Leserartikel

GrindwalstrandungSchlachtfest am Strand

Kürzlich strandeten 20 Grindwale in der Nähe eines Fischerdorfes an der Küste Islands. Haben die Dorfbewohner wirklich versucht, die Tiere zu retten? Ein Leserartikel von Hendrik Schultz

Ich bin Biologe und arbeite zurzeit als Führer für Walbeobachtungen auf Island. Am 7. September erhielt ich von einer Bekannten die Nachricht, etwa 70 Grindwale hätten sich in den Hafen von Rif verirrt, ein kleines Fischerdorf auf der Halbinsel Snæfellsnes. Sie sprach vom Versuch der Anwohner, die Wale wieder auf die freie See zu leiten. Ein Unwetter habe die Rettung aber unmöglich gemacht. Ich wollte mir selbst ein Bild von der Situation machen und fuhr am folgenden Tag zusammen mit drei Freunden nach Rif.

Wir wussten nicht, was uns erwarten würde. Waren einige der Tiere vielleicht noch am Leben? Würden wir mithelfen können, sie zu retten? Der Anblick in Rif war ernüchternd: Im Hafenbecken trieben ungefähr zehn tote Grindwale, weitere zehn Kadaver lagen am Strand – oder vielmehr das, was von ihnen übrig war. Etliche Menschen waren mit Geländewagen und Kleintransportern gekommen, um den Tieren das Fleisch vom Körper zu schneiden. Es war wie in einem makaberen Selbstbedienungsladen. Jeder versuchte, sich ein gutes Stück Fleisch zu sichern. Dazwischen spielten Kinder und bohrten Stöckchen in die toten Leiber. Alle waren bester Laune. Ein Mann setzte mit seinem Wagen zurück und fuhr dabei über eines der Tiere – unter dem Gejohle der Zuschauer.

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Mir fiel auf, dass viele Wale durchgeschnittene Kehlen hatten. Außerdem wiesen einige Rückenflossen daumengroße Löcher auf, als wären die Tiere mit einem Haken bewegt worden. Was war hier passiert? Hatten die Dorfbewohner tatsächlich versucht, die Tiere zu retten, oder hatten sie gar nachgeholfen, um schneller an das Fleisch zu kommen? Zumindest hatten sie nicht lange gezögert und auch vor einem wenige Wochen alten Kalb nicht Halt gemacht. Die Kehlschnitte konnten zwar auch dazu gedient haben, die Wale von ihrer Qual zu erlösen. Die Menschen am Strand ließen jedoch keinerlei Bedauern über den Tod der Tiere erkennen.

In den folgenden Tagen wurden in der isländischen Presse kritische Stimmen laut.
Einige der Tiere könnten noch gelebt haben, als ihnen das Fleisch vom Leib geschnitten wurde. Nur ein Tierarzt hätte das Recht gehabt, über das Schicksal der gestrandeten Wale zu entscheiden. Aus diesem Grund laufen nun Ermittlungen. Auch gesundheitlich ist der Verzehr des potenziell mit Schwermetallen belasteten Fleisches bedenklich.

Schon einmal, am 20. August 1982, waren in Rif Grindwale gestrandet. Damals kamen 38 Tiere ums Leben. Die Verantwortung lag wahrscheinlich bei einigen Fischern, die die Tiere absichtlich mit ihren Booten in den Hafen getrieben hatten (laut dem Report of the International Whaling Commission, Sonderausgabe Nr. 14, 1993).

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Über die Gründe für die diesjährige Walstrandung kann man bisher nur spekulieren. Vielleicht hat ein Unwetter die Tiere in Panik versetzt. Angesichts der Szenen, die sich uns am Strand von Rif boten, können wir allerdings nicht glauben, dass die Bewohner ernsthaft versucht haben, die gestrandeten Wale zu retten. Die Vorgeschichte des kleinen Fischerdorfs und die umstrittene Haltung Islands zum Walfang verstärken unsere Zweifel noch.

