkommentare
  1. Na, das wäre doch mal eine sinnvolle Aufgabe für den Euro-Hawk. Ich bin für die Anschaffung.

  2. wie oft hab ich in den letzten Jahren von diesem Andreas und den Baumkronen gelesen? 10mal? ne, eher 100mal. Gibt's auch noch irgendwelche anderen Biologen? aj

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    • msknow
    • 27. Mai 2013 22:09 Uhr

    Wenn einem das Programm nicht gefällt: einfach mal abschalten.

    • msknow
    • 27. Mai 2013 22:09 Uhr

    Wenn einem das Programm nicht gefällt: einfach mal abschalten.

    Antwort auf "Gähn - Wiederholung"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Biodiversität | Botanik | Pflanze | Tier | Borneo | Würzburg
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