UmweltverschmutzungSeit Monaten durchsetzt giftiges Öl Kanadas Waldböden

Außer Kontrolle: In Alberta leckt eine Förderstelle von Ölsanden seit Monaten und gefährdet die artenreichen Urwälder. Die Bohrfirma ist mit der Havarie überfordert. von Barbara Junge

Ölpest Kanada Ölsande Urwald Alberta Leck

Ein Gemisch aus Öl und Sand tritt unkontrolliert an der Primrose-Förderstelle in Alberta zu Tage – Absperrnetze sollen Tiere abhalten. Aus Sanden wird hier Öl gewonnen, was nun zu einer Havarie geführt hat.  |  © Dan Riedlhuber/Reuters

Kanadas Urwälder bergen einen zwiespältigen Schatz. Direkt unter dem Erdboden finden sich große Mengen Ölsande, die ausgepresst und zu Rohöl verarbeitet werden. Seit Jahren protestieren Umweltverbände gegen die aufwendige und umweltschädliche Ausbeutung.

Jetzt hat das Problem eine neue Dimension bekommen: Seit Ende Mai, da wurde das Leck nach Angaben der Förderfirma CNRL entdeckt, sickert der Stoff an einer Förderstelle in der kanadischen Provinz Alberta unkontrolliert an die Oberfläche. Er verschmutzt den Urwald – und niemand scheint in der Lage zu sein, das Leck zu stopfen.

Anzeige

1,27 Millionen Liter Bitumen wurden nach Angaben der Energie-Regulierungsbehörde Albertas (AER) inzwischen geborgen, seit die vier Lecks an der Primrose-Förderstelle entdeckt wurden. Mindestens 20 Hektar Land sind insgesamt betroffen, tausende Tonnen verschmutzter Erde mussten abtransportiert werden. Die Ölverschmutzung hat bislang zwei Biber, 31 Vögel, 82 Amphibien und 31 kleinere Säugetiere getötet. Nach Behördenangaben bestehe keine unmittelbare Gesundheitsgefahr für die Menschen in der Umgebung. Die Auswirkungen auf das Grundwasser im Gebiet werden derzeit untersucht. Ergebnisse stehen noch aus.

Obwohl das fördernde Unternehmen, Canadian Natural Ressources Limited (CNRL), vor kurzem erklärt hat, die Lecks seien gesichert, sagt ein Sprecher der Regulierungsbehörde, dass weiterhin Öl aus den Lecks austritt. "Die Bitumen-Emulsion sickert weiter an allen vier Stellen an die Oberfläche", sagt AER-Sprecher Bob Curran.

Umweltschützer demonstrieren gegen das Prinzip der Ölsand-Ausbeutung

Dass die beteiligten Firmen nicht in der Lage zu sein scheinen, eine Umweltverschmutzung in dieser Dimension zu stoppen, hat einen einfachen Grund: Die Ursache für die Lecks ist noch nicht gefunden, obwohl CNRL und kanadische Behörden den Schaden gemeinsam untersuchen. "Canadian Natural glaubt, dass ein mechanischer Defekt" am Bohrgerät der Grund für das Sickern der Bitumen-Emulsion ist, sagte eine Sprecherin des Unternehmens am Dienstag. Es werde aber weiter überwacht und untersucht.

AER-Sprecher Curran kündigte einen öffentlichen Report zu der Frage der Unglücksursache an, aber noch sei man nicht so weit. Ein Sprecher der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Kanada weist darauf hin, dass es schon 2009 einen ähnlichen Vorfall an einer Förderstelle des Unternehmens gegeben habe, damals war auch angenommen worden, dass ein mechanischer Defekt die Ursache war. "Nach einer vier Jahre dauernden Untersuchung ist die Regulierungsbehörde jedoch nicht zu diesem Schluss gekommen", berichtet Hudema. Vielmehr sei es wahrscheinlich, so die Schlussfolgerung in dem alten Fall, dass die Lecks etwas mit der weichen Beschaffenheit des Bodens und dem Druck des eingepressten Wasserdampfs zu tun hätten.

Teer- oder Ölsand lässt sich auf zwei Arten abbauen. Entweder im Tagebau, dabei wird die bis zu 30 Meter dicke Deckschicht aus Erde abgetragen, mit entsprechendem Schaden für die Natur. Die zweite Möglichkeit ähnelt dem Fracking-Verfahren: Bohrer werden in die Erde getrieben, dann werden dicke Rohre eingelassen. Durch sie wird dann Wasserdampf unter hohem Druck eingepresst. Der Dampf verflüssigt das Bitumen und treibt es an einer Austrittsstelle an die Oberfläche. 