Das isländische Wort für einen gestrandeten Wal, hvalreki, heißt übrigens auch soviel wie "Jackpot" oder "gefundenes Fressen". Nicht ohne Grund: Für die alten Wikinger auf der kargen Vulkaninsel bedeutete ein gestrandeter Wal ein Festessen.

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Leserkommentare
  1. In der Überschrift fehlt eindeutig das Fragezeichen!
    Ein Fest wird verabredet...und genau dies ist hier doch die Frage.
    Ansonsten handelt es sich eher um eine Unterstellung. Dies würde ich dann doch eher in der Bild erwarten.

    12 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Guten Abend staniLEM,

    zur Entstehungsdynamik von Festen kann ich nur wenig sagen. Aus eigener Erfahrung weiß ich allerdings, dass diese durchaus spontan und ohne vorangegange Verabredung passieren können. Ihr Mißtrauen, was Unterstellungen betrifft, teile ich aber durchaus, und als die Leserartikel betreuende Redakteurin kann ich Ihnen versichern, dass diese Artikel auf ebensolche geprüft werden. In diesem Fall schildert der Autor Beobachtungen, welche sich mit dem von ihm und anderen Augenzeugen angefertigten Bildmaterial decken. Der Begriff "Schlachtfest" in Zusammenhang mit den toten Walen erzeugt Unbehagen, erscheint uns angesichts des beobachteten Umgangs mit diesen allerdings gerechtfertigt.

    Beste Grüße,

    Annika von Taube

    Wie kann man nur anhand der vielfachen Hinweise und der Art der festgestellten Verletzungen noch von einer Unterstellung für den vorhandenen brutalen Umgang der isländischen Bevölkerung mit Lebewesen sprechen? Da fehlen wohl ein paar Verknüpfungen !!!

  2. Ein Reh z.B.

    Würden wir das Tier gesund pflegen oder holen wir den Jagdpächter ?
    Dieser muss es von seinem Leiden "erlösen".

    Dann wird es gegessen ! Wie in Island die Wale.

    23 Leserempfehlungen
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    Aber Sie würden wohl kaum hingehen und ein noch lebendes Reh ausweiden, oder?
    Abgesehen davon war wohl auch nicht ganz eindeutig, ob die Tiere Überlebenschancen gehabt hätten, hätte man sie zurück ins Wasser gebracht. Nicht ganz vergleichbar mit einem schwer verletzten Reh.

  3. 3. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/jp

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    • Rend
    • 21. September 2013 20:36 Uhr

    Augen auf, Herr... oh lol, vergessen sie es, guter Username :-D
    Steht jedenfalls genau da, Leserartikel

    • Atan
    • 21. September 2013 20:25 Uhr

    des IWC, das WA verbietet meines Wissens nur den Handel mit Grindwal-Produkten. Gäbe es ein isländisches Gesetz gegen den Walverzehr, immerhin gilt Grindwal als ziemlich hoch mit Toxinen belastet?

    Ansonsten könnten die Isländer in Riff sich einfach als die traditionellen Walfänger verhalten haben, die sie bis heute noch sind.
    (Wie jemand schon sagte: ein angefahrenes Wildschwein wird viele Deutsche oder Gallier auch eher an Braten statt an den Tierarzt denken lassen.)

    Schwer, dies anhand unserer Normen zu beurteilen.

    10 Leserempfehlungen
    • Rend
    • 21. September 2013 20:36 Uhr

    Augen auf, Herr... oh lol, vergessen sie es, guter Username :-D
    Steht jedenfalls genau da, Leserartikel

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "[…]"
  4. Was soll dieser Artikel? Tiere landen in einem für sie nicht überlebbare Situation, Menschen möchten diese Tiere essen und tun dies. Abgesehen von der erwähnten Möglichkeit der Schwermetallbelastung sehe ich da kein Problem. Und was, wenn die Einwohner nicht ihr bestes gegeben haben, die Wale zu reanimieren? Sind wir dazu verpflichtet, sterbende Tiere so lange zu "retten", bis sichere Todeszeichen wie die Fäulnis eintreten?

