"Auch während des Betriebs der Kraftwerke sollten seismische Messungen fortgeführt werden", sagt der BGR-Forscher. "Sobald die Stärke der Erdstöße einen Schwellenwert überschreitet, muss die Wasserzufuhr verringert oder ganz gestoppt werden." Wo der Schwellenwert anzusetzen ist, sollen Computermodelle ermitteln, die Wasserfluss und seismische Aktivität zusammenbringen.

Keine einfache Aufgabe, denn die Erfahrungen zeigen: Selbst wenn die Wasserinjektion sofort gestoppt wird, können noch Tage später größere Erschütterungen auftreten, weil der Untergrund Zeit braucht, um sich nach dem Hauptereignis "zurechtzuruckeln". Auch solche Effekte müssen in das Modell eingehen.

Mit entsprechender fachlicher Begleitung hält Bönnemann die Geothermie gleichwohl auch in Süddeutschland prinzipiell für machbar. "Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nicht geben", sagt er. "Damit muss man leben, wie in vielen anderen Lebensbereichen auch."

Sofern es überhaupt zum Dauerbetrieb kommt. Das Baseler Geothermie-Vorhaben ist beendet. Das Kraftwerk in Landau wird wegen der Bebengefahr nur mit verringerter Leistung betrieben und macht Verluste.

Aber auch andere menschliche Aktivitäten führen regelmäßig zu Erschütterungen. Die Förderung von Schiefergas in den USA steht dabei besonders im Fokus der Forscher. Um das Aufbrechen des Gesteins mittels Fracking sorgen sie sich weniger, wie William Ellsworth vom Geologischen Dienst der USA jetzt in Science schreibt. Dort würden nur selten Magnituden über 1 erreicht, was nur sensible Geräte wahrnehmen können. Gefährlicher erscheint es ihnen, wenn große Mengen verunreinigten Wassers in den Untergrund gepresst werden. Dort kann das Fluid wie ein Schmiermittel wirken und vorgespannte Bruchzonen aktivieren.

Das Hineinpressen von solchen Flüssigkeiten wird in den USA schon lange betrieben. Nach Ansicht von Forschern wurden dadurch mehrere Erdbeben der Magnitude 4 und größer ausgelöst, teilweise erst Jahre später und einige Kilometer vom Bohrloch entfernt. Dennoch sind das seltene Ausnahmen, angesichts von rund 140.000 Bohrungen, über die Fluide in die Tiefe gepumpt werden dürfen. Bei den meisten davon finden sich keine Anzeichen für eine erhöhte Erdbebentätigkeit.

Auch in Norddeutschland gibt es solche Versenkbohrungen, wo beispielsweise Wasser in alte Gaslagerstätten gepumpt wird. Erdbeben habe es dadurch aber noch nicht gegeben, sagt der BGR-Seismologe Bönnemann. Und doch werden – sehr selten – Erdstöße registriert. Einige davon sind natürlichen Ursprungs. Nachdem vor gut 10.000 Jahren das Eis verschwand, bewegt sich die Erdkruste langsam wieder nach oben, was immer wieder zu Erschütterungen führt.

Wird Gas gefördert, stürzt der Boden ein

"Manche Beben sind hingegen eine Folge der Gasförderung", sagt Manfred Joswig von der Universität Stuttgart, der menschgemachte Beben erforscht. Je mehr Gas aus dem Untergrund geholt werde, umso mehr sinke dieser ein. Bis zu einigen Dezimetern habe sich die Oberfläche in den Niederlanden gesenkt, in Deutschland etwas weniger, berichtet der Forscher. Auch dadurch entstehen Spannungen, die zu Erdbeben führen können. "Wahrscheinlich hatte das Magnitude-2,9-Beben im November 2012 bei Völkersen einen solchen Ursprung." Über Erdstöße der Magnitude 4,5 bei Rotenburg (Wümme) im Oktober 2004 streiten die Experten noch.

"Die Beben tragen kein Schild, auf dem steht, wodurch sie ausgelöst wurden", benennt Joswig das Dilemma seiner Zunft. Mit einer Vielzahl von Messdaten zu Erdbebentiefe und Wellenmustern versuchen sie das Rätsel zu lösen – was nicht immer gelingt. Die Gasförderung werde auch zukünftig den Boden zittern lassen, darauf müsse man sich einstellen, sagt er. "Bis Magnitude 3 ist durchaus möglich, aber das ist noch weit entfernt von Erschütterungen, die größere Schäden an Gebäuden anrichten." Ob auch stärkere Beben möglich sind, sei schwer zu sagen. "Völlig ausschließen kann man es jedenfalls nicht."

Erschienen im Tagesspiegel