Normalerweise haben Säugetiere keine Lust auf Monogamie. Wie soll man ordentlich seine Gene streuen, wenn man sich auf einen Geschlechtspartner beschränken muss? Säuger-Weibchen sind lange schwanger und dann stillen sie ihre Jungen auch noch. Währenddessen gibt es für die Männchen keinen Sex. Also suchen sie sich andere Partnerinnen.

So lautet die Regel, doch es gibt Ausnahmen. Einige männliche Vertreter der Primaten und der Ordnung Carnivora, den säugenden Raubtiere, auch manche Paarhufer, bleiben der Mutter ihrer Jungen treu. Warum tun sie das, wenn es doch eigentlich ihre Fortpflanzungs-Rate senken müsste?

Biologen debattieren über dieses Phänomen seit Jahren. Nun sind zwei Studien dazu erschienen, einmal mehr mit widersprüchlichen Ergebnissen. Einig sind Wissenschaftler allerdings, welche Verhaltensweisen die Monogamie mit sich bringen und wie sie sich gegenseitig beeinflussen — nur grübeln sie, welche davon zuerst da war.

Der Partnerin treu zu bleiben, soll den Nachwuchs schützen, besonders vorm gefürchteten Kindsmord. In vielen Arten töten die Männchen die Jungen anderer Männchen, damit die Weibchen früher mit dem Stillen aufhören und wieder auf dem Paarungsmarkt sind. Die andere These lautet, dass die Weibchen die oft pelzigen Hosen anhaben, wenn es um die Wahl des Wohnorts geht. Bei Arten, die sich an nahrhafteres, aber seltenes Futter wie bestimmte Früchte oder Fleisch gewöhnt haben, leben die Weibchen zunächst allein und verteidigen ihre Futterquelle gegen andere. Dieses Revier ist meist recht groß. Allein deswegen hätten Männchen ein Problem über weite Strecken hinweg mehrere Weibchen zu beglücken. Der Konkurrenzkampf mit Nebenbuhlern um die Damenwelt wäre zu strapaziös. In der Not bleibt der Mann monogam.

Monogame Arten waren vorher Einzelgänger

Letztere Variante ist nach einer Studie von Dieter Lukas und T. H. Clutton-Brock, die das Magazin Science veröffentlicht hat, eher der Grund für Monogamie. Die beiden Zoologen der Uni von Cambridge haben anhand eines artenübergreifenden Stammbaums mehr als 2.500 Spezies untersucht. Dabei konnten sie feststellen, welche Arten gegenüber nahen Verwandten und Vorfahren neue Verhaltensmuster entwickelten und wann die jeweilige Spezies mit dem Leben in Paaren begann.

Von 61 Übergängen, die die Zoologen näher untersuchten, hatten 60 Arten in der vorigen Evolutionsstufe Einzelgänger hervorgebracht. "Das am weitesten verbreitete System bei Säugetieren funktioniert wie unter Tigern", sagt Lukas im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Ein dominantes Männchen verteidigt mehrere benachbarte Reviere von Weibchen gegen andere Männchen." Solange sich die Streifgebiete der Weibchen überlappen, da Weibchen zu unterschiedlichen Zeitpunkten die gleichen Futterquellen aufsuchen, sei es für den Tiger noch zu schaffen, andere Geschlechtspartner fern zu halten. "Bei solitären Weibchen, die ihr Territorium und ihre Nahrung erfolgreich für sich beanspruchen, hilft aber oft nur soziale Monogamie."

Dieses Konzept bedeutet keineswegs, dass die Tiere nicht fremdgehen. Peter Kappeler, Professor für Soziobiologie und Anthropologie an der Universität Göttingen und Leiter der Abteilung Verhaltensökonomie und Soziobiologie am Deutschen Primatenzentrum, hält den Begriff sowieso für unscharf. "Paarleben beschreibt nur, wer mit wem lebt. Es sagt erstmal nicht, wer sich mit wem paart und schon gar nicht, wer sich mit wem Nachwuchs zeugt." Sozial monogame Tiere würden tatsächlich sehr eng zusammen leben, ihr Territorium verteidigen und ihre Aktivitäten miteinander koordinieren. Aber sogenannte "Extra-Paar-Aktivitäten" mit in der Nähe lebenden Artgenossen seien trotzdem häufig.