Ein Gemisch aus Öl und Sand tritt unkontrolliert an der Primrose-Förderstelle in Alberta zu Tage – Absperrnetze sollen Tiere abhalten. Aus Sanden wird hier Öl gewonnen, was nun zu einer Havarie geführt hat. © Dan Riedlhuber/Reuters

Kanadas Urwälder bergen einen zwiespältigen Schatz. Direkt unter dem Erdboden finden sich große Mengen Ölsande, die ausgepresst und zu Rohöl verarbeitet werden. Seit Jahren protestieren Umweltverbände gegen die aufwendige und umweltschädliche Ausbeutung.

Jetzt hat das Problem eine neue Dimension bekommen: Seit Ende Mai, da wurde das Leck nach Angaben der Förderfirma CNRL entdeckt, sickert der Stoff an einer Förderstelle in der kanadischen Provinz Alberta unkontrolliert an die Oberfläche. Er verschmutzt den Urwald – und niemand scheint in der Lage zu sein, das Leck zu stopfen.

1,27 Millionen Liter Bitumen wurden nach Angaben der Energie-Regulierungsbehörde Albertas (AER) inzwischen geborgen, seit die vier Lecks an der Primrose-Förderstelle entdeckt wurden. Mindestens 20 Hektar Land sind insgesamt betroffen, tausende Tonnen verschmutzter Erde mussten abtransportiert werden. Die Ölverschmutzung hat bislang zwei Biber, 31 Vögel, 82 Amphibien und 31 kleinere Säugetiere getötet. Nach Behördenangaben bestehe keine unmittelbare Gesundheitsgefahr für die Menschen in der Umgebung. Die Auswirkungen auf das Grundwasser im Gebiet werden derzeit untersucht. Ergebnisse stehen noch aus.

Obwohl das fördernde Unternehmen, Canadian Natural Ressources Limited (CNRL), vor kurzem erklärt hat, die Lecks seien gesichert, sagt ein Sprecher der Regulierungsbehörde, dass weiterhin Öl aus den Lecks austritt. "Die Bitumen-Emulsion sickert weiter an allen vier Stellen an die Oberfläche", sagt AER-Sprecher Bob Curran.

Umweltschützer demonstrieren gegen das Prinzip der Ölsand-Ausbeutung

Dass die beteiligten Firmen nicht in der Lage zu sein scheinen, eine Umweltverschmutzung in dieser Dimension zu stoppen, hat einen einfachen Grund: Die Ursache für die Lecks ist noch nicht gefunden, obwohl CNRL und kanadische Behörden den Schaden gemeinsam untersuchen. "Canadian Natural glaubt, dass ein mechanischer Defekt" am Bohrgerät der Grund für das Sickern der Bitumen-Emulsion ist, sagte eine Sprecherin des Unternehmens am Dienstag. Es werde aber weiter überwacht und untersucht.

AER-Sprecher Curran kündigte einen öffentlichen Report zu der Frage der Unglücksursache an, aber noch sei man nicht so weit. Ein Sprecher der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Kanada weist darauf hin, dass es schon 2009 einen ähnlichen Vorfall an einer Förderstelle des Unternehmens gegeben habe, damals war auch angenommen worden, dass ein mechanischer Defekt die Ursache war. "Nach einer vier Jahre dauernden Untersuchung ist die Regulierungsbehörde jedoch nicht zu diesem Schluss gekommen", berichtet Hudema. Vielmehr sei es wahrscheinlich, so die Schlussfolgerung in dem alten Fall, dass die Lecks etwas mit der weichen Beschaffenheit des Bodens und dem Druck des eingepressten Wasserdampfs zu tun hätten.

Teer- oder Ölsand lässt sich auf zwei Arten abbauen. Entweder im Tagebau, dabei wird die bis zu 30 Meter dicke Deckschicht aus Erde abgetragen, mit entsprechendem Schaden für die Natur. Die zweite Möglichkeit ähnelt dem Fracking-Verfahren: Bohrer werden in die Erde getrieben, dann werden dicke Rohre eingelassen. Durch sie wird dann Wasserdampf unter hohem Druck eingepresst. Der Dampf verflüssigt das Bitumen und treibt es an einer Austrittsstelle an die Oberfläche. 

Diese Methode hat CNRL im Primrose-Förderfeld eingesetzt. Die Firma versichert jetzt, man habe das Verfahren modifiziert, um nicht weiteren Schaden anzurichten. Die Regulierungsbehörde AER hat das Unternehmen CNRL zudem verpflichtet, die Dampfeinleitung zu reduzieren und besser zu überwachen.

Wann genau die Ölverschmutzung begonnen hat, ist nicht klar. Im Juli gab es vor Ort erste Berichte über die Lecks, sie sollen seit dem 20. Mai aufgetreten sein. Möglicherweise, sagen Umweltschützer, hat aber die Schneedecke ein Einsickern lange Zeit verborgen. Die Verschmutzung befeuert Debatten um die umstrittene Fördermethode weiter.

20 kanadische Umweltverbände haben in der vergangenen Woche protestiert und eine Untersuchung der Dampfeinleitung zur Ölgewinnung durch die Regierung gefordert. Andererseits bietet die boomende Ölsand-Industrie in Kanada tausende neuer Jobs.

Das in Kanada gewonnene Öl wird in langen Pipelines in die USA transportiert. Derzeit steht eine Entscheidung über die Baugenehmigung für einen Pipeline-Abschnitt durch die Regierung von Präsident Barack Obama aus.

Erschienen im Tagesspiegel