Irene Toner, Chefin des Katastrophenschutzes auf den Florida Keys © Steffi Dobmeier/ZEIT ONLINE

Wenn es so weit ist, wenn sie aufgelegt und das Gespräch mit dem National Hurricane Center in Miami beendet hat, wenn sie sich kurz gesammelt und ein paar Mal tief ein- und ausgeatmet hat, dann schaltet Irene Toner um auf Automatik.

Es ist diese spezielle Art von Anruf, der Moment, wenn sie erfährt, dass ein Hurrikan auf Floridas Südspitze zurast. Dann wird die Katastrophenmanagerin ganz ruhig. Zumindest nach außen. Was dann folgt ist ein Routine-Programm, das die 64-Jährige schon oft abgespult hat. Toner ist Chefin des Katastrophenschutzes im Monroe County, zu dem auch die Florida Keys gehören. Und die liegen mitten in der Hurrikan-Schneise der USA.

Es ist ein Tag im August, irgendwann morgens, als wieder so ein Anruf kommt. Jemand vom National Hurricane Center meldet Toner einen tropischen Wirbelsturm mit Orkanstärke, der sich über dem Golf von Mexiko gebildet hat. Auf den Bildschirmen der Meteorologen ist der Sturm mit Windgeschwindigkeiten von 119 Stundenkilometern und mehr nur ein weißes Knäuel, das über dem Meer rotiert und sich langsam in Richtung Nordosten schiebt. Die Berechnungen haben ergeben: Wenn er die Richtung beibehält und nicht an Stärke nachlässt, wird er als Hurrikan der Stufe 3 auf die Florida Keys treffen. Stufe 3 bedeutet: schlimm.

Irene Toners Schreibtisch steht in einem Büro in dem kleinen Ort Marathon auf einer der Inseln, die wie eine Perlenkette in Richtung Karibik am südlichen Zipfel von Florida hängen. Sie hat noch 36 Stunden. Und sie muss darüber entscheiden, was das Beste für die 70.000 verstreut lebenden Inselbewohner ist. An diesem Augustmorgen entscheidet sie: evakuieren. 

Am Tag zuvor hatte es schon eine Lagebesprechung per Telefon gegeben. Da war noch nicht klar, wohin der Sturm sich bewegen wird. Nach Konferenzschalten um 9 Uhr morgens, um 15 Uhr und um 21 Uhr abends dann am nächsten Morgen ein erneuter Anruf aus Miami – und Toners Entscheidung: alle rausholen!

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Als erstes schnappt sie sich einen Ordner, darin eine Liste, die sie immer griffbereit hat. Darauf Namen und Telefonnummern. Sie beginnt mit den Bürgermeistern der größeren Orte, dann kommt die Feuerwehr, die Polizei, das Militär. Die Krankenhäuser und Schulen, Sozialdienste, das Rote Kreuz und die Freiwilligenverbände, die Stromversorgungsunternehmen und sämtliche staatliche Stellen. Ein Rundruf, der nach einem festgelegten Schema abläuft. Toner macht Haken. Jeder muss Bescheid wissen.

Es sind jetzt noch 32 Stunden, bis der Sturm voraussichtlich auf Land treffen wird. Für die nächsten Tage hat sich die Chefin des Katastrophenschutzes einen Schlafplatz im Büro eingerichtet. Eine blaue Matratze, wie im Sportunterricht, darauf ein Schlafsack und ein Kissen.

Toner lässt in drei Phasen evakuieren. Zuerst müssen die Bewohner auf den Lower Keys, wie die Inseln im Süden heißen, ihre Häuser verlassen. Ein paar Stunden später sind die mittleren Inseln dran, zuletzt die im Norden. Alle auf einmal? "Das geht nicht", sagt sie. "Die Straße wäre sofort verstopft." Sie hat Angst, dass ein Auto auf dem Overseas Highway eine Panne haben oder sich querstellen könnte. Alles schon passiert.

Denn es gibt nur eine Hauptstraße auf den Florida Keys, diesen 200 Inseln, von denen nicht alle bewohnt sind. Eine Straße, die Key West ganz im Süden mit dem Ort Homestead auf dem Festland im Norden verbindet. 127 Meilen, etwa 205 Kilometer, meist nur zweispurig. 42 Brücken. "Die Verkehrssituation ist das größte Problem", sagt Toner.  

