Grindwalstrandung : Schlachtfest am Strand

Kürzlich strandeten 20 Grindwale in der Nähe eines Fischerdorfes an der Küste Islands. Haben die Dorfbewohner wirklich versucht, die Tiere zu retten?

Ich bin Biologe und arbeite zurzeit als Führer für Walbeobachtungen auf Island. Am 7. September erhielt ich von einer Bekannten die Nachricht, etwa 70 Grindwale hätten sich in den Hafen von Rif verirrt, ein kleines Fischerdorf auf der Halbinsel Snæfellsnes. Sie sprach vom Versuch der Anwohner, die Wale wieder auf die freie See zu leiten. Ein Unwetter habe die Rettung aber unmöglich gemacht. Ich wollte mir selbst ein Bild von der Situation machen und fuhr am folgenden Tag zusammen mit drei Freunden nach Rif.

Wir wussten nicht, was uns erwarten würde. Waren einige der Tiere vielleicht noch am Leben? Würden wir mithelfen können, sie zu retten? Der Anblick in Rif war ernüchternd: Im Hafenbecken trieben ungefähr zehn tote Grindwale, weitere zehn Kadaver lagen am Strand – oder vielmehr das, was von ihnen übrig war. Etliche Menschen waren mit Geländewagen und Kleintransportern gekommen, um den Tieren das Fleisch vom Körper zu schneiden. Es war wie in einem makaberen Selbstbedienungsladen. Jeder versuchte, sich ein gutes Stück Fleisch zu sichern. Dazwischen spielten Kinder und bohrten Stöckchen in die toten Leiber. Alle waren bester Laune. Ein Mann setzte mit seinem Wagen zurück und fuhr dabei über eines der Tiere – unter dem Gejohle der Zuschauer.

Mir fiel auf, dass viele Wale durchgeschnittene Kehlen hatten. Außerdem wiesen einige Rückenflossen daumengroße Löcher auf, als wären die Tiere mit einem Haken bewegt worden. Was war hier passiert? Hatten die Dorfbewohner tatsächlich versucht, die Tiere zu retten, oder hatten sie gar nachgeholfen, um schneller an das Fleisch zu kommen? Zumindest hatten sie nicht lange gezögert und auch vor einem wenige Wochen alten Kalb nicht Halt gemacht. Die Kehlschnitte konnten zwar auch dazu gedient haben, die Wale von ihrer Qual zu erlösen. Die Menschen am Strand ließen jedoch keinerlei Bedauern über den Tod der Tiere erkennen.

In den folgenden Tagen wurden in der isländischen Presse kritische Stimmen laut.
Einige der Tiere könnten noch gelebt haben, als ihnen das Fleisch vom Leib geschnitten wurde. Nur ein Tierarzt hätte das Recht gehabt, über das Schicksal der gestrandeten Wale zu entscheiden. Aus diesem Grund laufen nun Ermittlungen. Auch gesundheitlich ist der Verzehr des potenziell mit Schwermetallen belasteten Fleisches bedenklich.

Schon einmal, am 20. August 1982, waren in Rif Grindwale gestrandet. Damals kamen 38 Tiere ums Leben. Die Verantwortung lag wahrscheinlich bei einigen Fischern, die die Tiere absichtlich mit ihren Booten in den Hafen getrieben hatten (laut dem Report of the International Whaling Commission, Sonderausgabe Nr. 14, 1993).

Über die Gründe für die diesjährige Walstrandung kann man bisher nur spekulieren. Vielleicht hat ein Unwetter die Tiere in Panik versetzt. Angesichts der Szenen, die sich uns am Strand von Rif boten, können wir allerdings nicht glauben, dass die Bewohner ernsthaft versucht haben, die gestrandeten Wale zu retten. Die Vorgeschichte des kleinen Fischerdorfs und die umstrittene Haltung Islands zum Walfang verstärken unsere Zweifel noch.

Das isländische Wort für einen gestrandeten Wal, hvalreki, heißt übrigens auch soviel wie "Jackpot" oder "gefundenes Fressen". Nicht ohne Grund: Für die alten Wikinger auf der kargen Vulkaninsel bedeutete ein gestrandeter Wal ein Festessen.

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