Ein junge sammelt Müll an Albaniens Adriaküste. © Arben Celi / Reuters

Vom Strand am Mittelmeer bis zum Tiefseegraben im Atlantik: Abfall wie Flaschen, Plastiktüten oder Fischernetze ist selbst in den entlegensten Winkeln europäischer Meere zu finden. In 2.000 Kilometern Entfernung vom Land liegt Unrat, ebenso in 4.500 Metern Tiefe. Das sind die Erkenntnisse eines internationalen Forscherteams, das erstmals den europäischen Meeresboden systematisch abgesucht hat (Pham et al., 2014).

10 Jahre hat die Müllfahndung in den Meeren gedauert, mehr als 15 europäische Organisationen waren beteiligt. Fast 600 Proben in Atlantik, Mittelmeer und Arktis haben die Forscher untersucht und dabei alles Mögliche gefunden – nur keinen sauberen Meeresboden mehr.

Geschätzt gelangen jedes Jahr 6,4 Millionen Tonnen Müll in die Meere, allein in der Nordsee werden laut Nabu jährlich 20.000 Tonnen abgeladen. In den Meeren und am Grund findet sich im Prinzip alles, was unsere Zivilisation verbraucht: Zahnbürsten, Tampons, Telefonhörer, Tupperdosen und Bauschutt. "Wir haben nicht erwartet, dass der Müll so weit verbreitet ist", sagte Studienautor Christopher Pham von der Universität der Azoren. Teilweise sei der Meeresboden so unsauber wie stark vermüllte Strände, sagt der Meeresbiologe. Und das bleibt nicht ohne Konsequenzen.

Vögel und Meeressäuger wie Robben oder Delfine verfangen sich in Fangleinen oder Fischernetzen, Schildkröten halten Plastiktüten für Quallen und fressen sie, bis ihr Magen verstopft ist und sie verhungern. Mit dem Müll reisen zudem Arten durch die Weltmeere, fremde Organismen wandern so in bestehende Ökosysteme ein und stören dort das sensible Gleichgewicht.

Plastik ist gefährlicher als jeder andere Müll

Am gefährlichsten von allen aber ist der Stoff, der in unserem täglichen Leben allgegenwärtig ist: Plastik. Tödliche Gifte wie PCB und Dioxine sind Teil von manchen Plastikmischungen. Diese lösen sich nicht im Wasser auf, sondern das Plastik zerreibt sich zu immer kleineren Teilen. Dadurch gelangt es in den Nahrungskreislauf.

Um den Müllbestand der Meere in Zahlen zu fassen, hat das internationale Forscherteam ferngesteuerte Tauchpumpen an den Meeresboden geschickt und den Unrat mit Netzen nach oben geholt. Außerdem werteten die Wissenschaftler Bilder vom Meeresboden aus. Die zeigen: Der Müll ist nicht überall gleich verteilt, die Zusammensetzung und die Menge unterscheiden sich von Fundstelle zu Fundstelle. Besonders verschmutzt sind Gegenden in der Nähe von großen Städten und dicht besiedelten Landstrichen, aber auch unterseeische Gräben. Im Whittard Canyon vor der Küste Frankreichs und Großbritanniens beispielsweise sammelt sich Müll in großen Mengen.

Den Meeresboden aufzuräumen, ist quasi unmöglich, aus praktischen und finanziellen Gründen. Studienautor Christopher Pham zieht daher einen anderen Ansatz vor: "Wir müssen dringend anfangen, zu messen, wie weniger Unrat in die marine Umwelt gelangt." Einfache Maßnahmen wie recyceln oder weniger Plastiktüten zu benutzen wären mögliche erste Schritte.

Die Untersuchung von Pham und seinen Kollegen ist einer der umfangreichsten Studien über die Müllbelastung europäischer Meere, doch das Ausmaß ist damit wohl nur zum Teil erfasst. So konnten die Forscher gemessen an der Größe europäischer Meere nur einen kleinen Teil der Oberfläche begutachten. "Höchstwahrscheinlich unterschätzen wir noch immer das Problem", sagt der Meeresbiologe.