ZEIT ONLINE: Herr Claußen, als Forscher haben Sie an Studien mitgearbeitet, von denen Abertausende in die alten und den neuen Klimabericht eingegangen sind. Jetzt sind Sie zum ersten Mal Teil der deutschen Regierungsdelegation beim Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change). Haben Sie die Seiten gewechselt?

Martin Claußen: Nein, überhaupt nicht. (lacht)

ZEIT ONLINE: Empfinden Sie sich als einen Gesandten der Bundesregierung?

Claußen: Nein, als Berater.

ZEIT ONLINE: Von Montag bis Mittwoch wird über die Zusammenfassung des Berichts verhandelt. Sie sind Meteorologe. Wie finden Sie es, wenn Naturwissenschaftler mit politischen Delegationen zusammensitzen und sich von denen Zeile für Zeile absegnen lassen?

Claußen: Das ist jetzt ein falsches Bild! Ich sitze als Mitglied der deutschen Delegation auf der Regierungsseite, ja. Aber es geht nicht darum, mit den Forscherkollegen auf der Gegenseite über wissenschaftliche Inhalte zu verhandeln. Wissenschaft selber ist nicht verhandelbar. Es geht nur darum, ob die knappe Zusammenfassung die Ergebnisse des Berichts angemessen wiedergibt. Für mich ist das eine Frage an die Wissenschaft, eine Klärung von Sachverhalten.

ZEIT ONLINE: Ist das Ergebnis dann eher Zuspitzung oder eher Relativierung?

Claußen: Das weiß ich noch nicht, ich rechne mit beidem. Es gibt vermutlich politisch motivierte Kommentare. Aber es wird wahrscheinlich viele geben, die sehr fachnah sind. Die Frage "Was wissen wir über vergangene und mögliche künftige Klimaänderungen?" wurde von der Politik über die UNO der Wissenschaft in Gestalt des IPCC als Aufgabe gegeben. Alle fünf bis sechs Jahre fassen viele Hundert Forscher den Sachstand zusammen. Zum Schluss wird das den Politikern, also den Auftraggebern, noch einmal gezeigt. Und die sagen dann vielleicht: Versteh' ich jetzt nicht ganz, ist es vielleicht so oder so? Das ist ein Nachfragen, kein Verhandeln.

ZEIT ONLINE: Wahrgenommen wird es als ein letzter kritischer Blick hinter verschlossenen Türen.

Claußen: Falls jemand ausschließlich politisch argumentiert, wird er sich damit nicht durchsetzen. Der IPCC-Bericht wird von allen beteiligten Regierungen unterschrieben mit verbindlichen, starken Aussagen von hoher Relevanz. Mir fällt in der Wissenschaft nichts Vergleichbares ein.

ZEIT ONLINE: Und Sie als Delegierter dürfen in Stockholm handeln, wie Sie wollen?

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Claußen: Wir stimmen uns in der Delegation ab.

ZEIT ONLINE: …sind an niemandes Weisungen gebunden?

Claußen: Nein, bin ich nicht. Einzig zu Vertraulichkeit habe ich mich verpflichtet. Ich denke tatsächlich, dass die Diskussion zwischen Regierungen und Wissenschaft Vertrauenssache ist – im guten Sinne. Solange darüber gesprochen wird, sollte es vertraulich sein, damit man offen reden kann. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wenn einige Kolleginnen oder Kollegen plötzlich IPCC-Leaks spielen. Oder wenn die Medien so tun, als sei das alles Geheimniskrämerei. Das ist es nicht.