Dinosaurier sind unter uns. Millionenfach kommen sie im Frühling nach Europa oder leben gleich das ganze Jahr in unseren Städten. Sie fressen die Brotkrümel, die uns herunterfallen oder kacken auf unsere Autodächer. Sie fischen im Meer der Antarktis und jagen im Dschungel Asiens, sie trinken Blütennektar in Amazonien und reißen Fleischstücke aus toten Zebras in Afrika.

Als Vögel bevölkern die Nachfahren der Dinosaurier heute alle Kontinente. Doch wieso haben sie überlebt, während Tyrannosaurus Rex, Iguanodon und Stegosaurus ausgestorben sind? Warum gibt es von ihnen heute rund 10.000 verschiedene Arten, während wir von ihren prähistorischen Zeitgenossen nur mit Glück ein paar versteinerte Knochen finden?

Wissenschaftler um den Paläontologen Roger Benson von der Universität Oxford haben auf ungewöhnlichem Weg dazu eine Theorie aufgestellt (Benson et al., 2014). Sie soll erklären, worin der Vorteil der Avialae liegt, wie die Klasse der Vögel in der wissenschaftlichen Taxonomie heißt. Die Antwort klingt ungewöhnlich: Sie sind geschrumpft.

Zuerst haben die Wissenschaftler fossile Knochen von Dinosauriern untersucht. Da der Körperschwerpunkt von Dinosauriern auf den Hinterbeinen liegt, lässt sich mit einer Vermessung der Oberschenkelknochen gut abschätzen, was die Tiere einst auf die Waage brachten. Die Forscher haben es dabei mit echten Schwergewichten wie Argentinosaurus zu tun, der kaum vorstellbare 90 Tonnen gewogen haben soll, viel mehr als das größte heute lebende Landsäugetier, der Elefant. Letzterer ist im Durchschnitt nur rund 5 Tonnen schwer. Die leichteste von den Forschern untersuchte Art wog nur geschätzte 15 Gramm. Sie gehört zur Gruppe der Vögel. Ihr geringes Gewicht brachte ihr und anderen leichten Verwandten einen entscheidenden Vorteil.

Klein, aber am Leben

"Was wir gefunden haben, war auffällig", sagt Mitautor Davon Evans vom Royal Ontario Museum, "die Körpergröße hat sich sehr früh sehr schnell entwickelt, was wahrscheinlich mit dem Besetzen neuer ökologischer Nischen verbunden war." Rund 200 Millionen Jahre ist das her. Je mehr Nischen besetzt waren, desto langsamer wurde die Evolution. Nur im Zweig, aus dem später dann unsere heutigen Vögel hervorgegangen sind, blieb sie rasant. 


"Das ist sinnvoll", sagt der Biologe und Paläontologe Bernd Herkner vom Frankfurter Senckenberg-Museum. "Mit der Erfindung des Fluges haben Vögel sich eine Reihe neuer Lebensräume und Nischen erobert", erklärt der Saurierexperte. Er findet den Ansatz seiner Kollegen gelungen und lobt vor allem die akribische Datengrundlage von mehr als 420 Saurierarten, von denen das Forscherteam das Gewicht bestimmte. Kritisch hingegen sieht Herkner, dass Körpergewicht als Maß für biologische Vielfalt herangezogen wurde, Biodiversität müsse man weiter fassen.

Gilt der Zusammenhang von Körpergröße und Überlebenschance immer noch für heutige Arten? Auch wenn Nashorn, Wal und Pferd unser Bild prägen, sind die großen Lebewesen deutlich in der Minderzahl: Mehr als 40 Prozent aller Arten sind kleine Nagetiere, weitere 20 Prozent gehören zu den nicht viel größeren Fledertieren wie Flughund oder Fledermaus. Im evolutionären Ausdauerkampf kommt es also tatsächlich auf die Größe an.