Um den weltweit wachsenden Energiebedarf zu decken, steht in den Weltmeeren derzeit noch genug Öl zur Verfügung. Den Meeren das Öl zu entlocken, wird aber immer aufwändiger, teurer und riskanter. Das geht aus dem dritten World Ocean Review hervor, der Chancen und Risiken der Rohstoffgewinnung aus dem Meer beschreibt.

Der Report, den Meereswissenschaftler des Exzellenzclusters Ozean der Zukunft in Kiel und die Zeitschrift Mare erstellt haben, ist eine der ersten umfassenden Einschätzungen über die Menge an bekannten Öl- und Gasvorkommen und der festen Gashydratvorkommen unterhalb des Meeresbodens. Der Report stellt zudem das ökonomische Potenzial von mineralischen Rohstoffen wie Manganknollen, Kobaltkrusten und Massivsulfiden vor und welche Folgen die Förderung auf die Umwelt hat.

Nach Einschätzung der Kieler Wissenschaftler bergen die Ozeane noch enorme Vorräte, um den Energiehunger in den kommenden Jahren zu stillen. Insgesamt umfassten die weltweit bekannten Ölreserven und -ressourcen im Jahr 2011 rund 585 Milliarden Tonnen. Die Gasreserven und -ressourcen beliefen sich auf rund 772 Billionen Kubikmeter Erdgas.

Rund ein Drittel der weltweiten Erdgas- und Erdölmengen werden schon heute im Meer gewonnen. Dieser Anteil werde sich in den kommenden Jahrzehnten noch erhöhen, so die Autoren. Da viele Gas- und Ölfelder im Flachwasser bereits weitgehend ausgebeutet seien, müssten die Konzerne in immer größere Meerestiefen vordringen. 

Zwar sei die Gas- und Ölförderung in der Tiefsee rund viermal teurer als im Flachwasser, doch mit dem steigenden Ölpreis werde auch diese Förderung wirtschaftlich. Den Tiefenrekord in der Ölförderung halte derzeit ein internationaler Ölkonzern mit einer Bohrinsel im Tobago-Feld im Golf von Mexiko mit 2.934 Meter Wassertiefe. Beim Erdgas liege er bei 2.700 Metern.

Neben der Rohstoffversorgung helfe der Meeresbergbau, Landnutzungskonflikte zu vermeiden, heißt es in dem Bericht. Und Staaten, die über keine eigenen Rohstoffreserven verfügen, könnten etwas mehr Unabhängigkeit von den Exportnationen erlangen.

Gefahren des Meeresbergbaus

Doch den Vorteilen stehen enorme Risiken gegenüber. Ein Abbau sei immer mit Umweltbelastungen verbunden, darüber müsse diskutiert werden, betonte der Kieler Ozeanograf Martin Visbeck. So sind sich Wissenschaftler dem Bericht zufolge darin einig, "dass der Abbau von Manganknollen einen erheblichen Eingriff in den Lebensraum Meer darstellt". Der Lärm und die Vibrationen, die bei Abbau, Herauspumpen und Reinigen der Knollen entstehen, könnten Delfine und Wale stören. Und im durchpflügten Bereich würden alle Tiere sterben, die nicht schnell genug fliehen könnten, etwa Würmer, Schnecken und Seegurken.

Die Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon habe gezeigt, dass die Bohrungen in der Tiefe auch zunehmend riskant werden. Solche spektakulären Unfälle sowie Tankerhavarien seien im Durchschnitt für etwa zehn Prozent der Verölung der Ozeane verantwortlich. Weitaus problematischer sei die Verschmutzung der Meere durch die schleichende Ölpest – die chronische Verschmutzung aus vielen kleinen Quellen, etwa im Bereich der Schifffahrt, wenn durch illegale Tankreinigungen oder Unachtsamkeit beim Verladen Öl ins Meer gelange.

Angesichts internationaler Meeresschutzabkommen und Konventionen habe die Ölverschmutzung der Meere in den vergangenen Jahrzehnten weltweit abgenommen, schreiben die Wissenschaftler. Dies sei jedoch kein Grund, ein positives Fazit zu ziehen: Noch immer gelangten jedes Jahr rund eine Million Tonnen Öl in die Ozeane, die marine Lebensräume und Organismen vergifteten.