Ozonloch-Entdecker Molina"Klimaforscher müssen lernen zu reden"

Es ist Nicht-Wissen, was Forscher antreibt. Nach außen klingt das leicht, als hätten sie keine Ahnung. Ozonloch-Entdecker Mario Molina über das Dilemma der Klimaforscher. von Christian Endt

Mario Molina Klimawandel Ozonloch Lindau Klimaforschung

Chemie-Nobelpreisträger und Ozonloch-Entdecker Mario Molina in Lindau am Bodensee  |  © Rolf Schultes/Lindau Nobel Meeting

ZEIT ONLINE: Herr Molina, Sie haben Ihren Chemie-Nobelpreis für die Erforschung des Ozonlochs erhalten. Bei diesem Umweltproblem wurden Erkenntnisse zügig in politische Maßnahmen umgesetzt. Beim Klimawandel hat das bisher nicht funktioniert. Was ist falsch gelaufen?

Mario Molina: Das Ozonloch-Problem war einfacher, weil nur wenige, große Chemieunternehmen beteiligt waren. Die haben zwar zunächst den Zusammenhang zwischen FCKWs und dem Ozonloch angezweifelt, aber als die Fakten zu stark wurden, hat die Industrie zügig Alternativen entwickelt. Die Klima- und Energiepolitik betrifft so viele Wirtschaftsbereiche, das macht es kompliziert. Und es gibt politische Gründe: Ironischerweise waren es beim Ozonloch die Republikaner, die das Thema in den USA vorangetrieben haben. Die Stimmung hat sich inzwischen geändert. Klimaschutz wird von diesen Leuten als staatliche Einmischung angesehen. Auch die Öl- und Kohleindustrie spielt natürlich eine Rolle.

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ZEIT ONLINE: In der Forschung besteht über den Klimawandel große Einigkeit. Dennoch haben die sogenannten Klimaskeptiker einen ungeheuren medialen und politischen Einfluss. Wie kann das sein?

Molina: Nur drei Prozent der Klimaforscher haben Zweifel am menschengemachten Klimawandel, aber in den USA tauchen ihre Ansichten in mehr als siebzig Prozent der Medienberichte zur Erderwärmung auf.

ZEIT ONLINE: Hat die Wissenschaft ihre Erkenntnisse schlecht kommuniziert?

Mario Molina

Mario José Molina wurde 1943 in Mexico City geboren. Er studierte in Mexiko City, Freiburg und Paris und machte 1972 seinen Doktor an der Berkeley University. Zwei Jahre später zeigte er, wie Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKWs) mit Ozon reagieren und so die Ozonschicht der Atmosphäre zerstören. Für diese Entdeckung wurde Molina 1995 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Molina lebt und arbeitet in San Diego und Mexiko City, wo er ein Zentrum für Energie- und Umweltforschung gegründet hat.

Molina: Wissenschaftler sind nicht darauf vorbereitet, sich an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen. Die Sprache der Wissenschaft ist zu kompliziert. Forscher formulieren meist sehr vorsichtig, dabei geht es bei offenen Fragen nur um Details. Auf Tagungen sprechen wir vor allem über die Dinge, die wir noch nicht wissen, denn die sind für die Forschung interessant. Außenstehende bekommen dann aber den Eindruck: Die haben ja gar keine Ahnung, wovon sie reden.

ZEIT ONLINE: Kürzlich wurde gemeldet, dass die Erwärmung der Atmosphäre in den letzten fünfzehn Jahren schwächer war als gedacht. Das verwirrt natürlich angesichts anderer alarmierender Meldungen.

Molina: Das ist vielleicht nur ein Zufall, der gar nichts zu bedeuten hat. Es gibt aber auch mögliche Erklärungen. Eine Theorie ist, dass die Tiefsee durch veränderte Meeresströmungen mehr Wärme aufnimmt. Das würde bedeuten, dass die Erwärmung der Atmosphäre nur aufgeschoben ist. Jedenfalls gibt es noch gewisse Unsicherheiten.

ZEIT ONLINE: Ein gefundenes Fressen für die Klimaskeptiker!

Molina: Wenn Sie eine Krebsdiagnose bekommen, sagt der Arzt doch auch nicht: Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Sie gesund sind, also gehen Sie nach Hause und entspannen Sie sich. Die Klimaskeptiker arbeiten mit Methoden, mit denen sie kein High-School-Examen bestehen würden. Wir reden hier nicht von unterschiedlichen Meinungen. Es ist auch keine akzeptable Meinung zu behaupten, die Stellung der Sterne würden unser Leben beeinflussen. Die Wissenschaft widerlegt das.

ZEIT ONLINE: Der Weltklimarat IPCC ist die renommierteste Institution der Klimawissenschaft. Doch gravierende Fehler in seinem letzten Bericht haben die Glaubwürdigkeit des Rates erschüttert.