Diese Methode hat CNRL im Primrose-Förderfeld eingesetzt. Die Firma versichert jetzt, man habe das Verfahren modifiziert, um nicht weiteren Schaden anzurichten. Die Regulierungsbehörde AER hat das Unternehmen CNRL zudem verpflichtet, die Dampfeinleitung zu reduzieren und besser zu überwachen.

Wann genau die Ölverschmutzung begonnen hat, ist nicht klar. Im Juli gab es vor Ort erste Berichte über die Lecks, sie sollen seit dem 20. Mai aufgetreten sein. Möglicherweise, sagen Umweltschützer, hat aber die Schneedecke ein Einsickern lange Zeit verborgen. Die Verschmutzung befeuert Debatten um die umstrittene Fördermethode weiter.

20 kanadische Umweltverbände haben in der vergangenen Woche protestiert und eine Untersuchung der Dampfeinleitung zur Ölgewinnung durch die Regierung gefordert. Andererseits bietet die boomende Ölsand-Industrie in Kanada tausende neuer Jobs.

Das in Kanada gewonnene Öl wird in langen Pipelines in die USA transportiert. Derzeit steht eine Entscheidung über die Baugenehmigung für einen Pipeline-Abschnitt durch die Regierung von Präsident Barack Obama aus.

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Die Ölverschmutzung hat bislang zwei Biber ... getötet.

    Liebe Authorin, ich habe den Text gelesen, er ist sehr informativ, danke, nur die Überschrift sowie den Einleitungssatz wirk stark übertrieben, vielleicht sollte man ein wenig umformulieren, von

    " ... und gefährdet die artenreichen Urwälder" in "gefährdet ein Stückchen Wald".

    Im Ihrem Text wird von 20 Hektar berichtet. Kanada hat immerhin mehr als 900 Millionen Hektar Fläche, davon sind 70% naturbelassen, und die Hälfte aller Wälder sind Urwälder (vermutlich artenreich). aj

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • spacko
    • 22. August 2013 22:52 Uhr

    Es geht schließlich darum, gegen Fracking Stimmung zu machen, und dafür ist jedes Mittel recht. Nordamerikas Wälder sind bedroht, drei Biber tot, potzblitz!
    Naja, immerhin findet die Blase ab #4 noch dankbare Abnehmer.
    Ich weiß nicht, ob Fracking so toll ist oder nicht, aber mit derartig offen tendenziösen Artikeln verhindert man jede sachliche Auseinandersetzung.

    ...was die 20 ha angeht hätten sie ja ein Stück weit recht, aber einen Teil des Artikels haben sie einfach in ihrem Kommentar ignoriert, vermutlich weil ihre Argumentation darunter gelitten hätte.
    Woher wissen sie z.B. das es nur 20 ha sind? Im Artikel steht mindestens. Es könnten auch 40 oder 100 ha sein.
    Auch haben sie die austehenden Ergebnisse der Grundwasser Untersuchung ignoriert. Ist das Grundwasser betroffen, dehnt sich automatisch das betroffene Gebiet aus und der Schaden wird größer.

    Das sind meine rein Sachlichen Einwände.

    Jetzt ein logischer. Gehen wir davon aus, das "nur" 20 ha betroffen sind. Ist das wirklich halb so schlimm? Die Tatsache das sie 20 ha als absolut verschmertzbar ansehen, ist ziemlich bedauerlich. Mal abgesehen vom wirtschaftlichen Schaden, ist es ja nicht so das wir Weltweit dieses Jahr unsere ersten 20 ha vergiftet haben.
    Folgt man ihrer Argumentation verliert man aus den Augen, das es weltweit viele Orte gibt, denen wir auf dauer schaden zufügen. Dadurch summiert sich die betroffene Fläche logischerweise.

    Wer tatsächlich glaubt es gäbe genug Platz auf dieser Welt, das man 20 ha locker verschmerzen kann, darf sich nicht wundern wenn die Summe seines desintresses letzen endes zu einem Kollaps führt.

    Also unabhängig wieviel Wald es in Kanada gibt. Die Devise sollten lauten, wer den Pfennig nicht ehrt...oder besser...wer das stückchen Wald nicht ehrt, ist des Urwalds nicht wert. So oder sop ähnlich ;)

    MfG

  2. Wo ist denn das Gift. Ölsand ist alles ander als flüssig. Der ist sehr zähflüssig. auch das Bitumen ist sehr zähflüssig. Das vermischt sich nicht von Natur aus mit Wasser sondern nur mit heißem Wasserdampf.