Ein Verkehrschaos wäre fatal

Toner mag ihren Job, liebt das Gefühl, alles im Griff zu haben. Aber die große Verantwortung belastet sie auch. Jedes Mal hadert die zierliche Frau, die erfahrene Katastrophenmanagerin mit ihrer Entscheidung, macht sich klar, um wie viele Menschen es geht. Und um wie viel Geld. "Das Timing muss stimmen. Auf die Stunde genau", sagt Toner, als sie von jenem Tag im August erzählt, einem typischen Tag in ihrem Job.

Die Hurrikan-Saison in Florida beginnt offiziell am 1. Juni und endet am 30. November. Im Schnitt gibt es in diesen sechs Monaten 15 bis 18 Hurrikans, nicht alle sind schlimm, nicht jeder erreicht die Stufe 3 – und nicht jeder hält sich an den offiziellen Saison-Zeitraum. Die Stürme haben nette Namen, sie heißen Debby, Isaac, Jeanne – oder Irene, wie die Katastrophenschutz-Chefin. Toner macht diese Arbeit schon seit 23 Jahren. Sie merkt sich nur diejenigen, die wirklich große Schäden angerichtet haben. "Andrew 1992 und Wilma 2005, die vergesse ich nicht."

"Es ist nicht so, dass ich morgens aufwache und mir denke, okay, dann evakuieren wir mal." Toner hatte schon viele Bürger am Telefon, die sich beschwerten. Die es übertrieben fanden, ihr Haus zu verlassen, bei dem bisschen Wind. Viele sagen, sie hätten keine Angst. Einige haben die Inseln noch nie verlassen. "Das ist ein Problem", sagt Toner. Solche Leute zu überzeugen, sei nicht leicht. Aber: "Ein Hurrikan der Stufe 3 ist ein ernstzunehmendes Sicherheitsrisiko. Deshalb machen wir das. Nicht um die Leute zu ärgern."

Viele weigern sich, zu gehen

JJ Star ist eine, die sich nicht überzeugen lässt. "Ich gehe nirgendwo mehr hin", sagt die knapp 50-Jährige. "Nie mehr, die kriegen mich hier nicht weg, das können die vergessen." JJ Star, die sagt, sie habe keinen anderen Namen als diesen, lebt seit 30 Jahren auf den Keys. Sie kam mit 17, als ihre Eltern gestorben waren. Seitdem ist sie zig Mal umgezogen. Manchmal nach der Trennung von einem Mann, mal wegen eines Hurrikans, manchmal einfach so. Sie zog von einem Trailer in den nächsten, mal in eine kleine Wohnung, dann in ein Haus. Jetzt wohnt sie einem winzigen Ein-Zimmer-Apartment, das aussieht wie eine Garage. Nur ohne Haus dazu.

JJ Starr zeigt Bilder von früheren Hurrikans. © Steffi Dobmeier

Warum sie bleibt? "Weil ich keine Angst mehr habe", sagt sie, Trotz tropft aus der Stimme. Sie sitzt in einer Strandbar, wo die Kellner sie mit Namen kennen, weil sie ohnehin jeder kennt hier. "Ich habe so viele Stürme überlebt, mir ist nie etwas passiert." Selbst die Katze sei immer noch da. Okay, ein paar Möbel gingen kaputt, den alten Holztisch hat ihr jemand geklaut, als sie ihn vor den Trailer in die Sonne zum Trocknen gestellt hatte. Sie musste Kleider wegwerfen, manchmal umziehen, weil eine umgestürzte Palme das Haus beschädigt hatte. Aber sie hatte Glück. Nicht so wie die Freunde, die mit einem vollgepackten Auto vor ihrer Wohnung hielten, um sich zu verabschieden. Sie gingen fort. Der Sturm hatte ihr Haus und ihr Geschäft – ihre ganze Existenz – weggerissen.