Molina: Der IPCC ist eine Gruppe von Freiwilligen. Die dahinter stehende Verwaltung hat sehr wenige Mitarbeiter. Die Berichte werden geschrieben und ungeprüft veröffentlicht. Angesichts des Umfangs ist die Zahl der Fehler sehr gering. Ich war Mitglied einer Kommission, die sich Gedanken gemacht hat, wie solche Fehler in Zukunft vermieden werden können. Unsere Vorschläge wurden sehr ernst genommen.

Leserkommentare
  1. " Der IPCC ist eine Gruppe von Freiwilligen. Die dahinter stehende Verwaltung hat sehr wenige Mitarbeiter. Die Berichte werden geschrieben und ungeprüft veröffentlicht."

    Warum wird nicht über Nature publiziert?

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf haltlose Unterstellungen. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke, die Redaktion/au

    • Satire
    • 05. Juli 2013 20:49 Uhr

    ... in Nature etwas zu publizieren, was bereits in ordentlichen Zeitschriften veröffentlicht wurde. Zur Erinnerung: IPCC forscht nicht selbst sondern trägt die Ergebnisse der Forschung zusammen. Der Bericht ist eine umfangreiche und möglichst vollständige Literaturrecherche zum Thema und nur bereits begutachtete Ergebnisse ("reviewed papers") werden berücksichtigt.
    http://de.wikipedia.org/w...

    beziehen Sie sich auf den EINEN Fehler, der in einem 3000seitigen Bericht übersehen wurde? Die Sch¨¨lerzeitung, die das besser macht möchte ich mal sehen!

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf haltlose Unterstellungen. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke, die Redaktion/au

  3. Wenn der IPCC sehr wenige Mitarbeiter hat und ungeprüfte Berichte
    veröffentlicht, warum werden dann andere Meinungen konsequent
    unterdrückt, andersdenkende Wissenschaftler in die "inkompetende
    Ecke" gedrückt, entgegenstehende Berichte ignoriert oder nicht ver-
    öffentlicht ?? Wessen Werkzeug ist der IPCC ?

    4 Leserempfehlungen
    • Ron777
    • 05. Juli 2013 18:58 Uhr

    Ist es nicht genau andersherum? Werden wir nicht täglich dichtgeschüttet mit den wissenschaftlich oft nur spärlich unterlegten Alarmszenarien von Klimahysterikern? Dass der Klimawandel auch von Menschenhand gemacht wird, ist allen völlig klar. Doch die immensen Übertreibungen und Katastrophenszenarien lassen doch zweifeln.

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    "Werden wir nicht täglich dichtgeschüttet mit den wissenschaftlich oft nur spärlich unterlegten Alarmszenarien von Klimahysterikern?"

    Das mag vielleicht so rüberkommen wenn man nur die Mainstream-Presse liest, aber wenn man so liest, was tatsächliche Klimaforscher so forschen, dann gibt sich schon ein ziemlich anderes Bild.

    Zum Lesen empfehle ich http://realclimate.org - die geben auch immer ihre Quellen an, was es einfacher macht, ihre Argumente und Schlussfolgerungen nachzuziehen (was in den normalen Medien leider häufiger zu kurz kommt).

    • bvdl
    • 05. Juli 2013 19:00 Uhr

    Es ist genau umgekehrt: 90% der Veroeffentlichungen stressen den Klimawandel, stellen ihn als Fakt dar, rücken jeden, der seine Zweifel hat in eine seltsame Ecke. "Klimaskeptiker", "Klimaleugner", das sind die Totschlags-Begriffe mit der jeder, der nur irgendwie anderer Meinung ist, medial mundtot gemacht wird. Und "Climategate" hat ja wohl sehr klar gezeigt, dass die Beeinflussung und Verdrehung in eine andere Richtung geht. ich kann Ihnen die Frage beantworten Herr Molina, warum - obwohl ja "alle" irgendwie die Erklärung des Klimawandels unterstuetzen - das Thema inzwischen deutlich weniger Aufmerksamkeit findet: Die Leute sind der Beeinflussung überdrüssig. Sie lehnen immer mehr die Politisierung der Wissenschaft ab.

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    • RGFG
    • 05. Juli 2013 19:20 Uhr

    Nicht verstandene Physik. Falsche bzw. bewusst irreführende Statistik. Logische Widersprüche zuhauf. Übertreibungen a la "Climategate". Also in die 'seltsame Ecke' stellen sich die Zweifler schon selber rein

    Zudem: Die geäußerten Zweifel widersprechen sich teilweise massiv gegenseitig. Gar nicht so selten äußert ein und dieselbe Person Positionen, die sich gegenseitig ausschließen.

    Der Klassiker: Es gäbe keinen Treibehauseffekt, weil das gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik verstieße und außerdem seien die Absorptionsbande gesättigt und das Klima habe sich eh' immer geändert. Ich lasse Ihnen mal den Spaß, herauszufinden, warum die drei Sachen nicht zusammenpassen.

    Und dann wollen diese Leute ernst genommen werden...

