Es geht um ein Volumen von 100 mal 100 mal 300 Meter – so viel Schlamm fällt bei der Erweiterung des Kohlehafens Abbot Point im Nordosten von Australien an. Zu dem bereits existierenden Terminal 1 an einer Landspitze nördlich des Ortes Bowen sollen drei weitere Terminals hinzukommen. Die Great Barrier Marine Park Authority hat genehmigt, dass Bagger dafür den Meeresboden großflächig abtragen und vertiefen dürfen.

Entstehen wird so einer der größten Kohlehafen der Welt, über den die reichen Kohlevorkommen des australischen Galilee-Beckens verschifft werden. Die Erweiterung soll ermöglichen, Kohle im Volumen von 28 Milliarden US-Dollar zu erschließen.

Umweltschützer aber warnen vor dem Bauvorhaben. Denn etwa 50 Kilometer vor Abbot Point liegt das Great Barrier Reef im Pazifik. 1981 hob die Unesco das größte Korallenriff der Welt auf die Liste der Weltnaturerbestätten. Tauchsportler aus aller Welt schwärmen von dem Farb- und Artenreichtum der Unterseelandschaft, die sich mit ihren knapp 1.000 Inseln über eine Fläche so groß wie Deutschland erstreckt. Allein mehr als 350 Korallenarten siedeln hier in Gemeinschaft mit Tausenden Fisch- und Weichtiergattungen. 

Wissenschaftler und Umweltorganisationen sind beunruhigt, weil der Betreiber, die Adani Abbot Point Terminal Pty Ltd, für die Erweiterung des Hafens drei Millionen Kubikmeter Meeresboden abtragen will. Die Unterseebagger arbeiten zwar nur drei Kilometer vor Abbot Point. Doch der Schlamm soll in einem etwa 25 Kilometer entfernten Gebiet abgekippt  werden – deutlich näher am Riff. Kritiker fürchten daher, dass dort lebende Tiere leiden könnten und die Meeresströmung Sedimente in Richtung der Korallen treibt. Denn die empfindlichen Tiere können nur in klarem, sonnendurchfluteten Wasser gedeihen.

Schon einmal war das Riff in jüngster Zeit akut gefährdet: Als 2010 dort der chinesische Frachter MS Shen Neng 1 mit einer Ladung von 65.000 Tonnen Kohle und 950 Tonnen Öl auf Grund lief, strömten mehrere Tonnen Öl ins Meer. Die Unesco reagierte besorgt, Australien verschärfte die Bedingungen für den Schiffsverkehr.

Great Barrier Riff unter schädlichem Einfluss?

Das am Abbot Point geplante Bauvorhaben alarmiert Umweltschützer und Wissenschaftler. Naturfreunde und Künstler organisieren sich auf Facebook. Greenpeace reagierte entrüstet: "Wir kippen ja auch keinen Müll in den Grand Canyon oder auf den Vatikan, warum also sollten wir Schlamm auf das Great Barier Reef kippen?", fragte Greenpeace-Sprecherin Louise Matthiesson. 300 Forscher unterzeichneten einen Appell an die Verwaltung des Barrier Reef Marine Park, in dem sie eine Rücknahme der Hafenerweiterung verlangen, weil sie "schädliche Wirkung" auf das Riff habe. Sedimente und Gifte könnten herangeschwemmt werden und sich auf den Lebewesen absetzen, befürchten sie.

Die Marine Park-Verwaltung verteidigt das Projekt. Sie hält den Ort für alternativlos: Der seit 30 Jahren betriebene Tiefwasserhafen Abbot Point sei besser geeignet als andere Häfen entlang der Küste, um eine solche Erweiterung vorzunehmen, sagte Behördenchef Russell Reichelt. Umweltminister Bruce Elliot versicherte, durch strenge Umweltauflagen sei der Schutz der Natur gewährleistet. So sei etwa gestattet, maximal 1,3 Millionen Kubikmeter Schlamm pro Jahr zu bewegen und das nur in einem schmalen, von Umweltfachleuten überwachten Zeitfenster. Das Hafenunternehmen habe die insgesamt 47 Bedingungen voll akzeptiert.

In der Liste der Umweltauflagen geht es nicht nur um den Schutz von Korallen, Fischen und Schildkröten. Auch das Wrack einer zweimotorigen Catalina aus dem zweiten Weltkrieg sei zu schützen, hieß es. Es liegt vor Abbot Point auf dem Meeresgrund. 

Der Marine Park hat die Diskussion über das Vorhaben auf einem Online-Portal gezielt gefördert. Interessierte konnten Berichte und Rechtsgrundlagen im Detail durcharbeiten, Fragen stellen und ihre Meinung äußern.