Dokumente wasserdicht im Schuhkarton verpackt

Die Existenz von JJ Starr ist kleiner. Und sie fühlt sich gut vorbereitet. Ihre wichtigsten Papiere bewahrt sie in einem Schuhkarton auf, den Führerschein, den sie nie braucht, den Ausweis und Versicherungspolicen. Sie hat den Karton mit Plastiktüten umwickelt und mit Klebeband zugeschnürt. Wasserdicht. Der Karton ist auf einem Balken unter der Decke befestigt. "Wenn das Wasser von unten kommt, bleibt er hoffentlich trocken." Bläst ein Sturm die Wohnung weg, ist ohnehin alles egal.

JJ Star ließ sich nur einmal in Sicherheit bringen in den vergangenen 30 Jahren. 1992 war das, als Hurrikan Andrew auf die Keys zurollte. Sie fuhr mit ihrem damaligen Freund aufs Festland, nach Hollywood in Florida. Mehr als 200 Kilometer weit weg. Der Wirbelsturm drehte, veränderte die Richtung. Er traf nicht auf die Keys – aber er traf Hollywood. Seitdem hat sie genug.

Irgendwann bleibt nichts anderes als warten

Auf den Florida Keys nach Hurrikan Donna im Jahr 1960 © Privat

Falscher Alarm kommt vor: Dann werden Zehntausende zum Verlassen ihrer Häuser aufgerufen – aber kein Hurrikan kommt. Naturgewalten lassen sich eben nicht so genau vorhersagen, sagt die Chefin des Katastrophenschutzes. Im Zweifel entscheidet sie für eine Evakuierung. "Eine Vorsichtsmaßnahme." Die Bürger auf den Keys sind dann genervt.

Besonders schlimm war es in den Jahren 2004 und 2005. "Wir haben die Leute so oft aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen, und nie ist etwas passiert", sagt Toner. Dann kam Hurrikan Wilma mit der größten Sturmflut seit 1965. Und nur zehn Prozent der Bewohner hatten die Keys verlassen. Tausende Häuser gingen kaputt, noch mehr Autos. Toner musste Wohncontainer anfordern. "Das ist meine größte Angst." Dass die Menschen bleiben, weil sie denken, es wird nichts passieren, und dann passiert doch etwas. Zwingen kann sie niemanden, nur bitten und eindringlich warnen.

An jenem Tag im August, als Hurrikan Charley weiter auf die Keys zuwirbelt, sind die Evakuierungen der Inseln 15 Stunden vor der Stunde Null abgeschlossen. Feuerwehrmänner und Freiwillige haben die Menschen aus ihren Häusern geleitet, an den Straßenkreuzungen haben Polizisten die Autos dirigiert. Bis alle Bürger die Chance hatten, sich anzuschließen. Diejenigen, die bleiben wollten, sind geblieben. Es ist nichts mehr zu tun.

Wenn es so weit ist, überfällt Irene Toner eine seltsame Ruhe. Jetzt auch innerlich. "Ich weiß dann, dass ich alles getan habe", sagt sie. Dann bleibt nur noch Warten. "Und hoffen, dass den Zurückgebliebenen nichts passiert."

Im August hat der Sturm in den letzten Stunden doch noch gedreht. Weg von den Inseln, Gefahr vorbei. In dem Moment, als sie das erfuhr, sei sie aus dem Zimmer gerannt. "Ich musste raus, ganz dringend." Lasst mich ein paar Minuten in Ruhe, habe sie zu den Kollegen gesagt, die ihr nachgelaufen waren, weil sie sich Sorgen machten. Toner ging nach draußen, lehnte sich an eine Hauswand und fing an zu weinen. "Die ganze Anspannung brach aus mir heraus. Ich zitterte und habe mindestens drei Zigaretten am Stück geraucht." Obwohl sie eigentlich nicht raucht. "Ich bin cool und habe mich unter Kontrolle", sagt sie. "So lange ich muss."


Die Recherche wurde durch ein mehrwöchiges Stipendium des American Council on Germany (ACG) in New York ermöglicht. Das ACG fördert als unabhängige und gemeinnützige Organisation den Dialog zwischen den USA und Europa. Das Stipendium wird jährlich an Berliner Journalisten vergeben.