    ...lediglich 3% der "Klimaforscher [haben] Zweifel am menschengemachten Klimawandel" haben, aber nur 90% der Berichte im den Medien den Klimawandel darstellen, sind damit die Klimazweifler immer noch 3-fach überrepräsentiert.
    Und dass viele Zweifler/Skeptiker sich in einer "Ecke" sehen, liegt wohl daran, dass sie ein elementares Prinzip naturwissenschaftlicher Methodik missachten: Es gibt in der Wissenschaft keine Beweise, sondern nur Falsifizierenden. Aber wenn eine Behauptung einmal falsifiziert wurde, darf kein Wissenschaftler, der weiterhin ernst genommen werden will, diese Behauptung immer und immer wieder wiederholen.

    • RGFG
    • 05. Juli 2013 19:20 Uhr

    Nicht verstandene Physik. Falsche bzw. bewusst irreführende Statistik. Logische Widersprüche zuhauf. Übertreibungen a la "Climategate". Also in die 'seltsame Ecke' stellen sich die Zweifler schon selber rein

    Zudem: Die geäußerten Zweifel widersprechen sich teilweise massiv gegenseitig. Gar nicht so selten äußert ein und dieselbe Person Positionen, die sich gegenseitig ausschließen.

    Der Klassiker: Es gäbe keinen Treibehauseffekt, weil das gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik verstieße und außerdem seien die Absorptionsbande gesättigt und das Klima habe sich eh' immer geändert. Ich lasse Ihnen mal den Spaß, herauszufinden, warum die drei Sachen nicht zusammenpassen.

    Und dann wollen diese Leute ernst genommen werden...

    14 Leserempfehlungen
  4. ...., wenn die Folgen des Menschgemachten Klimawandels für Jeden mehr als offensichtlich sein werden, wird man über die gegenwärtigen Skeptiker-Kommentare den Kopf schütteln wie man es heutzutage über die Veteidiger der Sklaverei als Wirtschaftsfaktor tut.

    8 Leserempfehlungen
  5. " in 50 Jahren... wenn die Folgen des Menschgemachten Klimawandels für Jeden mehr als offensichtlich sein werden"

    Der Klimawandel hat nachweislich bereits begonnen. In den letzten Jahrzehnten ist die Durchschnittstemperatur um 0,8 Grad gestiegen. Wir erwarten ncoh mindestens zwei Grad mehr. UND?

    Richtig ist, dass es wärmer geworden ist (und geworden sein wird). Falsch ist, dass dies katastrophale Folgen gehabt hätte. So fruchtbar wie dieses Jahr war es in Norddeutschland - ja, wann eigentlich? Ich kann mich nicht erinnern. aj

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    ... schmilzt, siehe Weltraumfotos auf Google. Deswegen ist viel kalte Feuchtigkeit in der Luft und beschert uns nasses, kaltes Wetter. Im Übrigen sind die Klima-Prognosen für Mitteleuropa super. Ich habe nicht vor das Rhein-Main-Gebiet zu verlassen.

    Im Übrigen muss Energie für den Phasenwechsel zwischen fest und flüssig aufgewendet werden. Deswegen die "Pause" der letzten Jahre.

    Der Haken an der Erwärmung für uns: Mehr Flüchtlinge als mein Computer zählen kann. Ich kann mich noch gut erinnern welche Panik die zwei, drei extra Flüchtlinge in den 90er Jahren ausgelöst haben. Und das stellen sie sich jetzt mal 10 vor.

    "Wir erwarten ncoh mindestens zwei Grad mehr. UND?"

    Sie übersehen einige Zusammenhänge. Der Nordpol erwärmt sich stärker als der Äquator. Die Temperaturdifferenz wird also kleiner, wodurch sich "unser" nördlicher Jetstream bereits um ca. 20% verlangsamt hat. Der Jetstream "moduliert" aber die Hoch- und Tiefdruckgebiete unter sich. Je langsamer der Jetstream wird, desto größer können die Druckgebiete werden.

    Das werden sie nicht irgendwann in der Zukunft, sondern jetzt schon. Das Riesen- Grönlandhoch, das im letzten Spätwinter über fast 2 Monate wie festgenagelt zwischen Westrussland und Nordamerika (!) lag und uns den langen Winter bescherte, war noch relativ harmlos. Man stelle sich ein Kontinentalhoch im Sommer vor, das sich 12 Wochen nicht vom Fleck rührt. Das ist absolut kein Spaß mehr, das sind brennende Wälder und Ernteausfälle.

    Im Sommer 2003 war ich mit Frau und Tochter Radwandern. Wir hatten kein Radio mit und wussten nicht, dass man die Wälder gar nicht mehr betreten durfte. Es knisterte und knackte überall und die Luft war so harzig, dass klar war, ein Funke reicht und wir kommen da nicht mehr raus. Das war schon ein Pulverfass, und wenn ich mir vorstelle, der Sommer wäre doppelt so lang und noch ein, zwei Handvoll Grad heißer gewesen- das wäre nicht gut gegangen.

    3° mehr im globalen Durchschnitt heißt nicht, dass es hier 30° sind statt 27, sondern dass die Abweichungen vom Mittel größer werden, und das können wir nicht zu oft hintereinander ertragen.

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