Plastik müsste längst kein Umweltproblem mehr sein, zumindest wenn man Francesco Degli Innocenti fragt. Ginge es nach dem italienischen Plastikforscher von der Firma Novamont, würden wir unseren Müll schon heute in Tüten packen, die einmal Mais, Kartoffel oder Zuckerrübe waren. Auf Picknicks äßen wir mit Einmalbesteck, das problemlos auf dem Kompost verrottet. Und Salat, Tomaten und Gurken wären in Folien gewickelt, die man in die Biotonne werfen kann. "Die Forschung kann seit mehr als 20 Jahren hochwertiges, kompostierbares Plastik herstellen. Die Industriestandards existieren dafür seit den Neunzigern", erklärt der Biologe, der selbst den Biokunststoff Mater-Bi mitentwickelt hat.

Ähnlich sieht es die deutsche Chemikerin Sonja Herres-Pawlis. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München forscht sie an Stoffen, die die Herstellung kompostierbarer Plastiksorten vereinfachen. Angesichts dessen, was technisch möglich wäre und in anderen Ländern bereits umgesetzt wird, ist ihr Fazit: "Wir in Deutschland hinken hinterher."

Wieso setzt sich kompostierbares Plastik – gerade in einem so umweltbewussten Land wie Deutschland – einfach nicht durch? Lediglich einen Prozent Marktanteil hat dieser Kunststoff derzeit im deutschen Verpackungssektor. Tendenz: sehr, sehr langsam steigend. Nun könnte man von den Verbrauchern fordern, einfach öfter zur richtigen "Biotüte" zu greifen. Nur leider ist das gar nicht so einfach.

Verwirrende Begriffe auf Verpackungen

"Oxo-abbaubar", "biologisch", "kompostierbar", all das klingt nach ähnlichen Eigenschaften. In Wahrheit sind die Stoffe, die mit diesen drei Begriffen gelabelt werden, höchst unterschiedlich. Oxo-abbaubare Materialien bestehen aus herkömmlichem Plastik, das aus Erdöl gewonnen wurde. Laut Herstellern soll es sich später selbst zersetzen – ein Zerfallsprozess, den eigens beigemischte Metalle in Gang setzen sollen.

Ob das jedoch so funktioniert, ist fraglich. Schon vor knapp zehn Jahren zeigte sich in einer Studie zu diesem oxo-abbaubaren Kunststoff (Feuilloley et al. 2005): Gerade einmal 15 Prozent des Kunststoffs der Tüten zersetzte sich innerhalb eines Jahres. Das Vergleichsprodukt aus Bi-Mater löst sich dagegen fast vollständig auf. Folgestudien, die die Hersteller des Oxo-Plastiks später als Argument für ihr Material ins Feld führten, beschränkten sich lediglich auf Teilaspekte des Zersetzungsprozesses.

Dass diese Tüten sich wirklich in der Umwelt ohne Rückstände zersetzen lassen, konnte bis heute keine der Untersuchungen zeigen. Der Begriff "oxo-abbaubar" sei daher irreführend, weil viele Menschen ihn mit "bio" gleichsetzen, sagt Herres-Pawlis. "In Wahrheit ist auch eine normale Plastiktüte oxo-abbaubar, wenn ich sie anzünde." 

Das britische Umweltministerium kommt zu einem ähnlichen Schluss und spricht dem Oxo-Plastik jegliche Vorteile ab. Dortige Fachleute sagen sogar, es könne die Umwelt mehr be- als entlasten. So sei zum Beispiel unklar, was mit den Plastikresten passiere, wenn sie erst einmal in den Boden gelangen. Womöglich würden die Überreste sogar Vögel, Fische oder Säugetiere vergiften.

Auch wer zu Tüten und Verpackungen greift, die das Label "Bioplastik" tragen, macht es nicht unbedingt besser. Die Bezeichnung sagt nämlich nur eins aus: Der Kunststoff wurde aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Ob er sich wie eine Pflanze abbaut, steht auf einem ganz anderen Blatt. So besteht zwar ein guter Teil der "Plantbottle", die auch Coca-Cola zeitweilig bewarb, tatsächlich aus Mais und Zuckerrübe. Sie zersetzt sich aber genauso schlecht wie eine herkömmliche PET-Flasche aus Erdöl.

Entsorger verbrennen das Kompost-Plastik

Lediglich als kompostierbar deklariertes Plastik kann sich wirklich zu Kompost aufzulösen. Doch auch hier gibt es eine Einschränkung: Auf dem heimischen Komposthaufen im Garten funktioniert das mit den Verpackungen, die derzeit im Handel sind, nicht. Sie müssten dazu in speziellen Kompostiergroßanlagen verwertet werden.

Und selbst wenn der Verbraucher es also schafft, aus der Vielfalt von Plastiktüten und -folien die theoretisch umweltfreundlichsten Produkte auszusuchen, ist die Mühe wahrscheinlich umsonst. "Unsere Kompostanlagen können nicht zwischen konventionell hergestelltem Plastik und Biokunststoffen unterscheiden", erklärt Annette Ochs*, Ingenieurin beim Bundesverband der deutschen Entsorgungswirtschaft. Darum werde das Kompost-Plastik aussortiert und mit dem herkömmlichen Kunststoff verbrannt. Der Traum vom umweltfreundlichen Plastik: Einfach durch den Schornstein gejagt.

Dabei wäre es durchaus möglich, die Plastiktypen zu trennen. Die Technik dafür existiert, es gibt längst Lasersensoren, die genau das können. Aber die Abfallindustrie will das abbaubare Plastik nicht in ihrem Kompost haben. "Der Biokunststoff liefert weder organische Substanz, noch Nährstoffe", erklärt Ochs. Außerdem zerfalle er viel zu langsam. Zwei negative Eigenschaften, die Bioplastikhersteller vehement bestreiten.

* In einer früheren Version des Artikels stand fälschlicherweise der Name "Susanne Ochs" anstatt "Annette Ochs". Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.