Frage: Frau Marshall, das Magazin National Geographic hat Sie in diesem Jahr mit der Auszeichnung "Emerging Explorer" geehrt. Junge Wissenschaftler, Fotografen oder Naturschützer erhalten diesen Titel als Anerkennung für herausragende Leistungen. Warum hat man Sie ausgesucht?

Andrea Marshall: Zum einen wegen meiner Forschung. Als ich vor rund zehn Jahren anfing, Mantarochen zu studieren, wusste man so gut wie nichts über die Tiere. Zum anderen wegen meiner Bemühungen, sie zu schützen. Ich war maßgeblich daran beteiligt, dass Mantarochen dieses Jahr im Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES gelistet wurden. Und ich engagiere mich in Mosambik: Ich habe dort die MMF-Stiftung (Marine Megafauna Foundation) gegründet, und wir erforschen auch Walhaie und Schildkröten. Langfristig wollen wir 300 Kilometer Küste zu einem Meeresreservat machen. Damit das nachhaltig ist, binden wir Einheimische ein, die Überwachung der Küste mit Drohnen ist angedacht.

Frage: Wie kamen Sie dazu, Mantarochen zu erforschen?

Marshall: Seit ich denken kann, wollte ich Haie erforschen. Nach dem Abschluss meines Studiums fuhr ich nach Mosambik, ein Freund von mir hatte mir die Tauchgründe dort empfohlen. Ich traf auf eine ungeheuer reiche Unterwasserwelt und eine der größten Mantarochenpopulationen überhaupt. Bei jedem Tauchgang begegnete ich Mantarochen. Über ihre Biologie war damals kaum etwas bekannt – eine Riesenchance für mich, zumal ich mich auf Anhieb in die Tiere verliebt hatte. Mein Doktorvater willigte allerdings erst einmal nicht ein: Er wollte mich mit 22 Jahren nicht in Mosambik, einem der ärmsten afrikanischen Länder, promovieren lassen. Also startete ich auf eigene Faust eine Pilotstudie.

Frage: Was ist so besonders an diesen Fischen?

Marshall: Sie haben das größte Gehirn aller Fische. Vielleicht verhalten sie sich deswegen nicht wie Fische, eher wie Meeressäuger. Sie schauen einen an, sind neugierig, verspielt, sie interagieren mit Tauchern. Und sie sind so anmutig – sie fliegen durchs Wasser. Ich bin mit Hunderten von ihnen geschwommen und bin jedes Mal aufs Neue hingerissen.

Frage: Sie entdeckten, dass es nicht nur eine, sondern zwei Mantarochenarten gibt. Die BBC hat darüber sogar den Film Queen of Mantas gedreht. Wie gelang es Ihnen, die zwei Arten wissenschaftlich nachzuweisen?

Erschienen auf spektrum.de © Screenshot ZEIT ONLINE

Marshall: Mit einer Portion Glück und mehreren Jahren harter Arbeit. Ich hatte schnell erkannt, dass man Mantarochen anhand ihres individuellen Fleckenmusters an der Unterseite identifizieren kann. Dazu fotografierte ich jeden Fisch, dem ich begegnete, und legte eine Datenbank an. Auf diese Weise haben wir 950 Fische in Mosambik identifiziert. Irgendwann fiel mir auf, dass manche der Tiere größer und dunkler waren, dass sie mit den kleineren Mantas nicht interagierten und vor allem, dass sie viel seltener waren als die Kleineren. Ich erzählte Kollegen von meiner Hypothese, wurde aber nicht ernst genommen, um nicht zu sagen ausgelacht. Es dauerte gut sechs Jahre, um ausreichend Daten zu sammeln – Verhaltensbeobachtungen, genetische Proben und morphologische Unterschiede. 2010 bewies ich, dass zwei Mantarochen existieren: Der Riesenmantarochen (Manta birostris) und der kleinere Riffmantarochen (Manta alfredi). Glück hatte ich insofern, dass sich die Verbreitungsgebiete der beiden Arten nur extrem selten überlappen. Mosambik ist einer dieser wenigen Orte, wo beide gesichtet werden können.

Frage: Warum gibt es gerade in Mosambik so viele Mantarochen?

Marshall: Der Küstenabschnitt im Süden ist reich an Plankton und zieht deswegen besonders viele Planktonfresser an: Walhaie und Mantarochen.

Frage: Sie waren der erste Mensch, der die Balz dieser Fische beobachtet hat. Können Sie sie beschreiben?

Marshall: Es ist wie ein Unterwasserballett. Einem Weibchen folgen bis zu 20 Männchen. Schwimmt das Weibchen nach links, schwimmen die Männchen nach links, eines nach dem anderen, kippt es nach rechts, kippen sie nach rechts. Das kann mehrere Stunden dauern. Das Weibchen wählt schließlich einen Freier aus – ihre Kriterien konnte ich bislang allerdings nicht eruieren – und paart sich mit ihm.