Frage: Frau Fischer, Sie erforschen den Ursprung von Kommunikation und Sprache. Seit wann sind Tiere überhaupt in der Lage, Laute von sich zu geben? Konnten bereits die Dinosaurier rufen?

Julia Fischer: Aber klar! Das weiß jeder, der Jurassic Park gesehen hat. Im Ernst: Die verschiedensten Tiere nutzen Laute. Natürlich Säuger, aber auch Fische oder Insekten. Meist geht es darum, den anderen zu etwas zu bewegen, im Sinne von Geh weg! oder Komm her! Lautäußerungen sind in jedem Falle nützlich und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Evolution sie bereits früh hervorgebracht hat.

Frage: Wie lässt sich das belegen? Es gibt schließlich keine fossilen Tonbänder.

Fischer: Nein, aber aus der Anatomie lässt sich ableiten, ob Urzeittiere Organe zur Lauterzeugung hatten. Eine andere Frage ist, ob sie diese auch nutzten. Das können wir nicht sicher sagen, aber es ist sehr wahrscheinlich.

Frage: Primaten – da nehmen wir jetzt mal den Menschen aus, der laut Definition auch dazugehört – können verschiedenste Laute von sich geben. Dennoch hätten sie keine Sprache, sagen Sie. Warum?

Fischer: Ihre Rufe erfüllen zwei Eigenschaften nicht, die wir als Anforderungen an Sprache stellen. Da sind zunächst Wörter. Das bedeutet, es muss einen willkürlichen Zusammenhang geben, also innerhalb einer Sprachgemeinschaft einigt man sich, dass ein bestimmtes Wort eine bestimmte Bedeutung hat. Und das muss gelernt werden. Man kann einen Tisch "Tisch" nennen oder ein Bett "Bett". Oder umgekehrt einen Tisch "Bett". Solange sich alle einig sind, ist das frei wählbar. Die zweite Anforderung ist Grammatik – dass wir Wörter in größere Einheiten zusammensetzen und damit neue Bedeutungen erzeugen. Das schaffen Primaten nicht.

Frage: Würde ihnen vielleicht etwas Training helfen?

Fischer: Das wurde jahrelang versucht, die Ergebnisse sind sehr bescheiden. Natürlich kann man große Menschenaffen dazu bringen, mit Symbolen zu kommunizieren oder eine Art Gebärdensprache zu nutzen. Aber sie wenden das in der Natur einfach nicht an, obwohl sie die Fähigkeit dafür haben.

Frage: Warum tun sie das nicht?

Fischer: Man vermutet, dass ihnen das Mitteilungsbedürfnis fehlt. Sie verstehen vermutlich gar nicht, dass sie eine eigene Erlebenswelt haben, die sie mit jemand anderem teilen wollen. Sie gehen wohl eher davon aus, dass alle in derselben Welt leben.