Wenn die Flut kommt, ist der Mensch plötzlich ein ganz kleines Licht. Selbst High-Tech-Deiche, satellitengestützte Hochwasser-Prognosen, Dämme und Sandsäcke haben nicht verhindern können, dass auch 2013 wieder ganze Städte unter Wasser stehen, wochenlang. Zugegeben: Ohne modernen Hochwasserschutz wäre es vielleicht noch schlimmer gekommen. Aber die Natur im Griff? – nein, das hat der Mensch auch heute nicht.

Ist der Schaden nur materiell? Angesichts dramatischer Berichte über ertrinkende Biber, Kaninchen, Rehe und Störche fragen sich viele: Was bedeutet so eine Flut für die Umwelt?

Eine Katastrophe ist das Hochwasser für die an den Flüssen heimischen Arten nicht, sagen Ökologen. Mehrfach im Jahr steigt das Wasser über die Ufer und überschwemmt naheliegende Auen. "Dieser Lebensraum ist vom Hochwasser abhängig. Ohne regelmäßige Überschwemmungen wäre eine so hohe Artenvielfalt nicht möglich", sagt Klement Tockner vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin.

Steigt der Wasserspiegel, bringen sich die meisten Tiere schnell in Sicherheit. Wer fliegen und gut schwimmen kann, ist hier klar im Vorteil. Wobei andere Arten sich auf Bäume flüchten oder sogar zeitweise unter Wasser überleben können. Zwar ertrinken auch Tiere in den Fluten, doch langfristig gefährdet das nicht das Überleben der Arten an den Auen.   

Besonders eindrucksvoll ist die Überlebensstrategie einiger Ameisenarten: Sie verhaken sich bei Überschwemmungen mit den Beinen und bilden so ein schwimmendes Floß. Auch in Deutschland heimische Ameisen kennen diesen Trick. 

Einige Laufkäfer-Arten haben nur in Regionen, wo Hochwasser dazu gehört, Flügel entwickelt, mit denen sie im Notfall entkommen können.

Was Forscher außerdem überrascht: Viele Tiere fliehen vor den Fluten, lange bevor das Wasser kommt. Insekten krabbeln auf Bäume, Schnecken verkriechen sich und auch einige Säugetiere wissen lange vor dem Menschen, wenn ein Hochwasser sich anbahnt. Darüber, welche Sensoren die Tiere dafür haben, und wie sie sich gegenseitig warnen, weiß man noch wenig.

Viel Raum für Pioniere

Wie ein Feuer, eine Schlamm- oder Gerölllawine (Mure) oder ein Vulkanausbruch hinterlässt ein Hochwasser Bedingungen, unter denen sich bestimmte Arten besonders gut ausbreiten können. Von der Überschwemmung profitieren etwa Pionierarten, die von den angespülten Nähr- und Schwebstoffen leben und deren Fressfeinde dezimiert wurden. "Die Neubesiedlung beginnt sehr schnell, das lässt sich selbst bei Säugetieren wie Mäusen beobachten", sagt Thorsten Assmann, Tierökologe der Leuphana Universität in Lüneburg.

Nicht nur Tiere, auch Pflanzen sind angepasst an das Leben mit wiederkehrendem Wasser. Weiden gehören zu den ersten, die nach einer Flut wieder wachsen. "Im Prinzip ist dieses Phänomen mit Waldbränden oder Murenabgängen vergleichbar, durch diese Störereignisse wird der Lebensraum erneuert und bleibt dadurch dynamisch und vielfältig", sagt Gewässerökologe Tockner.

Ähnliches zeigen Erfahrungen vom "Jahrhunderthochwasser" im Jahr 2002. Forscher vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung haben zum Beispiel untersucht, wie Landschnecken-Arten und andere Weichtiere die Flut verkraftet haben. Diese naturgemäß langsamen Tiere hatten nämlich kaum Fluchtmöglichkeiten. Das Ergebnis: Langfristig dezimiert ein Hochwasser die Landschnecken nicht, wobei die Wasserliebenden unter ihnen – wenig überraschend – danach stärker vertreten waren.

Die Auenlandschaften Mitteleuropas gehören wegen dieser regelmäßigen Erneuerung mit bis zu 30.000 Arten sogar zu den Lebensräumen mit der größten Biodiversität, vergleichbar mit Korallenriffen oder Arten-Hotspots in tropischen Regenwäldern.

Keine Tierart wird durch Hochwasser aussterben.
Till Hopf, Nabu-Ökologe

Doch es gibt auch Verlierer – vor allem fern der Auen, in Wäldern, wo es seit Jahrzehnten trocken war. Gerade schnell steigendem Wasser fallen Rehe oder Wildschweine zum Opfer. So dramatisch die Bilder von ertrinkenden Kitzen scheinen, ihre Population ist nicht gefährdet. "Hochwässer sind keine Bedrohung für den Wildbestand", sagt Assmann. Selbst stark gefährdete Arten, wie die bodenbrütende Bekassine, werden von einer Flut nur wenig gestört.

"Keine Tierart wird durch Hochwasser aussterben. Natürlich verlieren viele ihren Nachwuchs, aber die Wegnahme des Lebensraums ist nicht von Dauer und die Population kann sich dementsprechend schnell erholen", bestätigt auch Till Hopf, Naturschützer beim Nabu