Säugetiere in Australien sind offenbar stärker vom Aussterben bedroht als in anderen Weltregionen, berichten australische Forscher. Ein Drittel der weltweit mehr als 80 Landsäugetierarten, die in den vergangenen 200 Jahren ausstarben, waren einst auf dem Kontinent zu Hause. Schuld seien wahrscheinlich vor allem eingeschleppte Arten, die heimische Tiere fressen. Das hat die Auswertung von rund 3.000 Studien ergeben, die in den Proceedings der US-Akademie der Wissenschaften erschienen ist (Woinarski & Burbidge & Harrison, 2015).

Das Ausmaß des Verlustes sei bislang nicht bekannt gewesen, sagte Autor John Woinarski von der Charles Darwin Universität in Darwin. Während in vielen Ländern vor allem der Mensch direkt den Lebensraum von Tieren gefährdet, weil er sich stärker in der Natur ausbreitet, ist es im dünn besiedelten Australien anders. Viele Arten haben zwar ausreichend Platz, werden aber von Raubtieren gejagt, die eigentlich nicht auf den Kontinent gehören: Einwanderer brachten etwa Rotfüchse (Vulpes vulpes) und Katzen (Felis catus) im 17. und 18. Jahrhundert aus Europa mit. Beide Tierarten haben sich über drei Viertel des Kontinents ausgebreitet.

Oft lebten heimische Säugetiere fernab der Menschen, sagt Woinarski. "Viele sind Nachttiere und zudem scheu, also im Bewusstsein der Menschen nicht so präsent. Sie haben leider auch nicht das Charisma größerer Säugetiere." Die Regierung listet derzeit 20 Arten als ausgestorben auf, darunter etwa das Nacktbrustkänguru (Caloprymnus campestris) oder die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte (Melomys rubicola). In Wirklichkeit seien es aber mindestens 28. Woinarski und seine Kollegen fordern nun mehr Einsatz für bedrohte Arten: "Jedes Jahr geben Australier sechs Milliarden Australische Dollar (etwa 4 Milliarden Euro) für Haustiere aus – mehr, als die Regierung für den Schutz gefährdeter Arten bereitstellt."

Jede zehnte Art ausgestorben, jede fünfte bedroht

In ihrer Analyse berichten die Forscher, dass seit dem 19. Jahrhundert mehr als zehn Prozent der einst 273 einheimischen Landsäugetiere ausgestorben sind. In den USA sei es im gleichen Zeitraum nur eine Art gewesen. Jede fünfte Spezies gelte mittlerweile auf dem fünften Kontinent als bedroht. Es deute alles darauf hin, dass auch künftig alle zehn Jahre ein bis zwei Arten aussterben.

"Wir haben mindestens zehn Arten, von denen es weniger als 1.000 Exemplare gibt", sagt Woinarski. Dagegen würden die Populationen der wildlebenden Katzen und Füchse auf je 10 bis 20 Millionen geschätzt. Sie richteten mit Abstand den größten Schaden an. Dabei sind sie als Plage längst bekannt. In vielen Regionen rücken die Menschen den Tieren mit Giftködern zu Leibe. "Bei Füchsen funktioniert das, bei Katzen ist es schwieriger, sie sind beim Fressen sehr wählerisch", sagt Mitautor Andrew Burbidge. Solche Köder könnten auch nicht in der Nähe von Farmen oder Siedlungen ausgelegt werden, um andere Katzen nicht zu gefährden.

Giftwurst gegen "nutzlose" Katzen

Gerade laufe ein Versuch mit neuen Ködern in Wurstform für wilde Katzen an. Sie enthalten eine giftige Substanz, die in australischen Pflanzen vorkommt, gegen die heimische Arten aber resistent sind. "Bei dem Wort Katze denken viele Leute gleich an ihre Hauskatze", sagt Woinarski. Wilde Katzen seien aber gefährliche Raubtiere. Dass Füchse und wilde Katzen im australischen Ökosystem einen Nutzen hätten, sei nicht bekannt, berichten die Forscher.

Manch bedrohte Art erholt sich auch. Australien hat bereits einige Schutzgebiete mit Zäunen eingerichtet, um Füchse und wilde Katzen abzuhalten. So stabilisierten sich etwa die Populationen des Ameisenbeutlers (Myrmecobius fasciatus). Andere Arten werden auf Inseln umgesiedelt, auf denen es keine Füchse und wilde Katzen gibt. Das passierte auch mit dem bekanntesten australischen Tier, dem Koala (Phascolarctos cinereus). Doch diese Praxis ist auch nicht ohne unerwünschte Nebeneffekte: "Auf einigen geschützten Inseln ist der Koala inzwischen zur Pest geworden", sagt Woinarski. Die Tiere hätten sich dort rasant vermehrt und die Vegetation kahlgefressen. "Auf der Känguru-Insel werden Koalas schon sterilisiert."