Seit Wochen werden die Nachrichten aus Fukushima beängstigender. Vergangene Woche meldete die Atomregulierungsbehörde, dass neben einem der Auffangtanks, in die das Kühlwasser für den havarierten Atomreaktor abfließt, extrem hohe Strahlenwerte gemessen wurden. Der Höchstwert betrug 2.200 Millisievert pro Stunde. Kurz zuvor hatten Experten an anderer Stelle den bisherigen Höchstwert an Strahlung gemessen  – 1.800 Millisievert. Setzt sich ein Mensch ohne Schutzkleidung einem solchen Ausmaß radioaktiver Strahlung aus, hieß es, würde er binnen einiger Stunden sterben.

Tepco, die Betreiberfirma der Atomanlage, wird immer wieder mit dem Vorwurf der Intransparenz konfrontiert. Wie sieht der Alltag auf der Kraftwerksanlage wirklich aus? Ein vollständiges Bild ist kaum zu zeichnen.

Wenn unbequeme Nachrichten doch herausgegeben werden, stellen sich diese nicht selten als Verharmlosungen heraus. Längst muss man sich auch sorgen, wie groß die Gefahr für jene Menschen ist, die auf dem Komplex im Nordosten Japans arbeiten müssen. Die Meldungen sind besorgniserregend. Einzelfälle, hartnäckige Gerüchte und Geständnisse von Unternehmensseite lassen erahnen, dass das, was bisher ans Licht getreten ist, nur die Spitze des Eisbergs ist.

"Die Sicherheit der Arbeiter war bei Tepco nie die Priorität", sagt Majia Nadesan, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Arizona State University. Seit den Kernschmelzen im März 2011 untersucht Nadesan das Krisenmanagement in Fukushima, sieht sich täglich die Kamerabilder der Anlage an, sammelt alle möglichen Informationen. In ihrem Buch Fukushima and the Privatisation of Risk beschreibt die US-Forscherin, basierend auf Berichten von Medien und offiziellen Stellungnahmen, wie sich die Situation seit Beginn der Krise entwickelt hat.

Eine Passage liest sich wie folgt: "An den ersten Tagen erhielten die Arbeiter keine Dosimeter, um die Strahlung zu messen, der sie ausgesetzt waren. Das von den Arbeitern genutzte Kontrollzentrum stellte sich nach und nach selbst als verseucht heraus, wodurch möglicherweise Tausende Arbeiter radioaktive Partikel aufgenommen haben. Ein Arbeiter watete durch radioaktives Wasser und wurde verbrannt, weil er nicht den nötigen Schutz trug. Arbeiter waren nicht verpflichtet, wasserfeste Schutzkleidung zu tragen, obwohl bekannt ist, dass durch Regenwasser auch radioaktive Verschmutzung aus der Luft auf den Boden gelangt."

Mangelnde Aufklärung für freiwillige Helfer

Immer wieder ist zu vernehmen, dass freiwillige Arbeitskräfte, die sich zu bezahlten Aufräumarbeiten bei Tepco meldeten, kaum darüber informiert wurden, welchen Job sie genau erledigen sollten und welche Gefahren damit verbunden waren. Das scheint sich bis jetzt nicht maßgeblich geändert zu haben. Erst im Juli dieses Jahres wurden wieder entsprechende Äußerungen gemacht, nachdem Tepco gestanden hatte, dass bei 1.973 Arbeitern die als sicher angesehene Strahlenbelastung von 100 Millisievert überschritten worden war.

Dieses Ergebnis kam erst zustande, nachdem unter anderem Japans Gesundheitsministerium einer vorigen Analyse nicht getraut hatte. Im vergangenen Dezember hatte Tepco denn schon einmal seine Angestellten und Hilfskräfte auf Strahlung untersucht, um diese Daten auch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorzulegen. Asahi Shimbun, eine der auflagenstärksten Tageszeitungen der Welt, berichtet, dass Tepco die Stichprobe der Untersuchung aber bewusst gering hielt, als sich herausstellte, dass die WHO die Daten veröffentlichen wollte. So analysierte Tepco im Dezember nur 522 Arbeitskräfte, 178 davon hatten Strahlenwerte jenseits der 100 Millisievert. Sieben Monate später stellte sich nun heraus, dass die eigentliche Anzahl mindestens zehnmal so hoch liegt.