Ein Mücken-Weibchen im Blutsauger-Modus.

ZEIT ONLINE: Egal, wen man derzeit fragt: Alle sind genervt von den Massen an stechlustigen Mücken. Sind es wirklich so viele, oder bilden wir uns die Plage ein?

Doreen Werner: Im Vergleich zu den vergangenen Jahren, in denen es trockener war, gibt es diesen Sommer auf jeden Fall mehr Mücken. Feuchtes Wetter ist für die Insekten paradiesisch, denn die Larven brauchen Wasser, um heranzuwachsen.

 ZEIT ONLINE: Das Hochwasser hat den Mücken zusätzlich exzellente Vermehrungsbedingungen geboten. Das würde erklären, warum in den Flutgebieten massenhaft Zweiflügler geschlüpft sind. Aber woher kommen die Schwärme in Berlin oder München?

Werner: Auch in den Städten hat es viel geregnet. Mücken reichen kleine Wasserlachen, um sich zu entwickeln. Sogar die typischen Überflutungsarten, die ihre Eier an kleinen Bächen und Wasserläufen ablegen, finden in den Städten gute Bedingungen vor. Das belegt auch unser Projekt "Mückenatlas", für den Bürger gefangene Mücken einschicken, die von uns bestimmt und eingetragen werden. 

ZEIT ONLINE: Der Mückenatlas entsteht aber erst seit April 2012. Gibt es schon Langzeitstudien, die zeigen, wie viele Mücken jährlich Deutschland befallen? Ist ein Trend erkennbar? 

Werner: Noch fehlen genau diese langfristigen Beobachtungen. Wir arbeiten hier am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung gerade daran. Mit Forschern vom Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit erfassen wir Stechmücken bundesweit, bestimmen die vorkommenden Arten, erstellen Verbreitungskarten und untersuchen, welche Rolle die Blutsauger bei der Übertragung von Krankheiten spielen. Um Mücken-Trends herauszulesen, reichen die Daten noch nicht.

ZEIT ONLINE: Wissen Sie denn, welche Arten gerade besonders häufig sind?

Werner: Die Überflutungsmücken, etwa Aedes vexans, sind derzeit vorherrschend. Sie gehören zu den aggressiveren Arten, die ihre Opfer ziemlich direkt anfliegt.

ZEIT ONLINE: Was macht die Viecher so angriffslustig?

Werner: Die Weibchen dieser auf Flutgebiete spezialisierten Arten haben es mit der Eiablage eilig. Sie müssen Nachkommen hervorbringen, bevor das Wasser der Schwemmgebiete verdunstet ist. Nur wenn die Population dann groß genug ist, überstehen ausreichend Mücken die Trockenzeit. Dieser Zeitdruck erklärt, weshalb diese Mücken so schnell es geht Blut saugen wollen. Ohne den eiweißreichen Energieschub können die Weibchen nämlich keine Eier bilden.

ZEIT ONLINE: Wie weit kann so eine Mücke eigentlich fliegen?

Werner: Normalerweise bleiben Stechmücken in der Nähe ihrer Bruthabitate, um dort selbst wieder Eier abzulegen. Es sei denn, sie finden keine Opfer, deren Blut sie saugen können. Dann schwärmen sie aus und überwinden dabei zum Teil einige Kilometer.

 ZEIT ONLINE: Wie lange geht das diesen Sommer noch so?

Werner: Wenn die warme und feuchte Witterung anhält, werden uns die Blutsauger wohl über den Sommer erhalten bleiben. Für die Forschung hat die aktuelle Plage auch Vorteile: Gerade jetzt können Bürger problemlos Mücken fangen und sie uns für den Mückenatlas ins Labor schicken. Aber bitte nur unversehrte Exemplare. Auf zur Mücken-Jagd!