    Wenn die Sache abkühlt, trennt es sich vonn allein. Das Wasser ist dann verdreckt aber nicht giftig.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • derrr
    • 22. August 2013 22:57 Uhr

    Naja ich vermute mal, dass kein aufgereinigtes Bitumen vorliegt, sondern eben zähflüssiges Rohöl. Dann sind eben noch die ganzen niedermolekularen Bestandteile drin und die werden halt im Wasser geloest.

  3. Wie mein Vorredner bereits angedeutet hat, sind Verschmutzungen auf 20 ha ein wahrlich bescheidenes Ausmaß für eine derart weit gereiste Meldung. Erst recht, wenn man die Relation zieht zu den Zuständen entlang sibirischer Pipelines, durch die wir übrigens direkt Öl beziehen (http://www.spiegel.de/wir...) Wer regt sich darüber groß auf?

    Im Übrigen wirken die 20 ha erst recht winzig, wenn man mal die Umweltauswirkungen der deutschen Biogasanlagen dagegen hält: Für gut 4.000 Anlagen zum Betrieb mit nachwachsenden Rohstoffen (Mais) werden hierzulande satte 760.000 ha(!!!) Landwirtschaftsfläche belegt (http://www.biogaswissen.de/) und hierfür jährlich mit vielen Tonnen Insektiziden und Pestiziden überzogen. Wie viele Säugetiere, Amphibien oder Insekten werden wohl dadurch im gleichen Zeitraum getötet worden sein?

    5 Leserempfehlungen
    • Sandale
    • 22. August 2013 22:21 Uhr

    Für den schnellen Dollar stehen viele sofort auf der Matte.

    Der Elan erliegt, wenn's ans Aufräumen geht.

    Fracking hört sich nicht nur Sch... an - es ist Sch...

    4 Leserempfehlungen
  4. gefährdet Mensch und Umwelt. Bereits vor Jahren gab es eine Doku in der die rücksichtslose Förderung bzw. Aufbereitung von Ölsand zu Rohöl gezeigt wurde. Gifte gelangen ins Grundwasser und gefährden Fische in Flüssen und Seen. Anomalien bei Fischen sind bereits nachgewiesen worden. Den Menschen die mit und von der Natur leben, wird somit die Lebensgrundlage entzogen. Sie sind dann gezwungen ihre Heimat zu verlassen nur damit geldgierige Ölkonzerne noch mehr Geld scheffeln können. Der Staat steckt den Kopf in den Ölsand bzw. sieht dabei zu, denn auch er gehört zu den Nutzniessern dieser Verfahrensweise zur Ölgewinnung.

    2 Leserempfehlungen
    • spacko
    • 22. August 2013 22:52 Uhr

    Es geht schließlich darum, gegen Fracking Stimmung zu machen, und dafür ist jedes Mittel recht. Nordamerikas Wälder sind bedroht, drei Biber tot, potzblitz!
    Naja, immerhin findet die Blase ab #4 noch dankbare Abnehmer.
    Ich weiß nicht, ob Fracking so toll ist oder nicht, aber mit derartig offen tendenziösen Artikeln verhindert man jede sachliche Auseinandersetzung.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Sandale
    • 22. August 2013 22:58 Uhr

    Fracking ist vieles, aber niemals gut für die Natur, da sind sich eigentlich alle einig.

    Die normale Zerstörung, die damit einhergeht, finden einige vertretbar, aber solche Disaster, dass geht ja gar nicht. da gehen auch den Unverfrorensten die Ausreden aus.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgangston. Danke, die Redaktion/jk

    Für mehr Fracking in der Nachbarschaft!

    • derrr
    • 22. August 2013 22:57 Uhr

    Naja ich vermute mal, dass kein aufgereinigtes Bitumen vorliegt, sondern eben zähflüssiges Rohöl. Dann sind eben noch die ganzen niedermolekularen Bestandteile drin und die werden halt im Wasser geloest.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Gift ......"
    • Sandale
    • 22. August 2013 22:58 Uhr
    8. [...]

    Fracking ist vieles, aber niemals gut für die Natur, da sind sich eigentlich alle einig.

    Die normale Zerstörung, die damit einhergeht, finden einige vertretbar, aber solche Disaster, dass geht ja gar nicht. da gehen auch den Unverfrorensten die Ausreden aus.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgangston. Danke, die Redaktion/jk

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Propaganda"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Greenpeace | Umweltverschmutzung | Kanada | Pipeline | Säugetier | Kanada
Service