    17 Leserempfehlungen
  5. Redaktion

    Guten Abend staniLEM,

    zur Entstehungsdynamik von Festen kann ich nur wenig sagen. Aus eigener Erfahrung weiß ich allerdings, dass diese durchaus spontan und ohne vorangegange Verabredung passieren können. Ihr Mißtrauen, was Unterstellungen betrifft, teile ich aber durchaus, und als die Leserartikel betreuende Redakteurin kann ich Ihnen versichern, dass diese Artikel auf ebensolche geprüft werden. In diesem Fall schildert der Autor Beobachtungen, welche sich mit dem von ihm und anderen Augenzeugen angefertigten Bildmaterial decken. Der Begriff "Schlachtfest" in Zusammenhang mit den toten Walen erzeugt Unbehagen, erscheint uns angesichts des beobachteten Umgangs mit diesen allerdings gerechtfertigt.

    Beste Grüße,

    Annika von Taube

    11 Leserempfehlungen
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    Nehmen wir ein hiesiges Spanferkel auf dem Buffet. Jeder scheidet sich was raus.
    Bei der Ochsenbraterei ist das auch nicht unbedingt anders.

    Ferkel wie auch Ochse waren nicht minder tod wie die Wale, nur eben schon auf wohlmöglich offener Flamme gegart und gewürzt. ( Spanferkel zum Schlachtfest klassisch gar mit Apfel unterm Rüssel fein garniert )

    Wal ist dortig normales Lebensmittel, gibt es auch abgepackt im Supermarkt.

    Unbehagen? Also ich empfinde weder bei Ochse noch Spanferkel zum Schlachtfest ein Unbehagen. Bin natürlich auch kein Vegetarier, bei denen würde ich es ja verstehen.

    Wenn man sich also Stücke vom Tier abschneidet ( für die mitgebrachte Kühltasche, siehe Photo ) kann ich nix verwerfliches darin sehen. Erzeugt bei mir kein Unbehagen.

    Gruss

  6. schon auffällig, dass auf primitives und empathieloses verhalten dieser art reflexhaft mit rechtfertigenden und betont abgeklärten kommentaren reagiert wird.
    bei kultivierten menschen erregen solche vorgänge (und kommentare) ein gewisses unbehagen.

    18 Leserempfehlungen
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    Was Sie als Kultur verstehen, könnten andere zurecht als lebensfremde, widernatürliche und krankhafte Dekadenz werten.

    Ich übrigens auch. Ich würde es eher als gewachsene und natürlich Kultur bezeichnen, lebt man mit der Natur.

    Ich bezeichne es zudem als emphatielos, läßt man bei solchen Gelegenheiten das Fleisch einfach vergammeln, anstatt es zu nutzen. Dies würde mich in der Tat mit Unbehagen erfüllen.

    Genauso wie es mich mit Unbehagen erfüllt, ißt man eine angefahrene Wildsau nicht, oder quält beim Sportfischen die Tiere um diese dann wieder ins Wasser zu schmeißen statt zu essen. Solch ein Verhalten finde ich in der Tat widernatürlich.

    • siar
    • 22. September 2013 12:26 Uhr

    der Nähe eines Dorfes.
    Wieviele Einwohner hat das kleine Dorf? Wie schwer ist ein Grindwal? Gab es die nötigen Hilfsmittel um den Walen zu helfen? Wie sieht die finanzielle Situation der Menschen dort aus?

    Sich über die Empathielosigkeit der Menschen aufzuregen ohne diese Infos finde ich recht überheblich.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Ermittlung | Fleisch | Geländewagen | Island | See | Tier
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