AmeisenbärforscherinZu Gast im Erbsenhirn-Paralleluniversum

Große Ameisenbären sind schlicht gestrickte Tiere. Lydia Möcklinghoff ist die einzige Biologin, die sie begeistert erforscht. Sonst macht es ja keiner. von Christian Endt

Die Biologin Lydia Möcklinghoff mit ihrem Forschungsobjekt auf dem Arm

Die Biologin Lydia Möcklinghoff mit ihrem Forschungsobjekt auf dem Arm  |  © privat

"Der Ameisenbär ist nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte", sagt Lydia Möcklinghoff. Die Biologin steht in einem Club in Berlin-Kreuzberg auf der Bühne und hält einen Vortrag über "Erbsenhirnparalleluniversumsforschung am Beispiel des Großen Ameisenbären". Auf der Leinwand hinter ihr sieht man Fotos mit seltsamen Tieren in schöner Landschaft. Es ist Science Slam.

Junge Forscher stellen in einem zehnminütigen Vortrag ihr Fachgebiet vor. Das liegt Möcklinghoff, sie fühlt sich auf der Bühne wohl. Möcklinghoff, eine große Frau mit blonden Haaren und dezenten Sommersprossen, brennt für ihr Thema. Das Publikum ist begeistert. Möcklinghoffs Lachen ist ansteckend. Etwa wenn sie vom Ameisenbären als "zweidimensionalem Pappaufsteller" spricht, der sich, wenn er sich bedroht fühle, nur von der Seite zeige, um größer zu wirken.

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Tierforscher gibt es viele auf der Welt, sie erkunden alles von der Stubenfliege bis zum Elefanten. Aber kaum einer interessiert sich für den Ameisenbären. Dabei ist der eine ansehnliche Erscheinung, Protagonist vieler südamerikanischer Mythen, ein beliebtes Zootier. Und doch ist nur wenig über ihn bekannt. Ihm widmet sich keine Forschergemeinde und es gibt kaum Fachliteratur über ihn: Insgesamt gibt es fünf größere Studien über das Verhalten von Myrmecophaga tridactyla, wie er wissenschaftlich heißt. Vier davon sind Jahrzehnte alt.

Lydia Möcklinghoff erforscht das pelzige Tier im Alleingang. Die 32-Jährige hat kein Team, mit dem sie zusammenarbeiten kann, wenige erfahrene Kollegen, die ihr zur Seite stehen. Allein versucht Möcklinghoff auch, ihre Arbeit zu finanzieren. Bis März bekam sie ein Stipendium, seither ist sie komplett auf Spenden angewiesen. Gerade läuft eine Crowdfunding-Kampagne auf ScienceStarter. Das soll ihre nächste Forschungsreise finanzieren.

Der Charme des Ameisenbären

Eher zufällig kam die junge Wissenschaftlerin zu ihrem Thema: Weil sie sich an ihrem damaligen Studienort Würzburg nicht wohlfühlte, meldete sich Möcklinghoff 2005 spontan auf einen Aushang für ein Forschungspraktikum im Norden Brasiliens. Eine Woche später saß sie im Flugzeug. Auf einer Akazienplantage traf Möcklinghoff dann das erste Mal auf einen Ameisenbären: Ein Muttertier lief an ihr vorbei, mit einem schlafenden Jungen auf dem Rücken.

Die Forscherin verfiel sofort dem Charme des eleganten, schlanken Wesens mit der langen Nase. Jeder könne das nachvollziehen, der einmal einen Ameisenbären in freier Wildbahn erlebt habe: "Leuchtende Augen sind da obligatorisch", sagt Möcklinghoff. Zurück in Deutschland widmete sie dem Ameisenbär ihre Diplomarbeit. Das kaum vorhandene Wissen über die zahnlosen Säugetiere machte die Biologin neugierig. Was für ein Sozialverhalten hat der Ameisenbär? Welchen Anforderungen muss sein Lebensraum genügen? Wie gefährdet ist das Tier? Und vor allem: Was braucht der Ameisenbär zum Überleben?

Seit 2009 pendelt Möcklinghoff nun schon zwischen Deutschland und Brasilien. Drei Monate hier, drei Monate dort. Sie promoviert mittlerweile am Zoologischen Forschungsmuseum Koenig in Bonn und wohnt in Köln. In Brasilien forscht sie im Pantanal.

Das südamerikanische Pantanal (hellgrün) ist eines der größten Feuchtgebiete, die von Land umschlossen sind.

Das südamerikanische Pantanal (hellgrün) ist eines der größten Feuchtgebiete, die von Land umschlossen sind.  |  © Wikimedia Commons

Die dünn besiedelte Gegend liegt im Südwesten des Landes, an der Grenze zu Paraguay und Bolivien. Das Feuchtgebiet mit den Seen ist durchwachsen mit kleinen Wäldern. Neben dem Großen Ameisenbären leben hier auch Pumas, Tapire, Papageien und unzählige andere Arten. Das Pantanal ist allerdings auch die Heimat von Rinderherden, die auf gigantischen Farmen weiden. Hier züchtet auch Lucas Leuziger seine Tiere. Als studierter Biologe war er rasch von Möcklinghoffs Tierstudien begeistert. Auf seiner Fazenda Barranco Alto lebt und arbeitet die Doktorandin seither die Hälfte des Jahres.

Leserkommentare
  1. Danke dafür. Irgendwie beneide ich sie darum, eine sinnvolle Lebensaufgabe gefunden zu haben - noch dazu in der südamerikanischen Wildnis. Könnte mir auch gefallen. Wobei man natürlich viele Vorteile eines Berufes hier in Deutschland gerade hinsichtlich der Lebensplanung aufgibt. Eine schwierige Abwägung.

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  2. Heißt sie jetzt eigentlich Möcklenhoff, Möcklinghoff oder Möcklingshoff?

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    Möcklinghoff ist laut Google der richtige Name der Forscherin, die mir in ihrem Engagement übrigens sympathisch ist.

    Wissen Sie liebe ZEIT, ich schreibe auch, und es darf mal was falsch sein, aber wenigstens die Namen sollten stimmen.

    Redaktion

    Der Name wurde korrigiert, wir entschuldigen uns für den Fehler.

  3. Möcklinghoff ist laut Google der richtige Name der Forscherin, die mir in ihrem Engagement übrigens sympathisch ist.

    Wissen Sie liebe ZEIT, ich schreibe auch, und es darf mal was falsch sein, aber wenigstens die Namen sollten stimmen.

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  4. Antwort auf "Interessantes Video"
  5. Redaktion

    Der Name wurde korrigiert, wir entschuldigen uns für den Fehler.

    Antwort auf "Korrekter Name?"
  6. Wieso "Paralleluniversum"?
    Ich habe den Eindruck, dass bezüglich der geistigen Fassungskraft Ameisenbären und (die meisten) Menschen gar nicht mal so weit voneinander entfernt sind.
    Das missing link sind wir...

    8 Leserempfehlungen
    • 29C3
    • 31. Mai 2013 14:57 Uhr

    es geht um den Bären.

  7. Tolle Leistung. Sollte ein Vorbild sein. Vielleicht sogar der Ameisenbär: dann würden sich einige Leute (Politiker) wenigstens nur auf das konzentrieren, was sie auch machen sollen.

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  • Schlagworte Puma | Brasilien | Tier | Diplomarbeit | Südamerika
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